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Beruf

Auge in Auge mit den Obamas

Von Uwe Schwinghammer

Die Teilnehmer am Zweiten Jahrgang des US-Austrian Journalism-Fellowship sind sich in einem Punkt einig: Es war der bisher beste und interessanteste Teil ihrer beruflichen Laufbahn. Ganz egal, ob die schon fast 20 oder erst drei oder vier Jahre gedauert hatte.

Vom 20. August bis zum 6. Oktober 2008 flogen vier österreichische Journalisten über den großen Teich, zwei Amerikaner kamen nach Österreich, um die (Arbeits-)Welt der jeweils Anderen kennen zu lernen und gleichzeitig der Heimatredaktion als Korrespondent zu dienen. Unter einer Vielzahl an Bewerbern waren Sigrid Brandstätter („OÖN"), Lisa Helmreich („SN"), Florian Danner (Puls4, Pro Sieben, Sat1) und ich, Uwe Schwinghammer (damals noch „Kurier"), die „lucky winners", die österreichischerseits US-Redaktionsluft schnuppern durften.

Nach drei Tagen gemeinsamer Einführung in Washington DC durch eine der beiden Einrichtungen, die das Fellowship organisieren, das International Center for Journalism (ICFJ), hieß es vorerst von den amerikanischen Kollegen Melissa Coulter und Chris Bagley Abschied nehmen. Dafür ging es für die Österreicher zweifellos schon dem Höhepunkt des siebenwöchigen Austauschprogramms entgegen. Nämlich nach Denver zum Ernennungsparteitag der Demokraten, der National Convention. Und dort, unter Hunderten von Journalisten aus aller Welt, wurde aus den Österreichern rasch ein eingeschworenes Team. Das verbissene Konkurrenzdenken, das vielfach in der Heimat herrschte, konnte man da getrost über Bord werfen. Sigrid Brandstätter und Flo Danner machten gemeinsam Jagd auf Promis und wurden sehr rasch fündig: Der nominierte Vizepräsidentenkandidat Joe Biden begegnete ihnen am Würstelstand, Hillary Clinton „trafen" sie am Floor des Convention-Centers. Freilich gut abgeschirmt von irgendwelchen CIA- oder sonstigen Agenten.

Abseits vom historischen Moment, Barack Obama im Mile High Stadium vor 80.000 Menschen reden zu hören, zeichneten sich allerdings auch gleich die ersten Tücken der Arbeit in der Fremde ab. Die Kommunikation mit der Heimat war schwieriger als angenommen. So manche Redaktion wusste (noch) nicht recht, wie sie die Fellows in den USA nutzen sollte und konnte. Doch bei allen spielte sich das im Laufe der noch folgenden fünf Wochen ein und die Anforderungen der Heimatredaktion wurden mehr und mehr. In der letzten Woche vor der Rückreise artete das schon fast in Stress aus. Schließlich wollte man ja noch so viele Geschichten wie möglich mitnehmen. Und auch einen Blog hatten nahezu alle Fellows mehr oder weniger regelmäßig mit Inhalten zu füllen.

Mit Barack Obama reisten dann nach einer gemeinsame Woche in Colorado auch Sigrid Brandstätter, Lisa Helmreich und Florian Danner ab und zu ihren Gastmedien. Ich blieb in Denver zurück, um meinen Dienst bei den „Rocky Mountain News" anzutreten. Und auch mit fast 40 Jahren überfiel mich bei dem Gedanken leichte Panik: Was würden die von mir erwarten? Wie ist der Alltag bei einer Ami-Zeitung? Sind Jeans erlaubt? Würde mein Englisch ausreichen? … Fragen über Fragen, die sich aber mit einem Schlag in Luft auflösten. Jeans und Polo-Shirts waren ok. Die Kollegen vom Chefredakteur abwärts waren sehr nett und stets hilfsbereit. Dazu kam die wenig überraschende Erkenntnis: Die prinzipielle journalistische Arbeit des Recherchierens ist hüben wie drüben gleich. Fundamentale Unterschiede gibt’s allerdings in der Aufgabenverteilung und der Hierarchie. In einem US-Newsroom herrscht das „reporting system": Reporter recherchieren und schreiben ausschließlich Geschichten. Das Einpassen ins Blatt, die Titel und Bildunterschriften besorgen Editors beziehungsweise Copydesk Editors. Kein Vergleich also zu dem, was ein Redakteur bei einem heimischen Blatt oft alles machen muss.

