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Leben

Titten tippen

Von Sophia T. Fielhauer-Resei

Von obszön bis wissenschaftlich, von Sexkolumne bis Aufklärung – die Sexschreiber.

Herr Kurt fordert Sex frei heraus, obszöne Worte, keine Umschweife. „Knallhart und unerbittlich". Herr Kurt ist Kurt Molzer, 41, seit gut einem Jahr Chefredakteur des „Penthouse" – mit den „Abenteuern des Herrn Kurt" in jeder Ausgabe verewigt. In Verkleidung als Lesbe auf Brautschau, als Casanova vom Campingplatz, Sexguru, Küchenhilfe oder Blinder testet Molzer seine Wirksamkeit in der Realität. Selig reitet er als Asphalt-Cowboy auf einem Pferd durch München. Nachzulesen auch auf www.penthouse.de unter der Rubrik Leben & Leute.

Kurt Molzer ist ein original Simmeringer oder, wie er ob der ständigen Verwechslung mit dem FC Bayern-Kicker Luca Toni bekennt: „Ein Prolet aus Wien mit Streichholzbeinen". Der Journalist werkte als Chefreporter bei „Bunte" und „Bild", ab 2003 schrieb er sich seine sexuellen Phantasien in der Männerzeitschrift „GQ" vom Leib. Seine Kolumnen „Kurt versucht’s wenigstens" und „Kurt versucht’s wieder" gipfelten im Buch „Kurts Geschichten: Aus dem Leben eines grandiosen Frauenhelden".

Befreundet mit „Bild"-Herausgeber Kai Diekmann, schrieb Molzer Anfang 2007 „Bild"-Serien wie „Schicksal Impotenz". Zu real: „Deprimierende Geschichten aus der Körpermitte, das genaue Gegenteil von Sex und der Irrsinn von Blut und Mord in dieser Tageszeitung – da habe ich gesehen, dass ich so etwas nicht mehr schreiben kann." Mit dem „Penthouse"-Chefsessel glückte die Flucht zurück in bewehrtes Stehvermögen. Vorsorglich hat sich Molzer im ersten Editorial, stets persönliche Briefe, bei seiner Mutter entschuldigt: „Deinem Wunsch, Anwalt oder Steuerberater zu werden, konnte ich leider nicht entsprechen. Stattdessen bin ich Chefredakteur eines Tittenmagazins geworden, bitte verzeih!"

Mit Details aus seinem Privatleben hält sich der Sex-Kolumnist zurück, keine Geständnisse von einem trauten Heim. Ob er Bekenntnisse des Hochstaplers Herr Kurt oder gelebte Abenteuer verfasst, bleibt geheim. Kurt hat viele männliche Fans in Deutschland, Österreich und der Schweiz, gibt Autogramme.

„Es kann freilich fad werden, nur übers Vögeln zu schreiben, aber das mache ich ja nicht." Neulich hat Molzer ein Angebot des TV-Senders „ATV" abgelehnt: „Der Chefaufreißer", acht Folgen à 90 Minuten. „Ich sollte acht Deppen beibringen, wie man Frauen aufreißt. Für 25 Drehtage einkaserniert in ein Loft, wo ich ihnen die Taktik beibringe und Fehler aufdecke. Nicht für eine Million Euro." Das Erlernte hätten die Herren in freier Wildbahn praktiziert, gefilmt mit versteckter Kamera. „Ich habe abgelehnt, Privatfernsehen kotzt mich an." Molzer favorisiert Theater und Oper. Die Printmedien-Krise gebietet Neuland: „Der onanierende Mann von heute sitzt vor dem Computer und bezahlt nichts. Bewegte Bilder können wir nicht bieten, also wird ein gut funktionierendes Männermagazin in Zukunft ohne nackte Frauen auskommen." Laut Leserbriefen empfindet manch „Penthouse"-Käufer den Abdruck nackter Frauen gar als störend. „Wenn die Branche überlebt, dann vielleicht mit einer ästhetisch fotografierten Frau im Heft und sonst nur guten Geschichten. Der Sex in Worten spielt natürlich eine riesige Rolle." Herr Kurt kann’s.

Nur kein Exhibitionismus. Pornographie kann durchaus langweilig sein, attestiert Gabriele Kuhn, 48, stellvertretende Chefredakteurin des „Freizeit Kurier" und Autorin der Kolumne „Sex". Dergleichen gelesen hat sie schon reichlich. „Ich könnte exhibitionistischer schreiben, wenn ich nicht für eine Tageszeitung arbeiten würde, aber ich habe keine Sehnsucht danach." Die Journalistin ist mit ihrem Kollegen Michael Hufnagl verheiratet, hat eine neunjährige Tochter und einen 21-jährigen Sohn aus erster Ehe. Gemeinsam hat das Ehepaar Hufnagl das humorvolle Buch „Paarspalterei" (Verlag Molden, 2008) geschrieben – die Tücken männlicher und weiblicher Sichtweisen. Buchrecherche am eigenen Leib: „Es war Anfangs schwierig, ich bin sehr strukturiert und er macht alles in der letzten Minute. Das war schon ein Streitfaktor."

