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Alles Rettung, oder was?

Von Claus Reitan

Was sich rund um die Aktion „Rettet den ORF" zeigt, kennt man von anderen Katastrophen: Der Streit um Kommando und Art der Aktion gefährdet das Ziel. Die unabhängige und qualitative Publizistik will mit dem Manifest „Rettet den ORF" einen ebensolchen erhalten. Die Verwirrung ist enorm. Die Initiative einiger Zeitungen sowie ehemaliger ORF-Granden löst am Küniglberg Widerspruch aus. „Ich wünsche nicht, gerettet zu werden", schreibt Gerald Gross, „ZiB"-Moderator, im „Falter". Das „Krone"-Schwesterblatt „heute" druckt das prompt ab, nur größer aufgemacht. Die Schlacht der Retter tobt. Schon zuvor kaschierte „profil"-Chef Christian Rainer mit dem Leitartikel „WIR retten den ORF" nur mühsam den Eindruck des Enttäuschten, vom Koordinator der Aktion, „Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker, zu spät zur Rettung eingeladen worden zu sein. Dieser bloggte in seiner sonst der „Politikerbeschimpfung" gewidmeten Rubrik, immerhin habe Rainer als weltweit Erster auf Alexander Wrabetz als eigentlichen Garanten der politischen Unabhängigkeit des ORF hingewiesen. Und das, so Fleischhacker, werde ihm, Rainer, keiner so schnell nachmachen. So einen Satz übrigens dem Fleischhacker auch keiner. Außer vielleicht Armin Thurnher, der im „Falter" in der selben Sache ganze Spalten bemüht, um nicht in die falsche Rettungsgesellschaft zu geraten. Jedenfalls: Trotz drohender Atemnot erläutert die Kollegenschaft von „Falter" über „profil" bis „Standard" wortreich, Rettungsschwimmer aus Überzeugung und keinesfalls Beuteoffizier der am sicheren Ufer wartenden Medienkriegsherren zu sein. Aber genau das vermutet die bisher von üppiger Schiffskost verwöhnte ORF-Mannschaft, die ihre blinden Passagiere weiter durchfüttert und nur widerwillig zugibt, auch unter anderer Reedereien bunter Flagge segelten schöne Schiffe.

Der Superkreuzer ORF ist – um im Bilde zu bleiben – reparaturbedürftig und in Seenot. Die Politik wäre sofort bereit, mit Geld die Leckage zu beheben und ein neues Kommando auf die Brücke zu entsenden.

Genau das ist vorerst nicht erwünscht. Der ORF möge seine Hausaufgaben erledigen, sprich Strukturen reformieren, Kosten vermindern, Programme teils neu ausrichten. Wer das wie macht, geht bei einem öffentlich-rechtlichen Sender die gesamte, insbesondere die qualifizierte Öffentlichkeit, also Journalisten und Medien, etwas an. Denn gerade am Umgang mit dem ORF zeigt die Politik, wie sie es mit den Medien hält. Daher kann es für einen unabhängigen und qualitativen ORF gar nicht genug Retter geben, selbst um den Preis ihrer Uneinigkeit. Sonst rettet die Politik den ORF auf ihre Art. Und das wird dann keiner gewollt haben. Weder die dann doch Geretteten noch die vergeblich herbeigeeilten Retter.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 102 bis 103 Autor/en: Claus Reitan. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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