ARCHIV » 2009 » Ausgabe 02+03/2009 »

  • Unterkapitel wählen

Titel

ORF braucht Kulturkanal

Von Elisabeth Horvath

Johannes Kunz, von 1986 bis 1994 ORF-Informationsintendant, diagnostiziert neben dem Finanzdebakel der öffentlich-rechtlichen Anstalt auch ein veritables Imageproblem, unter dem der ORF von heute ebenso sehr leidet.

?ORF-Insider sagen, das Finanzdesaster geht schon weit zurück, es habe sich bereits in der Generalintendanz Weis abgezeichnet. Seit damals sei man die angesichts der sich verändernden Medienumwelt nötigen Umstrukturierungen nicht angegangen. Stimmt das?

Johannes Kunz: Viele Medien, auch die europäischen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, auch große Zeitungen – Paradebeispiel ist die „New York Times" – haben wirtschaftlich existenzielle Probleme. Doch sind Probleme, wie es so schön im Volksmund heißt, dazu da, um gelöst zu werden. Der ORF hat aber neben dem wirtschaftlichen nun noch ein zweites Problem, das ist ein Imageproblem.

Wodurch?

Weil man in der Öffentlichkeit immer wieder vom wirtschaftlichen Problem hört, nie aber, wie die Lösung aussieht und wohin es künftig gehen soll. Und diese Mischung aus objektiv wirtschaftlichen Problemen und dem aus der Nicht-Lösung entstandenen Image-Problem ist jetzt ein gefährliches Amalgam.

Warum gefährlich?

Weil es immer so ist: Wenn der ORF seine Probleme nicht selbst lösen kann, dann tritt zwangsläufig die Politik auf den Plan. Und das muss nicht immer zum Vorteil des ORF sein.

Gibt es Anzeichen dafür?

Ich lese immerhin bereits von zeitlichen Ultimaten, bis wann der ORF seine Probleme lösen muss. Das sagt schon viel. Natürlich ist Generaldirektor Wrabetz jetzt gefordert. Seine Position hat ja durch das gültige Rundfunkgesetz sogar eine Aufwertung erfahren. Er hat ein Weisungsrecht auch in Programmfragen bekommen. Das hatte seine Vorgängerin nicht. Und er war, bevor er Generaldirektor geworden ist, etliche Jahre kaufmännischer Direktor des ORF. Also kennt er wohl substanziell die Probleme. Und er ist ein intelligenter Mann, also wird er ja wissen, dass er jetzt gefordert ist, ein fundiertes Konzept auf den Tisch zu legen.

Hätte Wrabetz nicht schon als Finanzchef den ORF sanieren müssen?

Möglicherweise hätte er das müssen, das will ich jetzt nicht beurteilen. Nur: Es ist ja noch nicht zu spät, aber es ist spät.

Was ist eigentlich mit dem Sanierungspaket, das Wrabetz vor etlichen Wochen vorgelegt hat? Warum erwartet man jetzt eigentlich ein völlig neues Konzept?

Das Entscheidende am ORF ist das Produkt. Ich muss also beim Produkt anfangen: Wie definiere ich den öffentlich-rechtlichen Auftrag und zwar heute, im Jahr 2009, mit einer Perspektive von drei, vier Jahren? Viel mehr kann man nicht erwarten, weil sich alles so schnell entwickelt. Und dann muss man sagen: Wo stehe ich jetzt mit meinem Programm und meinen wirtschaftlichen Strukturen und wo muss ich hin? Und, um meine Position behaupten zu können: Was muss ich der Bevölkerung innovativ anbieten? Um das aber leistbar zu machen, muss ich schauen, worauf ich verzichten kann und wie ich die Ressourcen wirtschaftlich und personell dem anzustrebenden Produkt anpassen muss. Sicher wird man schmerzhafte Schnitte machen müssen, ich glaube aber, dass man nicht nur defensiv vorgehen soll. Beginnen muss man also beim Produkt. Ich kann doch nicht da ein bissl was streichen und dort ein bissl was, und dann komme ich wieder ein Jahr über die Runden.

Was konkret sollte der ORF neu inhaltlich anbieten, wenn man zum Beispiel die ORF-TV-Nachrichten mit jenen von ARD und ZDF vergleicht?

Zunächst sollte man sich auf die natürlichen Stärken des ORF besinnen. Ich würde sagen, die Information ist immer noch gut im ORF und er ist in der Information immer stark gewesen. Es ist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unverzichtbar, dass er eine starke Information hat. Also muss man sie noch besser, noch stärker machen.

Sitzen im ORF die besten Leute, die Österreich zu bieten hat?

Das wird man von Fall zu Fall beurteilen müssen. Ich werde aber jetzt nicht auf einzelne Personen eingehen.

Bedarf es da nicht einer stärkeren Professionalisierung?

Na sicher. Wir haben in der ORF-Geschichte seit der Rundfunkreform Ende der 60er-Jahre zwei Schulen, die beide auf ihre Weise erfolgreich waren. Wenn ich diese verkürzt an Personen aufhänge, so sage ich: da war Bacher-Qualität, da war Zeiler-Quote. Ich bin 1994 gegen Zeiler angetreten, weil ich das Kopieren des kommerziellen Fernsehens für falsch gehalten habe. Man muss jedoch anerkennen, dass die Zeiler-Jahre, was die Quote betrifft, erfolgreich waren.

Ging das nicht auch schon damals auf Kosten der Qualität?

