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Special Politik

Bunte Hunde der Spionagewelt

Von Engelbert Washietl

Während der Zeit des Kalten Krieges erregten eingebildete oder tatsächliche Agententätigkeiten von Österreichern des öfteren Aufsehen, in einigen Fällen kam es zur gerichtlichen Verfolgung, und manchmal waren Journalisten die Hauptdarsteller dieser Verwicklungen. Von Ausnahmen abgesehen war jedoch die Symbiose österreichischer Journalisten und potenzieller „Auftraggeber" aus als feindselig begriffenen kommunistischen Nachbarländern, aber auch den zumeist als freundschaftlich definierten USA mehr kurios als bedenklich. Beide Seiten hatten schon seit 1945 Gelegenheit, sich aneinander zu gewöhnen. Denn nach Ende des Krieges traten die Besatzungsmächte als Zeitungsherausgeber auf, um das aus dem großdeutschen NS-Faschismus herausgebombte Volk an der Donau umzuerziehen. Die amerikanischen Streitkräfte gründeten „Salzburger Nachrichten", „Oberösterreichische Nachrichten" und „Wiener Kurier", die Franzosen die „Vorarlberger Nachrichten", und die Russen die „Volksstimme". In Graz arbeitete der spätere „Kurier"-Chefredakteur und danach „Krone"-Herausgeber Hans Dichand für einen britischen Nachrichtendienst und absolvierte auch einen Büroschulungskurs der britischen Besatzer, was ihm nach eigener Aussage die Karriere erleichterte.

Das alles hatte nichts mit Spionage zu tun, doch war im vierfach besetzten Österreich klar, für wen in welcher Zone die journalistische Musik zu spielen hatte. Schon lange vor dem Staatsvertrag 1955 gingen die Zeitungen in österreichische Hände über – sehr oft in den Besitz der politischen Parteien, woraus sich die reiche, aber wenig profitable Parteizeitungskultur entwickelte. Kurzum, es gab zwischen 1945 und 1955 genug Gelegenheiten, dass sich Medienleute an den Umgang mit Mächten gewöhnten, die ganz andere Interessen verfolgten als journalistische. Dieses pragmatische Wissen vererbte sich offenbar an die journalistische Nachfolgegeneration. Jedem außenpolitischen Redakteur war klar, dass die überdimensionierten Botschaften westlicher und östlicher Staaten in Wien mindestens zur Hälfte mit Geheimdienstagen- ten bestückt waren. Dass also fast jeder Kontakt mit „offiziellen" Vertretern dieser Staaten zwangsläufig in Gespräche ausarten konnte, die die andere Seite zumindest zu Aufzeichnungen und Meldungen an die Heimatzentrale veranlasste. Auf irgendwelchen Listen standen vermutlich alle mit internationalen Themen beauftragten Redakteure, erst recht dann, wenn sie Dienstreisen in den „Ostblock" unternahmen – zumeist von stets hilfsbereiten Führern, Dolmetschern und Sachkundigen des Gastlandes begleitet.

Die beste Immunisierung gegen Verfänglichkeiten aller Art war wohl, in Gesprächen so oberflächlich wie nur möglich zu bleiben und praktische Sicherheitsvorkehrungen zu treffen: sein Telefonbüchlein nicht im Hotelzimmer liegen zu lassen und auch nicht die Wohnungsschlüssel, weil sofort Duplikate hergestellt worden wären. Der Umgang mit den in Partei- und Geheimdienstschulen ausgebildeten Begleitern musste so sachlich und dennoch fern aller konkreten Schilderungen sein, dass keiner von ihnen auch nur auf die Idee kommen durfte, sie könnten sich für „Informationen" in irgendeiner Weise kenntlich zeigen. In meinem Fall ist es nie zu einem „Angebot" gekommen, somit hatte ich das subjektive Gefühl, ruhig schlafen zu dürfen.

Die Frage, welche Informationen Journalisten überhaupt liefern können, war sowieso relativ. Sie entsprach einer nur durch die wechselseitige Aufschaukelung der Geheimdienstler erklärbaren Wertordnung. Journalisten schreiben normalerweise das, was sie wissen, sowieso in der Zeitung. Da sich die Agentennetze aber Details aller Art beschafften, um sich den erhofften Überblick zu verschaffen, bestand immer die Gefahr, dass simple Gesprächsfetzen nachträglich zu einem einschlägigen Austausch von Informationen zusammengebraut wurden.