Vom „Kurier"-Ressort Leben wechselte Kuhn 1996 in die „Freizeit", neben Gesundheitsthemen übernahm sie auch die Delikatessen. Dass etwas mehr Sex einem Magazin gut ansteht, wähnte Chefredakteur Michael Horowitz 2002 und suchte Kuhn von einer Kolumne zu überzeugen. „Mein erster Gedanke war never ever, das Thema ist tot geschrieben. Ich konnte mir das nicht vorstellen, außer, wenn ich Wissenschaft mit Ironie verknüpfen kann." Selbstbetrachtungen, Erzählungen von Freundinnen und Aufgeschnapptes bilden seither die Basis der Kolumne, Neuigkeiten aus der Welt der Gelüste gibt es anbei in der „Sexbox" und in Kuhns Blog „Sexleben" auf Kurier.at – nicht bloß Tupperware-Partys machen Freude, eine „Dildoparty" unter Frauen stärkt Freundschaftsbande. Täglich schicken Leser Fragen per Mail. Was nicht gegen die guten Sitten einer Tageszeitung verstößt, beantwortet Kuhn im „quickie", dem Frage-Antwort-Schlusspunkt ihrer Seite. So wird auch das Mysterium des „Hodenbadens" gelöst.

„Die Kolumne ist kein Dr. Spätsommer für Erwachsene, sie ist auch nicht immer ernst zu nehmen. Wenn etwas explizit auf Erregung aufgebaut ist, wird’s heikel. Meist kann ich mich gut durchlavieren, aber eine ganze Geschichte über den Blowjob könnte ich nicht schreiben. Das Feingefühl für Grenzen muss man entwickeln." Doch selbst die kleinste Prise Erotik erregt Gemüter und so musste sich selbst Kuhn schon als „Pornohure" beschimpfen lassen. Mit der „Pionierin auf dem Gebiet" will sich die Kolumnistin nicht messen: „Gerti Senger ist Psychotherapeutin und gibt auch Ratschläge, das ist unvergleichbar. Das Stilmittel meiner Kolumne ist Ironie, sie soll zum lachen sein. Wir sind so oversexed und werden in Schablonen gepresst. Sexualität wird meist wie im, Cosmopolitan‘ abgehandelt. Aber es gibt doch eine Bandbreite, nicht bloß 30 Griffe und Tipps, jemanden heiß zu machen."

Pionierin statt Sexpertin. Prominenteninterviews für deutsche und Schweizer Zeitungen, Schreiben für eine Pharmazeitschrift – Themen wie Potenz werden salonfähig. Prof. Dr. Gerti Senger, damals noch ohne Titel, trifft Sexologen und beschreitet einen neuen Weg. Ihr erstes Buch „Was heißt schon frigid!" überzeugt auch Herausgeber Hans Dichand, der Senger 1981 von Deutschland nach Wien zur „Kronen Zeitung" holt.

Seit nunmehr 28 Jahren schreibt Gerti Senger, 66, ihre „Krone Bunt"-Kolumne „Lust & Liebe", jeden Dienstag beantwortet sie Leserfragen. Langweile verspürt sie keine: „Mein Wissen hat sich enorm vertieft, ist detailreicher. Lese ich eine Kolumne von 1985, habe ich das Gefühl, etwas Fremdes in der Hand zu halten. Ich bin ein anderer Mensch als vor einem Viertel Jahrhundert." Die Titulierung „Sexpertin" findet Senger mittlerweile entbehrlich: „Ich nehme es mit einem Lächeln, weil ich dem Ganzen Popularität und einen gewissen Wohlstand zu verdanken habe."

Sie hat Psychologie und Pädagogik studiert, eine Ausbildung zur Psychotherapeutin absolviert, promovierte zum Doktor, bekam den Berufstitel Professor verliehen, lehrt und betreibt eine Privatpraxis. Neben ihren Kolumnen sind zahlreiche Bücher erschienen (zuletzt „Die Beziehungsmaschine", Amalthea Verlag).

Auch als Sexkolumnistin möchte sich Senger lieber nicht bezeichnen. „Ich lese Gabriele Kuhn gerne. Es ist Schreibkunst, aber keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik. Auf zehn meiner Kolumnen kommt ein Sex-Thema." Dr. Senger versteht sich vielmehr als Wegbereiterin. „Ich war die erste Frau in Deutschland, die derart über Sex geschrieben hat, die Nachfolgerin von Oswalt Kolle. Ich war die Pionierin, dann kamen die Touristen." Sehr komplexe Stoffe bearbeitet Gerti Senger für eine große Leserschaft. „Ich schreibe für die die ABC-Schicht, f

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