Ja. Und wenn man jetzt möglicherweise in ein Fahrwasser kommt, wo man sagen muss, man hat die Qualität nicht mehr und die Quote auch nicht mehr, dann ist das das Schlechteste, was passieren kann.

So weit ist es ja jetzt.

Ich würde es nicht so dramatisch beschreiben, aber ich bin der Meinung, dass das Jahr 1994 ein Bruch war. Und ein Problem des ORF, das jetzt besteht, ist die Tatsache, dass der ORF bereits über einen längeren Zeitraum hinweg viel von seiner Unverwechselbarkeit verloren hat. Deshalb auch mein zweites Anliegen: Österreich ist ein Kulturland und da hat der ORF ebenfalls einen Auftrag.

Hat Opernchef Jan Holender mit seinem Vorwurf Recht, im Fernsehen finde keine Kultur mehr statt?

Na ja, so generell würde ich es nicht sehen, ich glaube aber, dass man den Kulturauftrag umfassender wahrzunehmen hat. Immerhin sind wir ein Kulturland und definieren unsere Identität weitgehend über die Kultur. Eine weltbewegende Industrienation sind wir nicht und werden es auch nicht sein, wohl aber eine Kulturnation, was eben auch eine wirtschaftliche Bedeutung hat. Deshalb plädiere ich für einen Kulturkanal, einen Spartenkanal Kultur, im ORF, der das Kulturleben in diesem Lande widerspiegelt.

Ähnlich wie die Kanäle ZDF-Kultur oder ZDF-Dokumentation?

Ja, Österreich verträgt durchaus einen Kulturkanal. Dafür wäre auch ein eigenes, internationales Marketing wichtig. Dadurch würde auch die Kultur, die ja zu einem Gutteil hoch subventioniert ist, einem breiteren Publikum zugänglich, das sich vielleicht teure Karten nicht leisten kann. Die Idee ist nicht von mir, die gibt es im ORF, sie ist nur aus finanziellen Gründen nie realisiert worden. Doch jetzt, wo eine Reorganisation ansteht, reduziert, eingespart werden muss, sollte man auch in manchen Bereichen offensiv sein. Es ist z.B. die Frage, ob man sich noch alle großen Sportereignisse leisten kann. Ich weiß als ehemaliger Informationsintendant, wie in diesem Bereich die Preise explodieren. Da aber die Leute aufgrund der Technikentwicklung alle Möglichkeiten zu Hause haben, muss nicht mehr eine Anstalt alles bieten. Doch mit einem Kulturkanal würde der ORF die gesamte Kulturlobby – von Filmproduzenten bis zu den großen und kleinen Bühnen – für sich gewinnen und eine medienpolitische Innovation bringen. Übrigens bin ich auch für die Absicherung des großartigen RSO Wien.

Wie wäre das zu finanzieren?

Warum kann nicht ein Kulturkanal auch öffentliche Gelder bekommen, etwa aus der Tourismusförderung?

Also nicht über Gebührenfinanzierung?

Nein. Mit der heutigen Gestion des ORF kann man natürlich nichts Zusätzliches finanzieren. Dafür müsste man neue Finanzierungsmodelle finden. In solch einer Krisensituation sollte man eben nicht nur zusammenstreichen, sondern auch Neues bieten, das für das Land essentiell und wichtig ist. Und wofür Wrabetz mit Sicherheit auch die Unterstützung der Politik bekommen würde. Denn das macht kein privater Sender. Bestimmte Schlagersänger-Wettbewerbe macht jeder Kommerzsender, möglicherweise besser als der ORF, aber einen Kulturkanal wird kein Privater machen können.

Trauen Sie Generaldirektor Wrabetz zu, solch ein Sanierungspaket auch umzusetzen?

Ich traue es ihm grundsätzlich zu – solange ich nicht eines Besseren belehrt werde. Er hat ja Zeit bis Anfang April. Im Moment plädiere ich aber für eine Versachlichung der Diskussion. Denn jetzt findet etwas statt, das in Österreich immer stattfindet. Wir führen in Wirklichkeit wieder einmal eine Personaldiskussion. Und wenn man sich die Kontinuität der ORF-Führung in den letzten 23 J
ahren anschaut, sieht man, dass kein Generalintendant bzw. Generaldirektor länger als vier Jahre amtiert hat: 1986 bis 90 war Podgorski, der 1986 Bacher abgelöst hat. 90 bis 94 war wieder Bacher, 94 bis 98 Zeiler, 98 bis 2002 Weis, 2002 bis 06 Monika Lindner. Jetzt haben wir 2009 und es wird an Wrabetz gesägt. Wenn also kein Geschäftsführer länger als vier Jahre amtiert, heißt das, dass das Haus in der Führung keine Kontinuität hatte. Das ist deshalb eine Problematik, weil jeder Neue sich das Haus herrichtet, sein Team etabliert, seine Vorstellungen formuliert …

… neuerlich weiße Elefanten schafft…

… und wenn er sein Team hat und seine Vorstellungen vertieft hat, beginnt schon wieder das Absägen.

Das hängt mit der Politik zusammen: Wenn alle vier Jahre eine neue Regierung antritt, die in der ORF-Führung ihnen Nahestehende platziert, wird entsprechend gesägt. Wie kann man das entkoppeln? Oder ist das Illusion?

Ich halte es aufgrund der bisherigen Erfahrungen für eine Illusion. Aber vielleicht sind die Politiker lernfähig.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 32 bis 33 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;