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Medien

Statt Kurzarbeit „Presse am Sonntag“

Von Engelbert Washietl

„Die Presse" erscheint ab 15. März an sieben Tagen in der Woche und hofft auf Reichweitengewinne und Selbstbehauptung in der Krise.

Die Tageszeitung „Die Presse“ benimmt sich auffällig. Wie man spätestens seit der Plakatserie mit Österreichs schönstem Chefredakteur weiß, liegt das zum Teil sicherlich auch an diesem, also an Michael Fleischhacker. Und da beginnt schon die Polarisierung. Die einen fragen, ob sie einen Arzt ins „Presse“-Haus in der Hainburger Straße in Wien schicken sollen. Vermutlich gehört „Falter“-Chefredakteur Armin Thurnher zu ihnen, denn er appellierte vor kurzem in einem klarstellenden Meinungsartikel: „Hol dich da raus, Fleischhacker!“

Andere anerkennen, dass die Teamfähigkeit der „Presse“-Mannschaft noch immer nicht grundlegend gestört sein könne, weil sie täglich mit zu knappen Mitteln erstaunliche Leistungen zu Stande bringe. Diese Weltsicht schlug sich in der Auszeichnung Fleischhackers mit dem Sonderpreis von „Der Österreichische Journalist“ nieder, weil er „als Blattmacher die, Presse‘ in die internationale Liga geführt habe“.

Kaum war das geschehen, benahm sich Fleischhacker schon wieder auffällig. Am 21. Jänner beendete er in einem Artikel erste Gerüchte und kündigte den Lesern an, dass es ab März „die, Presse‘ auch am Sonntag“ geben werde. Und bezeichnete, weil man ja nicht über Gebühr leise treten soll, die Sonntagslektüre einer Zeitung wie „Die Presse“ als Menschenrecht. Inzwischen scheinen die Würfel gefallen – am 15. März soll das neue Produkt erscheinen.

In der Branche wurde reflexartig die Frage gestellt, die bei keiner Innovation auf dem Zeitungsmarkt fehlt: „Geht das überhaupt?“ In einer Krisenzeit, in der die Verlagshäuser Kosten reduzieren, die letzten Fettpölsterchen aufspüren wollen und sogar den Jahreskongress des Weltzeitungsverbandes WAN – er wäre für März in Indien geplant gewesen – aus Sparsamkeit platzen lassen, erfindet ausgerechnet die nicht üppig ausgestattete „Presse“ den siebten Erscheinungstag. Das wirkt in verwegener Form antizyklisch. Weshalb die Frage, ob das gelingen wird, nicht einmal von Fleischhacker definitiv mit Ja beantwortet wird. Er will es probieren und glaubt daran.

„Das letzte Quartal 2008 hat alle Ergebnisse zusammengehaut. Da kann man nicht sagen, wir nutzen das Krisengerede. Die Krise ist längst da“, konstatiert Fleischhacker. Bei den Stellenanzeigen müssten andere Zeitungen bereits 50 Prozent Rückgang verzeichnen. „Die Presse“ treffe dieser Einbruch in den Rubrikenanzeigen nicht so drastisch: „Wir haben so wenig, dass wir nicht so viel verlieren können.“ Die Anzeigenpreise im Karriere-Teil seien außerdem so niedrig, dass die Katastrophe prozentuell nicht dramatisch sei. Wenn aber am Jahresende im Budget ein Minus von 20 Prozent übrig bleibe, dann fehlen sieben Millionen Euro, wer solle das aushalten?

So wie die Stimmung in den österreichischen Medienhäusern derzeit ist: niemand. Wobei allerdings „Die Presse“ zur Flucht nach vorn übergeht. Die Investitionen für die Sonntags-„Presse“ machen ungefähr so viel aus, wie dem Verlag auf Grund des Wirtschaftseinbruchs am Jahresende fehlen wird. Als Außenstehender kann man dem Experiment eigentlich nur mit einer Kalkulation Vernunft abgewinnen, bei der man nicht sicher ist, ob Wirtschaftsprüfer dazu ihre Unterschrift geben könnten: Da der „Presse“ so wie jeder anderen Zeitung an ihren sechs Erscheinungstagen viele Inserate fehlen, wird sie in dieser angestrengten Phase auch im redaktionellen Teil dünner. Wenn der Redaktionsteil konjunkturbedingt schrumpft, müsste die Zeitung also ähnlich der Voestalpine zur Kurzarbeit übergehen, weil die Leute nicht genug zu tun haben. Oder sie macht etwas, was die Voestalpine nicht kann, indem sie einen siebenten Arbeitstag für ein neuartiges Produkt einschiebt. Der Voest bliebe dieser Ausweg versperrt, weil ihre Schichtarbeiter sowieso schon sieben Tage die Woche die Hochöfen heizen.

Die Manpower wird vor allem aus dem vorhandenen Personal abgezweigt. Rainer Nowak und Christian Ultsch, zwei bewährte Redaktionsmitglieder der „Presse“, übernehmen die „Supervision“ des neuen Blattes und animieren Redaktionskollegen und -kolleginnen dazu, in die Saiten und Seiten zu greifen. Denn die Last der Durchführung liegt bei den klassischen Ressorts der Zeitung, also bei Innenpolitik, Wirtschaft und so fort. Für die in einem Buch zusammengefassten Schwerpunkte „Leben“ und „Globus“ wird die bisherige Leiterin von „Leben lernen“, Doris Kraus, zuständig sein.

