ARCHIV » 2009 » Ausgabe 04+05/2009 » Auge in Auge mit den Obamas »

Beruf

Ethics Training in den USA

„Wer das Ethics Training noch nicht absolviert hat, soll sich um zehn Uhr im großen Besprechungsraum einfinden." Man kann nicht behaupten, dass dieses Mail bei den Reportern der „Rocky Mountain News" große Freude ausgelöst hätte. Aber auch wenn amerikanischer Journalismus oft ein bisschen nach ungezügeltem Boulevard riecht, haben die meisten Zeitungen sehr strenge ethische Grundsätze.

Bei den Medien der E.W. Scripps Company, zu der auch die „Rocky Mountain News" gehörten, ist die Teilnahme an einem Ethics Training verpflichtend, von den Chefs bis zum kleinen Reporter. Der Unterricht, der für Führungskräfte einen ganzen Tag dauert, für schreibendes Personal ein paar Stunden, soll das Miteinander im Betrieb erleichtern, das Auftreten nach außen reglementieren und in schwierigen ethischen Situationen als Entscheidungshilfe dienen.

Teilnehmern des Scripps-Trainings wird am Ende ein 20 Seiten starkes Heftchen ausgehändigt, in dem unter anderem Themen wie Geschenkannahme, politische Aktivitäten von Medienleuten, usw. aufgelistet sind. Redakteure von Scripps werden zwar ermutigt, politische Menschen zu sein. Allerdings lieber im stillen Kämmerchen. So war es während des Präsidentschaftswahlkampfes zum Beispiel unerwünscht, dass in den Vorgärten von Reportern die sonst oft üblichen Unterstützungstäfelchen für einen Kandidaten standen. Selbst dann nicht, wenn sie Familienmitglieder dort hingepflanzt hatten. Begründung: „Die Leute wissen, dass da ein Reporter wohnt und fragen sich, ob der noch neutral berichten kann, wenn er Obama oder McCain unterstützt." Das Motto hinter alldem: „Das öffentliche Vertrauen erhalten".

Auch mit Geschenken nimmt man’s bei US-Medien genau. Bei Scripps dürfen sie den Wert von 100 Dollar nicht überschreiten. Bei manchen Zeitungen sind sie aber überhaupt ein „NoNo"!

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 98 bis 100. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;