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Wir warten wie die Feuerwehr, bis es brennt - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2009 » Ausgabe 02+03/2009 »

Medien

Wir warten wie die Feuerwehr, bis es brennt

Von Engelbert Washietl

Krieg und Medien I. Der ORF- und „Presse"-Korrespondent Karim El-Gawhary zieht die journalistische Bilanz des Krieges im Gaza-Streifen.

Beruflich betrachtet sitze ich hier in einer krisensicheren Region." Die Ironie des Nahost-Korrespondenten des ORF und der „Presse", Karim El-Gawhary, ist nicht zu überhören. Im Nahen Osten wird es weiterhin genügend Konflikte geben, zu deren Erklärung sich die mediale Außenwelt auf sachkundige Journalisten verlässt. „Die nächste Krise kommt bestimmt, und sie wird auf jeden Fall größer sein als die Finanzkrise bei meinen Auftraggebern, die beispielsweise den ORF zu personellen Einsparungen zwingen könnte." Während der 22 Tage dauernden militärischen Aufräumaktion Israels im Gaza-Streifen, die mehr als 1.300 Todesopfer forderte und am 18. Jänner mit einem fragilen Waffenstillstand beendet wurde, schlugen die Ereignisse über El-Gawhary dermaßen zusammen, dass er bei der Frage, wie alt er sei, erst ein paar Sekunden nachdenken musste: „45, das wird schon stimmen." In seiner beruflichen Wirklichkeit gibt es andere Prioritäten als den eigenen Geburtstag.

Während des schonungslosen Luft- und Bodenangriffs des israelischen Militärs im eingekesselten Gaza-Streifen war er nahezu Dauergast auf dem ORF-Bildschirm und in mehreren deutschsprachigen Zeitungen. Er lieferte nicht bloß eine Chronik der Ereignisse, sondern fast immer Information mit Mehrwert.

Dabei war er genauso wie alle anderen Auslandskorrespondenten ein Ausgeschlossener, dessen Kenntnisse sich aus Sekundärquellen nährten. „Wir konnten weder von Israel noch von Ägypten hinein. Die Israelis sperrten den Zugang für Journalisten schon einen Monat vor dem Krieg, und wer etwas sehen wollte, konnte auf einen Hügel auf israelischer Seite steigen und hinüberschauen. Es gab keinen ausländischen Korrespondenten in Gaza. Ich habe so etwas noch nicht erlebt, so vollkommen ausgesperrt zu sein, während die vom Krieg Betroffenen eingesperrt waren. Das war journalistisch hoch problematisch." Er bezog zeitweise Posten auf dem höchsten Haus im ägyptischen Teil von Rafah, um ins Frontgebiet zu schauen. Ansonsten halfen ihm mühsame Telefonkontakte zu den belagerten Palästinensern, arabische und israelische Rundfunk- und Fernsehprogramme, Zeitungen und seine Kontakte an seinem beruflichen Standort in Kairo.

„Politisch spielte hier in Kairo die Musik", sagt er, denn hier sei die zweite Kriegspartei außer den Israelis, die Hamas, präsent. Hier wurde verhandelt und vermittelt, bis der von der gepeinigten und traumatisierten Bevölkerung in Gaza ersehnte Waffenstillstand fertig war. „Das war ja merkwürdig am Anfang, da sind alle die Vermittler nach Israel gefahren und haben dort mit dem Palästinenserpräsidenten Mahmoud Abbas gesprochen, der null Einfluss hat. Das hat sich dann geändert, eine Hamas-Delegation war in Kairo präsent, und der politische Berater des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak, Amos Gilad, kam regelmäßig in die ägyptische Hauptstadt. Die redeten aber nicht direkt miteinander, die Kontakte liefen über den ägyptischen Geheimdienst."

Rund 300 Auslandskorrespondenten arbeiten in der ägyptischen Hauptstadt, der Platz ist wichtiger als Beirut oder Dubai, die ebenfalls als Standorte für Berichterstatter in Frage kommen. Außerdem gelangen die Korrespondenten von hier relativ leicht in andere arabische Staaten und auch nach Israel. Das ist auch für Karim El-Gawhary wichtig, denn er ist für Ägypten und die gesamte arabische Welt zuständig, seit 2004 ist er Bürochef für den ORF in Kairo.

