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Medien

Zurück zur Natur

Von Heike Hausensteiner

Der Umweltjournalismus in Österreich hat rückblickend einiges bewirkt, ist aber zum Stiefkind der Medien geworden. Die Finanz- und Wirtschaftskrise verleiht ihm eine neue Qualität.

Erneuerbare Energie sollte kein Opfer der Rezession werden." So betitelte jüngst ausgerechnet die „Financial Times" einen Kommentar. Die internationale Tageszeitung ist für viele Journalisten das Vorbild schlechthin. Auch die ökologische Finanzberichterstattung des lachsfarbenen Blattes sucht ihresgleichen. Lässt das für die Umweltberichterstattung allgemein hoffen?

In den österreichischen Medien bleibt vieles besser, seit die Umweltberichterstattung in den 1980er-Jahren eingesetzt hat. Doch die Umweltthemen sind wieder weniger geworden. Das habe aber nichts mit der Wirtschaftskrise zu tun, sagt Conrad Seidl vom „Standard". Manchmal gebe es eine „Kurzkonjunktur, wo man ein Thema schön spielen kann, und dann wieder nicht". Aber im Langzeitvergleich sei Umwelt bereits in den letzten zehn bis 15 Jahren ein weniger starkes Thema gewesen als noch davor. „In den 80er-Jahren hat das jeden interessiert", so Conrad Seidl, der bis 1989 beim „Kurier" war. Inzwischen sei Umweltschutz „teilweise durch", bilanziert er. Die Qualität von Luft und Wasser sei besser geworden. Hinzu komme ein Abstumpfungseffekt. „Nach der 30. Ozon-Warnung ignorieren wir’s." Statistisch gesehen müsste aber (nach 1986 in Tschernobyl) wieder einmal ein größerer Atomunfall passieren. Das würde an der Haltung etwas ändern, nach dem Motto: „Über Skandale schreiben wir, wenn etwas passiert". Frustrierend findet Conrad Seidl, „dass sich so wenig getan hat. Hin und wieder müssen wir der nachwachsenden Generation wieder die Zusammenhänge erklären." Ansonsten müsste man aber leider immer dasselbe schreiben. Dass Österreich zum Beispiel ein neues Steuersystem bräuchte. Selbstkritisch merkt er an: „Wahrscheinlich haben wir in den 80er-Jahren, in unserem Alarmismus, überzogen". Dass beispielsweise der Wald zu 20, 30 oder gar 100 Prozent sterben werde. Zugute hält er seiner Zunft, dass die damalige Berichterstattung zu Verbesserungen geführt habe. Etwa die Katalysatoren in den Dieselautos oder die Entschwefelungsanlagen bei Heizöl. „Das wäre ohne den kritischen Umweltjournalismus nie gelungen." In den 70er-Jahren wurde der Treibstoff rationiert. Aber heute „spüren die Leute Umweltprobleme nicht so sehr". Außerdem würden viele sagen, „es gibt die Grünen und die haben eh zehn Prozent", meint Conrad Seidl.

Wolfgang Machreich von der „Furche" spitzt es noch weiter zu: Dass das Umweltthema im Moment verwaist sei, „hat auch mit dem Niedergang der Grünen Partei zu tun". Die Grünen würden thematisch nichts mehr vorgeben. Zudem sei Umweltschutz ein Mainstream-Thema geworden, findet auch er. In den Medien insgesamt, nicht nur in der Furche, greife es niemand mehr an. An erster Stelle würden Krisengeschichten stehen. Erst dann kämen Themen wie Entwicklungshilfe, Armut und Umwelt – wenn man draufkommt, „Hilfe, wir haben darauf vergessen", sagt Wolfgang Machreich.

„Mit der Finanzkrise ist es eindeutig schwieriger geworden, Umweltthemen unterzubringen", stellt Paul Trummer fest. Er ist in der „Kurier"-Wirtschaftsredaktion u. a. auch für den Bereich Umwelt zuständig. Wirtschaft und Ökologie müssen einander nicht ausschließen. Bloß: Umweltschutz sei wesentlich abstrakter, als wenn der eigene Arbeitsplatz bedroht ist, meint er. „Und derzeit gibt es täglich zahlreiche Meldungen über Kündigungen oder Kurzarbeit." Es liege auch am Zeitgeist, dass im Moment über Umwelt weniger berichtet werde. Hinzu kommt, dass das Thema „nicht in die herkömmliche Ressort- einteilung passt", so Paul Trummer. Sowohl Außen- als auch Innenpolitik und Wirtschaft berichten darüber. Dennoch werde das Thema nicht untergehen, im Gegenteil: Um die Wirtschaft anzukurbeln, werden Unternehmen in alternative Energiegewinnung wie Windkraft investieren und „die Nase vorne haben, wenn die Krise vorbei ist. Dann wird man sich auch in den Medien wieder an die Umwelt erinnern", glaubt er.