Wenn man nur die großen Ereignisse des Kalten Krieges nimmt – die Ungarn-Revolution 1956, den Prager Frühling und seine Niederwerfung 1968, die Solidarnosc-Bewegung und die Streiks in der Danziger Werft in Polen, die Teilung Berlins, den Mauerbau, die oft tragischen Fluchtversuche über Mauer oder Eisernen Vorhang: an sensationellen Informationsstoffen mangelte es den Medien nicht. Außenpolitische Journalisten waren notgedrungen Frontberichterstatter des Kalten Krieges. Informationsbeschaffung gehörte zu ihrem beruflichen Auftrag, somit auch der Kontakt nicht nur zu offiziellen Regierungsvertretern, sondern auch zu Dissidenten und Untergrundleuten. Während jeder Ostagent eisern seinem Auftraggeber und dem Sieg der sozialistischen Wahrheit verpflichtet war, liefen die Journalisten wie bunte Hunde durch die Geschichte.

Übrigens gilt das nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch für andere kritische Zonen, beispielsweise jene zwischen Israel und den Arabern. Ich erinnere mich noch heute an die Fassungslosigkeit, die sich unter Sicherheitsleuten der israelischen Fluglinie ElAl auf dem Flughafen Schwechat ausbreitete, als sie 1993 meinen Reisepass einer Vorprüfung vor meinem Flug nach Israel unterzogen. Da fanden sie Stempel von Ägypten, Jordanien, Saudi Arabien, Oman und ein paar anderen „Feindstaaten". Und als sie mich fragten, warum ich denn in diesen Ländern gewesen sei, fiel mir – es war bereits lang nach der Waldheim Affäre – nichts Besseres ein als zu antworten, ich hätte unter anderem Bundespräsident Kurt Waldheim bei Staatsbesuchen begleitet. Das war auch nicht hilfreich. Ein höherer Offizier, der herbeigerufen wurde, ging nach längeren Diskussionen das Risiko ein und erteilte mir die Genehmigung, dennoch ins Flugzeug nach Tel Aviv zu steigen.

Man wusste ja nie, mit wem man es zu tun hatte. Vom amerikanischen Botschafter zu einem Mittagessen im kleinen Kreis geladen zu werden war für einen außenpolitischen Journalisten eine attraktive Gelegenheit, die Einschätzung der politischen Lage aus erster amerikanischer Hand zu erhalten. Somit war auch ein Mittagessen bei Felix Bloch, der als zweiter Mann der US-Botschaft in Wien als Geschäftsträger fungierte, ein Ereignis, an das ich mich noch heute gern erinnere: Der blitzgescheite Bloch analysierte die aktuellen Verhältnisse zwischen Ost und West in Europa messerscharf, ich verließ die Tafel mit dem Gefühl, zwei Stunden der Bereicherung erlebt zu haben. Allerdings wurde Bloch wenig später, 1970, die tragische Hauptfigur eines der größten Spionageskandale der USA. Er hatte sensible Informationen an den sowjetischen Geheimdienst KGB weitergegeben, so dass er nach Auffliegen des Skandals sofort abberufen und entlassen wurde.

Ein Aspekt, der zum Glück aller Beteiligten hypothetisch blieb, wird im Zusammenhang mit dem Verhältnis der Journalisten zu fremden Mächten kaum berührt. Der Kalte Krieg zwischen Ost und West enthielt zweifellos das Potenzial einer militärischen Auseinandersetzung in Europa, bei der Österreich bloß Spielball strategischer Kalkulationen gewesen wäre. Die Faustregel lautete: Ostösterreich samt Wien gehört den Russen, Westösterreich ab der Enns den Amerikanern. Da sich die bis an die Zähne bewaffneten Mächte auch für solche Eventualitäten vorbereiteten, hatten sie garantiert lange Listen von Personen in der Lade, die gleich in den ersten Tagen beseitigt werden sollten: Spitzenpolitiker, hohe Sicherheitsbeamte sowie Opinion Leaders aller Art – von Universitätsprofessoren, Pfarrern, Künstlern bis hin zu Journalisten. Mit anderen Worten: Hätte der Wind jemals Richtung militärischer Konfrontation gedreht, so hätten sich die Namen vieler Leitartikler, die aufrecht für die Sache der Freiheit und wirtschaftlichen Prosperität gekämpft hatten, in diesen Säuberungslisten gefunden, vermutlich samt ihren Angehörigen.

Der Ex-„Presse"-Chefredakteur Otto Schulmeister – nach Helmut Zilk derzeit der zweite tote Journalist, der in Geheimdienstakten zum Leben erweckt wird, wäre garantiert ein VIP-Objekt der östlichen Menschenjagd gewesen. In einem
CIA-Dossier musste man nicht vorkommen, um im Ernstfall zu solchen zweifelhaften Ehren zu gelangen. Dass die amerikanischen Geheimdienstler in der Rolle Schulmeisters und der „Presse" zeitweise mehr sahen, als für journalistische Korrektheit verträglich ist, beweist in der Sache wenig, ist aber aufklärungsbedürftig.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Special Politik“ auf Seite 86 bis 89 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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