Wer ist der Mann? Schon von seiner Herkunft her eine nicht eben durchschnittliche Kombination: Sohn eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter, geboren in München, aufgewachsen in Deutschland mit Studium in Berlin. Als wären seine zwei Staatsbürgerschaften – die deutsche und ägyptische – nicht schon genug, heiratete er eine Amerikanerin und lebt mit ihr und drei Kindern im Alter zwischen vier und vierzehn Jahren in Kairo. „Wir haben die Vereinten Nationen in der eigenen Familie."

Er gibt zu, es unter diesen Verhältnissen nicht darauf anzulegen, sich totschießen zu lassen. „Man gerät natürlich immer in Sachen hinein, wo es kritisch wird, aber ich sehne nicht die Geschichte herbei, die sich als meine letzte herausstellt." Im Gaza-Konflikt wäre ihm dieses Ziel sowieso verwehrt gewesen. Rafah auf ägyptischer Seite wird überhaupt nie für Journalisten geöffnet, nur für Palästinenser. „Wenn ich früher einmal nach Gaza wollte, bin ich immer nach Amman geflogen, über die Jordan-Brücke hinübergefahren, habe mir in Jerusalem den Presseausweis abgeholt und bin endlich im Gaza-Streifen angelangt." Aber auch dieser Weg wurde den Journalisten schon vor Weihnachten abgesperrt.

Gawhary, der Arabisch spricht – wenn auch nicht so gut wie deutsch – hat große Achtung vor der journalistischen Leistung der Palästinenser in Gaza. „Die Berichterstattung aus Gaza heraus wurde von einer neuen Generation von jungen palästinensischen Journalisten getragen, die einen passablen Job machen. Auch der arabische Sender Al-Jazeera bediente sich dieser Kollegen, die dort leben, und hatte die beste Berichterstattung über Gaza, auch in englischer Sprache. Die Israelis hatten nicht damit gerechnet, dass doch so viele Berichte und Bilder nach außen dringen würden." Auch Israel habe im „Krieg der Bilder" mit Bildern gearbeitet, es gab eine eigene Militäreinheit, die geeignete Videos auf YouTube stellte. Aber die Bilder aus dem Gaza-Streifen seien ihrer Natur nach die stärkeren gewesen, nicht weil sie manipuliert waren, sondern weil die Fakten stärker waren. Das sei im Libanon-Krieg von 2006 auch so gewesen.

„Das hat etwas mit der Proportionalität des Konfliktes zu tun", erklärt er. „Aber die besten Geschichten sind die, die hinter der Front geschehen. Es handelt sich ja nicht nur um eine Geschichte von Toten, sondern von zerstörten Lebensträumen. Da fängt man mehr ein, als wenn man an der Front steht und nur die Toten zählt."

Er sagt es sehr nachdenklich, die Sätze sind El-Gawhary-Originale, und mit dieser auf Menschen bezogenen Philosophie füllte er sein im September erschienenes Buch (siehe Kasten). Er fühlt sich als Berichterstatter, der nach den tieferen Ursachen gräbt und Fernwirkungen erkennen will. Die Spielregeln der weltweiten Informationsmaschinen frustrieren ihn, weil diese auch nicht anders funktionieren als die Gehirne der einflussreichen Politiker, die nur kurzfristige und kurzsichtige Ergebnisse zeitigen. Und er meint damit nicht nur die Führer im Nahen Osten, sondern prangert auch „die ganze Arroganz des Westens" an. „Da wird ja gar nicht danach gefragt, warum die Bevölkerung von Gaza bei der Parlamentswahl für die Hamas gestimmt hat. In einer Zeit, in der die moderaten Bevölkerungsteile nichts zu erwarten haben, kann es doch nicht verwundern, wenn die Leute ihre Schlussfolgerungen daraus ziehen. Und das, was jetzt im Gaza-Streifen geschah, war das beste Geschenk, das man den Radikalen machen konnte. Die Generation, die das erlebt hat, und die vielen Araber, die drei Wochen im Fernsehen täglich die verletzten Kinder und Frauen miterlebt haben – das wird langfristig furchtbare Auswirkungen haben. Hamas oder Hisbollah lassen sich nicht wegbombardieren. Es besteht immer noch die absurde Idee, politische Kräfteverhältnisse mit militärischen Mitteln verhindern zu können. Das glaubten die Amerikaner im Irak und die Israelis im Libanon oder jetzt in Gaza. Aber es zeigt sich immer das Gleiche. Mit militärischer Macht lassen sich in der Region keine Kräfteverhältnisse verändern, im Gegenteil. Wir brauchen politische Lösungen."