Doch dieses Problem sollte ich in den kommenden Wochen – leider – nur ganz selten haben. Denn im Gegensatz zu meinen Kollegen bei anderen Medien, wurde meine Arbeitskraft bei den „Rocky Mountain News" wenig beansprucht, auch wenn ich sie immer wieder anbot. Wohl aber öffnete mir Chefredakteur John Temple alle Türen. Während der fünf Wochen gab es kaum ein Eck der „Rocky", kaum ein Ressort, das ich nicht kennen lernen durfte. Egal, ob das die morgendliche Redaktionssitzung war, ob ich mit den Gerichtsreportern mitging, oder den Fotografen und Videographern half. Speziell die Arbeit mit Letztgenannten – sie produzierten pro Tag an die vier aktuelle Videoclips für die Online-Version der Zeitung – war völliges Neuland und überaus spannend. Ja, ich hatte selbst das Vergnügen, Gary Massaro, einen schrulligen Kolumnenschreiber der „Rocky", zum Unterricht ans Denver College begleiten zu dürfen. Wo er mir dann auch gleich die Stunde an diesem Tag überließ und mich quasi als „Aufwands- entschädigung" hinterher zum Italiener einlud.

Lisa Helmreich beim „Philadelphia Inquirer" und Sigrid Brandstätter beim „Stamford Advocate" hatten bei ihren Gastzeitungen stattdessen ordentlich viel zu schreiben. Brandstätter erhielt bei ihrem Gastblatt sogar eine eigene Kolumne: „Das Beste für mich war, dass mich mein Chefredakteur zu Beginn meines Aufenthalts gebeten hatte, eine Zusammenfassung von dem, was ich über den amerikanischen Wahlkampf nach Hause schickte, und die Unterschiede zum damals noch laufenden österreichischen Wahlkampf auch für den, Advocate‘ zu verfassen. Wenn dies gelänge, könnte dies in einer der prominenten Sonntags-Kolumnen veröffentlicht werden. Die Kolumne gefiel tatsächlich und da mich der verantwortliche Redakteur über die Meinungsseite aufforderte, weitere Beiträge zu verfassen, konzentrierte ich mich auf diese Kolumnen, die eine halbe Zeitungsseite lang waren."

Und Florian Danner, der als Fernsehmann bei CNN untergekommen war, trat gar vor Milliardenpublikum auf: „Ich hab den aufregendsten Moment seit Jahren erlebt – bei meinem ersten Experteninterview als Gast im CNN-Studio in Atlanta zum Ergebnis der österreichischen Nationalratswahlen. Vor allem, als mich mein lieber Kollege Stefan Simmons (CNN-Producer) darauf aufmerksam gemacht hat, dass 1,5 Milliarden Leute auf der Welt zuschauen können."

Neben der Arbeit blieb den Fellows auch noch genug Zeit, um an den Wochenenden Ausflüge zu machen und das Land zu erkunden. Denn auch das ist durchaus Sinn des Austausches: Wissen über Land und Leute zu sammeln.

Die Idee, ein solches Austauschprogramm ins Leben zu rufen, stammt von der nunmehrigen Pressesprecherin des Wirtschaftsministers Reinhold Mitterlehner, Waltraud Kaserer. Sie hatte einen ähnlichen Austausch zwischen Deutschen und Amerikanern, das Burns Fellowship, vor einigen Jahren mitgemacht. Und war so begeistert, dass sie Partner für ein österreichisches Programm suchte. Den wichtigsten davon fand sie im Kuratorium für Journalistenausbildung, dem es natürlich ein Anliegen war und ist, Journalisten besser auszubilden. Geschäftsführer Meinrad Rahofer war daher gerne bereit, da einzuspringen: „Journalisten sollen mit dem Programm die Chance bekommen, unmittelbar eines der wichtigsten Länder der Welt zu erleben, neuen Trends im Journalismus nachzuspüren und ihr Informantennetzwerk auf die USA auszudehnen. Ein besseres Verständnis Amerikas dient also einem besseren Verständnis der globalen Zusammenhänge und regt an, über den Journalismus nachzudenken."

Die zweite Säule im Austausch fand sich, wie bereits erwähnt, im ICFJ in Washington, das zwar in der Hauptsache „journalistische Entwicklungshilfe" in Afrika, Asien oder Südamerika betreibt, aber zum Beispiel auch einer der Träger des Burns Fellowships ist. Idealerweise ist auch dort für das US-Austrian Fellowship ein gebürtiger Österreicher, Mario Scherhaufer, zuständig.

So ging 2007 der erste Austausch über die Bühne: Christoph Prandtner vom „Standard" und Michaela Roithmayr von Liferadio waren die Fellows der ersten Stunde. Und auch heuer sind den gesamten Mai drei österreichische JournalistInnen
in den USA um zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln: Anna-Katharina Laggner (FM4), Konstanze Walther („Wiener Zeitung"), Stefan Jäger („Kleine Zeitung").

Wie sich das Programm in Zukunft entwickeln wird, hängt natürlich sehr stark von Sponsoren ab. Rahofer: „Für heuer haben wir wieder genug Sponsoren gefunden, auch wenn einige durch die Krise abgesprungen sind. Es sind dies das Bundeskanzleramt, RTR, VÖZ, der Verein zur Förderung der journalistischen Aus- und Weiterbildung, die US-Botschaft in Österreich, Superfund und OMV. 2008 war Superfund noch nicht dabei, dafür Böhler-Udeholm. Für die kommenden Jahre müssen wir wieder neu verhandeln."

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 98 bis 98 Autor/en: Uwe Schwinghammer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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