„Umweltschutz ist für viele Luxus wie das Sahnehäubchen am Kaffee. In der Bedürfnispyramide rangieren – gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – Arbeitsplatz, genügend Geld für Miete und Nahrung an den vorderen Stellen, für den Umweltgedanken bleibt oft kein Platz mehr", bemerkt eine ORF-Journalistin. Politiker schmücken sich zwar gerne mit ökologischen Aussagen, insgesamt sei Umwelt aber kein Breitenthema. Das gilt offenbar auch für den ORF. „In der Redaktion ist man davon abhängig, wer gerade Chef vom Dienst ist. Wenn man klar argumentiert, kommt man mit dem Thema natürlich eher durch."

Darin sind sich Rundfunk- wie Printjournalisten einig. „Umweltthemen sind immer gleich schwer oder immer gleich leicht unterzubringen", meint Markus Wolschlager von „Österreich". NGOs kämen dann in den Medien unter, wenn sie mehr als eine bloße Forderung stellen. Entscheidend ist der News-Wert. Habe man noch vor einigen Jahren beispielsweise über CO2 wegen des Transports von Erdbeeren berichtet, werde jetzt weniger über explizite Themen gesprochen. „Klimaschutz ist ein breites Thema geworden." Die jetzige Wirtschaftskrise werde sich nachhaltig positiv auswirken, auch auf die Umwelt, ist Markus Wolschlager überzeugt. Diese These vertritt er ebenfalls in dem neuen Buch „Alles wird gut. Wie Wirtschaftskrisen die Welt verbessern." (edition a), das er gemeinsam mit Oliver Tanzer geschrieben hat. Ohne Krise würde man weniger über ökologische Fragen wie Sprit schonende Autos, erneuerbare Energien oder Wohnbausanierung nachdenken. In dieser „green economy" liege jetzt die Chance, so Wolschlager. Ähnlich argumentiert Andreas Linhart von „News", inzwischen auch Chefredakteur von „News Leben". „Green Jobs", meint er, „erwischen zwei Fliegen mit einem Schlag. Sie leisten nämlich sowohl einen Beitrag zur Stärkung des Arbeitsmarktes als auch zur Erreichung der Klimaschutzziele. Das alles aufzuzeigen und den Lesern verständlich aufzubereiten, ist die Aufgabe von gutem (Umwelt-)Journalismus. Und der hat noch lange nicht ausgedient, sondern ist wichtiger denn je."

Die Umwelttechnologie sei einer der wenigen boomenden Wirtschaftszweige, stellt ebenso Doris Holler, Chefredakteurin der Online-Zeitung Ökonews, fest. Das Portal registriert unabhängig von der Wirtschaftskrise und der Gaskrise immer mehr Zugriffe, berichtet sie. „Umwelt ist heute ein größeres Thema als vor fünf Jahren. Weil sich viele Dinge wirtschaftlich nicht mehr rechnen." Die Bedingungen für Umweltberichterstattung seien besser geworden. Habe man sich früher nur auf Naturschutz beschränkt, sei das Thema Umwelt jetzt „auch in den Wirtschaftsbereich vorgedrungen".

Finanzierung und Ökologie bilden „eine unheimlich enge Synthese", sagt der Umweltjournalist und ehemalige FPÖ-Europaabgeordnete Hans Kronberger. „Guter Wirtschaftsjournalismus kann die ökologische Seite nicht außer Acht lassen." Gerade in der Energiefrage, die zur zentralen ökologischen Frage werde – und wesentlich dramatischer ausfallen werde als die Finanzkrise, so seine Prognose. Seit der „klassischen Umweltberichterstattung mit erhobenem Zeigefinger" habe die Ökologie die Gesellschaft erreicht. „Da ist viel passiert." In den österreichischen Medien gehe der Lernprozess langsam weiter, „aber er geht".

Diesen Eindruck scheint auch Michael Lohmeyer von der „Presse" zu haben. „Der Umweltjournalismus hat sich gewandelt. Früher war er ein eigenes Metier. Jetzt hat er auch Eingang gefunden in die Köpfe der Innenpolitik- und Wirtschaftsredakteure." Einen Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise sieht Michael Lohmeyer nicht. Natürlich gebe es thematische Überlagerungen, aber die Berichterstattung über ein Umweltthema bestimmt die Aktualität. Wohl sei es im Moment leichter, Inhalte zu platzieren. „Andererseits sind die Themen so gut wie alle bekannt." Man streitet jetzt eher über die Ausrichtung, wie d
ie Energieproblematik gelöst werden kann. „Die Themen, um die’s geht, sind im täglichen Leben angekommen."

Berichte über Erneuerbare Energien, Umwelttechnik oder Energieeffizienz sind selbstverständlich geworden. Freilich braucht es einen neuen Aufhänger, um ein Umweltthema zu spinnen. Nur: „Es finden sich selten neue Henkel. A Gschicht muss wirklich gut sein und einen neuen Gedanken enthalten", bestätigt „Standard"-Redakteur Conrad Seidl. Dann verdreht auch niemand die Augen in der Redaktionssitzung.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2009 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 84 bis 85 Autor/en: Heike Hausensteiner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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