Die Militäraktion habe die nächste Generation von gewalttätigen Palästinensern erzeugt, ohne dass Israel sicher sein könne, sein Kriegsziel erreicht zu haben. „Wenn die Hamas beweist, dass sie noch irgendwie operativ ist, hat sie den Krieg gewonnen. Eine einzige Rakete nach Israel genügt, und Hamas feiert einen Sieg." Die Raketen sind schon geflogen – nach dem einseitigen Waffenstill
stand Israels.

Solche Machtspiele der radikalen Palästinenser hält er für genauso aussichtslos wie eine weitere wirtschaftliche Strangulierung der Bevölkerung Gazas durch Israel. „Es gibt die arabische Lesart des Konfliktes und die israelische. Ich sehe beide Seiten, und diese müssen verbunden werden, sonst kommt man aus dem Schlamassel nicht heraus. Beide brauchen ihre Sicherheiten. Die Israelis müssen sicher sein vor Raketen, aber wenn die Wirtschaftsblockade gegen Gaza nicht aufgehoben wird, ist das Problem nicht gelöst. Beides muss international abgesichert werden, diese Aufgabe kann man weder Israel noch der Hamas überlassen."

Je heftiger El-Gawhary sich über den aktuellen Nahostkonflikt auslässt, desto konkreter wird er bezüglich seines journalistischen Zugangs. Man müsse genau und kühl analysieren, aber auch den Leuten mit einer großen Sympathie gegenübertreten, die die Krise persönlich durchleben. „Mein Job ist ja nicht auf der israelischen Seite, da hat der ORF jemand anderen. Die Leute in Österreich sollen mitkriegen, was ein Krieg bedeutet. Araber kommen sonst in der Berichterstattung nur als Masse vor. Die Journalisten sollten ihnen aber Namen und Gesichter geben und zeigen, dass sie ähnliche Bedürfnisse haben wie die Österreicher auch – sie wollen in Sicherheit leben, ihren Kindern eine gute Ausbildung geben. Ich glaube, das ist unsere Aufgabe, da fühle ich mich als so etwas wie ein kultureller Übersetzer."

Die technischen Bedingungen für Journalisten seien in Kairo gar nicht so übel, und einen DSL-Anschluss bekomme man vielleicht schneller als in Berlin von der Telekom. „Aber es ist eben so wie in den meisten arabischen Ländern: Der erste Waggon des Zuges fährt im 21. Jahrhundert, der letzte ist noch im 15. Jahrhundert oder so." Die öffentliche Informationsarbeit in arabischen Staaten bestehe noch immer zu oft darin, Information zu verhindern. Die Medienwelt habe sich aber modernisiert. Es gebe arabisches Satellitenfernsehen, das zum Teil sehr professionell gemacht sei, und auch in Ägypten existiere eine nichtstaatliche, unabhängige Presse, die sich keine Hand vor den Mund nehme.

„Wir haben viel mehr Quellen als in früheren Jahren. Aber der Medienvielfalt steht eine große politische Ohnmacht gegenüber. Eine Ohnmacht der jeweiligen Regime im eigenen Land, aber auch eine Ohmacht Israel gegenüber, auch gegenüber dem Westen, der sich immer eher an die Seite Israels stellt. Und das erzeugt Frust."

Seit 17 Jahren ist die Auslandsberichterstattung El-Gawharys Beruf. Da wächst Erfahrung zu, auch schärft sich der Blick für die Methode. „Ich merke schon die Veränderung. Während wir früher eine kontinuierliche Berichterstattung über eine Region machen konnten, machen wir jetzt nur noch Krisenberichterstattung. Wir sitzen wie die Feuerwehrleute mit angezogenen Stiefeln am Bett und warten: Wo brennt es als Nächstes? Und sobald es brennt, kann ich jeden Tag zehn Artikel absetzen. Hätte ich aber einen Monat vor dem Gaza-Krieg einen Artikel über die Blockade angeboten oder eine Woche vor dem Libanon-Krieg eine Story über die Hisbollah-Miliz, dann hätte ich aus Österreich gehört, dass es dort gerade ein viel wichtigeres innenpolitisches Thema gebe und kein Platz für anderes sei. Heute ist das so, dass Konflikte für die Medien regelrecht vom Himmel fallen. Wer hat sich um Georgien gekümmert, bevor dort der militärische Konflikt ausbrach? Das ist ein Armutszeugnis der Auslandsberichterstattung. Wenn Konflikte vom Himmel fallen, stimmt etwas mit der Berichterstattung nicht."

Erschienen in Ausgabe 02+03/2009 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 64 bis 67 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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