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ARCHIV » 2009 » Ausgabe 02+03/2009 »

Medien

Über die Arbeit einer Plattformredaktion

Von Engelbert Washietl

Wie führt man Print und Online zusammen? Mario Garcia coacht seit zwei Jahren das „WirtschaftsBlatt". Die Ergebnisse präsentiert er beim European Newspaper Congress.

Auch wenn die Nachrichten von der Börse derzeit wenig Freude bereiten, wollen sie von denen abgerufen werden, die Aktien besitzen. Der „Aktien Quick Check" ist ein wichtiges Einfallstor, durch das die Tageszeitung „WirtschaftsBlatt" seine Kunden ins digitale Zeitalter geleitet. Die Herausforderung liegt innen und außen. Im Verlagshaus in Wien-Simmering wird seit rund zwei Jahren unter professioneller Begleitung durch den Medien-Guru Mario Garcia an der redaktionellen Vernetzung von Print und Online gearbeitet. Ziel: eine volle Integration, die dank eines klaren Regelwerks die Verbreitung der News auf dem jeweils besten Weg und zumeist auf mehreren Plattformen sichert. Nach außen rührt das „WirtschaftsBlatt" die Werbetrommel für die digitale Ära. Seine Kunden sollen „den Mehrwert steigern", verkündet ein ganzseitiges Eigeninserat: „1 Zeitung – 5 Services: Zeitung + digital-paper + Mobil + Aktien-Quick-Check + Vollarchiv digital".

Die Zwischenbilanz dieses digitalen Care-Pakets scheint CEO Hans Gasser zufrieden zu stellen, auch wenn sie auf eine Polarisierung der Zeitungsabonnenten hindeutet: „Über den Daumen gepeilt würde ich sagen, dass nur ein Viertel unserer Leser/User beide Plattformen – Print und Digital – gleichermaßen nutzt. Die anderen sind entweder Leser im traditionellen Sinn, oder sie sind Teil der Web-Community. Die- se sind zumeist jünger und auch häufiger weiblich – aber durchwegs Entscheidungsträger", sagt er. Im Oktober 2008 habe die Zeitung das absolute High in der Geschichte ihrer Hinwendung zum Internet erlebt: runde 400.000 unique clients, also Zugriffe von unterschiedlichen Computern auf „WirtschaftsBlatt"-Angebote. Gasser: „Das ist genial. Noch nie vorher wurde der redaktionelle, Output‘ unserer Redaktion so weit verbreitet wie 2008. Wir erreichen durch die Digitalisierung zusätzlich eine komplett neue Leserschaft."

Die Jubelnachricht kann sich freilich nicht ganz von der tristen Wirtschaftslage abkoppeln. Schwarze Zahlen hat die Unternehmensbilanz 2008 nicht zu vermelden, wenngleich sich das Ergebnis, wie aus unterschiedlichen Quellen bezeugt wird, im langjährigen Trend sehen lässt. Gasser: „Das wurde mehr durch erhöhtes Kostenbewusstsein erreicht, als durch überdurchschnittliches Wachstum. Die Wirtschaftskrise spürten wir schon seit Mai 2008 in den Umsätzen. Wir sind aber in zweieinhalb Jahren personell insgesamt schlanker geworden, müssen dafür jetzt keine Mitarbeiter abbauen. Da wir unsere Aktivitäten vor allem für die Promotion unserer digitalen Angebote nicht zurücknehmen werden, wird es auch 2009 noch beim Defizit bleiben."

Zu Kosten sparenden Faktoren rechnet Gasser auch den Wechsel des Druckhauses. Der Vertrag mit Media- print, bei der das „WirtschaftsBlatt" seit seiner Gründung 1995 in Vösendorf gedruckt worden war, ist aufgelöst. Die Zeitung entsteht jetzt im Styria-Mutterkonzern in Graz. Das sei billiger, logistisch aber nicht ganz unproblematisch. Der geografische Vorteil beschränke sich auf Südösterreich. Den Vertrieb hat Styria mit Redmail und SAP selber in die Hand genommen.