Die Erfindung des siebten Schöpfungstages ist für Fleischhacker ein Gebot der Stunde. „Der Sonntag ist der wichtigste Zeitungstag der Welt“, sagt er. Die „Kronen Zeitung“ spielt seit vielen Jahren erfolgreich vor, wie man am Sonntag mit einer quasi gratis unter das Volk gebrachten Zeitung gute Gewinne und hohe Reichweiten erzielen kann. 1,6 Millionen Exemplare druckt die „Krone“ für jeden Sonntag. Angesichts der Wirtschaftskrise besinnen sich auch andere Verlage auf diesen weitgehend arbeitsfreien Wochentag. Ein Blatt vom Typ der Qualitätszeitung hat es noch nicht versucht.

Das Geschäftsmodell der Kaufzeitung sei bei Umsatzeinbußen von 20 oder 30 Prozent nicht mehr aufrechtzuerhalten, sagt Fleischhacker. Die Zeitung funktioniere unter den bisher üblichen Bedingungen nicht mehr. Also müsse die Sonntags-„Presse“ her, die den Wochenend-Leserkreis rapid, nämlich um 40 Prozent erweitern werde. 190.000 „Presse“-Exemplare kommen seinen Angaben zufolge bisher am Wochenende unter die Leute, nicht zuletzt durch die auch am Sonntag aushängenden Entnahmetaschen. 280.000 sollen es nach Erscheinen der Sonntagsausgabe für beide Tage zusammen werden. Der heutige Stand von 190.000 Samstag-„Pressen“ stimmt ungefähr mit dem Ergebnis der „Österreichischen Auflagenkontrolle“ (ÖAK) des ersten Halbjahres 2008 überein: Die Zeitung ließ an Samstagen durchschnittlich 204.308 Exemplare drucken – fast doppelt so viel wie an jedem der übrigen Wochentage. Davon wurden rund 157.000 direkt oder im Abo verkauft. Dazu kommen noch einige Positionen wie „Großvertrieb“ sowie ein Gratisvertrieb von 19.000 Exemplaren.

Wichtig für „Die Presse“ ist die Steigerung ihrer Reichweite in der Media-Analyse, zumal sie in dieser Kategorie mit 3,8 Prozent Reichweite (MA 2007) vom „Standard“ mit 5,0 Prozent abgehängt wurde, obwohl sie eine höhere Verkaufsauflage hat. Für Petra Roschitz, Geschäftsführerin der Media-Analyse, besteht kein Zweifel, dass sich die künftige Sonntag-Ausgabe in der MA niederschlagen werde. Die Reichweite werde gleichmäßig für alle Erscheinungstage einer Zeitung abgefragt. Seit 2008 werde außerdem die Nutzung von Wochenend-Ausgaben gesondert erforscht, im Fall der „Presse“ würde demnach der Sonntag zusätzlich zu den bisherigen Wochentagen abgefragt und ausgewiesen werden, wie das auch bei „Krone“ und „Kurier“ gehandhabt werde. Im Fall des „Standard“ bleibe der Samstag für die Wochenendfrage relevant. Sollte „Die Presse“ an Sonntagen in Entnahmetaschen aushängen, ändere das nichts an der Vorgangsweise, sie gelte so wie die „Krone“ als Kaufzeitung.

Nach Fleischhackers Szenario wird es an Samstagen keine „Presse“-Taschen mehr geben, wohl aber sonntags. Außerdem werde die Sonntagszeitung allen „Presse“-Abonnenten ein Jahr lang gratis zugestellt.

Christian Ultsch bleibt außenpolitischer Ressortleiter und freut sich, mit der Sonntagsausgabe redaktionellen Raum für die Kreativität von rund 30 In- und Auslandskorrespondenten zu bekommen. Häppchen-Journalismus sei nicht mehr gefragt, die Leser hätten Lust an großen, zusammenhängenden Geschichten und Reportagen. Rainer Nowak, der als Gesellschaftsberichterstatter auch in alle vorzüglichen Kochtöpfe schaut, kommt von der Innenpolitik und der Wien-Berichterstattung. „Wir wollen zeigen, dass man Gesellschaftsberichterstattung nicht verschämt in die Klatschspalten abschieben muss, sondern i
ntelligent machen kann.“

Arbeitsrechtlich scheint die Sonntagslösung zu keinen erheblichen Kontroversen geführt zu haben. Neu, aber ohne ursächlichen Zusammenhang mit dem neuen Produkt ist die Schaffung einer Nachrichtenagentur namens „Die Presse Content Engine GmbH“, in der die Fotografen und Korrespondenten der Zeitung zusammengefasst werden. Die betreffenden Arbeitsnehmer werden auf Grund ihrer untypischen Arbeitsbedingungen aus dem Journalisten-Kollektivvertrag ausgeschieden. Für die gesamte Mannschaft gilt laut Fleischhacker die Regelung „5 Arbeitstage an 7 Wochentagen“. Der aktuelle Teil der Sonntagszeitung wird am Samstag produziert.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2009 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 44 bis 49 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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