Online-Ressortchef Alexis Johann ist 36 Jahre alt, Mitglied der Chefredaktion und Koordinator aller Bemühungen, die gedruckte Zeitung mit der digitalisierten Welt zu verknüpfen. Dahinter steckt, erinnert sich Johann, eine konsequente und nicht immer einfache Trainingsarbeit im Haus. Das Internet war der Redaktion zwar auch in früheren Jahren nicht unbekannt, aber doch fern gewesen: Sie manifestierte sich in dem von der Zeitung auch firmenmäßig abgekoppelten Auftritt des „Börse Express", der von Christian Drastil, einem früheren Redakteur des Blattes, geleitet wurde und noch immer wird. Allerdings hat das „WirtschaftsBlatt" in der Zwischenzeit den eigenen digitalen Aufschwung probiert. „Online kann viel mehr. Wir begleiten die Leser in die Online-Zukunft", sagt Alexis Johann. „Um zu verhindern, dass sich die zwei Welten auseinanderentwickeln, wurde eine eigene Online-Redaktion geschaffen und mit der Printredaktion vernetzt. Es genügt eben nicht, die Online-Redaktion mit Studenten zu bestücken, während in der Printredaktion die qualifizierten Profis arbeiten."

Wie die Vernetzung erfolgen sollte, lehrte Mario Garcia während seiner Besuche in Wien. Er hatte sich dieser Aufgabe zuvor schon bei anderen Blättern gewidmet, so beim „Wallstreet Journal". Seine Kernbotschaft: Die Erstinformation erreicht die Leser via Mail und Internet, während die gedruckte Zeitung erst am Tag danach ankommt. Zu dem Zeitpunkt verfügen die Rezipienten schon über die Grundinformation, also muss die Zeitung die Storys „weiter drehen". Die schreibenden Redakteure müssen lernen, die Erstinformationen via Internet in die Öffentlichkeit zu jagen. Das tun laut Johann inzwischen 90 Prozent der Redaktionsmitglieder des „WirtschaftsBlatt", gezwungen wird niemand. Allerdings sitzt ihnen Garcias Spruch im Nacken: „Wer das nicht tut, wird in fünf Jahren kein Journalist mehr sein."

Um den Leuten Funktion und Wert beider Informationswelten beizubringen, setzte Mario Garcia jeweils einen Redakteur für je eine Woche als „Plattform-Manager" ein. Sie mussten dabei die Nachrichtenlage permanent mit den jeweils besten Vertriebswegen verbinden. Und so nebenbei versuchen, die Kunden für die neue Technik zu erziehen.

Die Zeitung mutet ihren Lesern umfangreiche Lehrstücke zu, etwa in der Ausgabe vom 3. Februar (http://enc2009.twoday.net), in der ein redaktioneller Artikel verkündete: „Das Handy wird zur digitalen Nachrichtenzentrale". Die „WirtschaftsBlatt"-Abonnenten konnten während der Lektüre gustieren, ob solche Angebote für sie ausreichenden Lustgewinn versprechen: „Gleich auf der Einstiegsseite erhalten Sie einen schnellen Überblick über die wichtigsten News aus dem österreichischen und internationalen Wirtschaftsgeschehen. Erweitert wird das Angebot durch die Top-News aus dem Börseleben sowie laufend aktualisiert durch die Schlagzeilen aus der Wirtschaft."

Über Online wird ein Anzeigenumsatz von rund einer Million Euro gemacht, was laut Gasser ermutigend sei. Die Auflagenentwicklung macht einen gemächlichen Eindruck. Die letzte verfügbare Statistik der Auflagenkontrolle ÖAK gibt 21.589 verkaufte Exemplare an, davon allerdings nahezu 20.000 in Form von Abos. Gasser hat seit diesem ersten Halbjahr 2008 offensichtlich schon bessere Erlebnisse: 26.000 würden verkauft, am Freitag als dem stärksten „WirtschaftsBlatt"-Tag sogar 29.000.

Die Steigerung der Anstrengungen im digitalen Bereich ist programmiert. Im Gespräch ist auch schon lange die Gründung einer eigenen Firma für alle Online-Aktivitäten, womit die Zeitung freilich auch eine Aufgabe lösen müsste, die in allen Verlagshäusern als sensibel empfunden wird: vertragswirksam zu definieren, was Journalisten sind und nach welchen arbeitsrechtlichen Grundsätzen sie beschäftigt werden.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2009 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 82 bis 82 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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