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Das Ende des Journalismus? - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2009 » Ausgabe 04+05/2009 »

Titel

Das Ende des Journalismus?

Von Engelbert Washietl

Für ein paar Tausend Journalisten in Österreich – genauere Zahlenangaben sind seriöser Weise nicht zu eruieren – stellt sich die dringende Frage, ob sie nicht selber aktiv nachdenken sollten, wie die Rahmenbedingungen ihrer beruflichen Umwelt in Zukunft beschaffen sein werden. Darauf gibt es derzeit nur eine definitive Antwort: anders als bisher.

Ihre Arbeitgeber – Eigentümer, Herausgeber, Verleger, Vorstandsvorsitzende, Medienmanager – denken nämlich sehr viel nach und probieren parallel zur Wirtschaftskrise nicht nur aus, wie das unter Druck geratene Kulturgut Zeitung zu retten sein könnte. Man gewinnt den Eindruck, als werde eine noch nicht auf offener Bühne ausgetragene Auseinandersetzung vorsorglich auf jene schicksalhafte Szene hingetrimmt, die gespielt werden wird, sobald sich der Vorhang hebt: „Tod oder Leben!", beziehungsweise etwas literarischer: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage."

Horst Pirker, Chef des Styria-Reiches, arbeitete den durch die Digitalisierung ausgelösten Umbruch der Medienindustrie theoretisch so intensiv durch, dass er sich mit seiner Dissertation „Zur Zukunft der Zeitung" den zweiten Doktortitel holte. Diese akademische Anstrengung ist für österreichische Verhältnisse umso ungewöhnlicher, als Pirker als Praktiker nachweislich nicht in abgehobenen Sphären schwebt, sondern Pflöcke einschlägt. Dazu gehören der systematische Aufbau von Gegenstrukturen gegen die Dominanz der Mediaprint, soeben aber auch die Gründung der „Presse am Sonntag" gegen alle globalen und nationalen Konjunktureinbrüche.

Pirker hat seine Dissertation unter Verschluss stellen lassen. Vor Ende 2012 kann man den dickleibigen Band weder in der Nationalbibliothek noch sonstwo ausleihen. In seiner Begründung koppelt er akademisches Streben mit unternehmerischer Leistung: „Dass die Dissertation gesperrt ist, hängt allein damit zusammen, dass das, was ich erarbeitet habe, zunächst der Unternehmensgruppe, für die ich verantwortlich bin, zugute kommen soll." Der volle Titel der Arbeit lautet: „Zur Zukunft der Zeitung. Vom Papier zu Multimedia, Multichannel und Multiplattform auf Basis einer Content Engine". Die drei „MMM", die darin vorkommen, markieren die tiefgreifenden Veränderungen der Medienindustrie, mit denen die 400 Jahre alte Zeitung irgendwie fertig werden muss (siehe Seite 31).

Man stößt freilich auf eine geradezu wunderliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Sein und Schein. Pirker hat sich in mehreren öffentlich zugänglichen Artikeln mit der Zukunft der Zeitungen befasst und Gedankengänge entwickelt, die nachvollziehbar sind. Die Welt ändert sich, die Medien tun es auch, die Verlage müssen sich ändern und die Journalisten sollten sich rechtzeitig darauf einstellen. „Multimedia, Multichannel, Multiplattform" – die neue Medienwelt wird längst überall geprobt. Kein Medienhaus, das nicht den Schritt ins Internet getan hat, kaum eine Zeitung, die nicht versucht, ihre Informationen online zu transportieren, und kein Journalist, der sich in Ausübung seiner Profession einer Zukunft verschließt, die ihm ohnedies nicht erspart bleiben wird, wenn er bzw. sie im journalistischen Geschäft bleibt.

Wozu also die Aufregung? Wenn es schon sein muss, könnten sich die Journalisten auch mit dem neuen Begriff „Content Engine" anfreunden, obwohl er provokant ähnlich wie „Tretmühle" klingt. Es geht einzig darum, ob darunter ein innovatives Modell für journalistische Arbeitsabläufe verstanden wird oder etwas anderes.

Die einfachste Möglichkeit das zu klären wäre, sich die „Content Engine" anzuschauen, die es schon gibt und als einzige auch so heißt, nämlich „Die Presse Content Engine GmbH" der Tageszeitung „Die Presse" (siehe Kasten). Pirker räumt ein, dass dieselbe „jetzt" noch nicht dem entspreche, was er sich vorstelle, aber dorthin entwickelt werden müsse, womöglich nicht nur für „Die Presse", sondern für den ganzen Styria-Konzern. Und wenn die Gewerkschaft dagegen klage, dann klage sie gegen die Zukunft.

Jetzt wird sich freilich die Gewerkschaft überlegen müssen, wogegen sie genau klagt, falls sie überhaupt klagt. Denn die „Content engine" der „Presse" ist in ihrer derzeitigen Ausgestaltung so ziemlich das Gegenteil dessen, was sich Pirker medientheoretisch vorstellt. Die Fotografen und Inlandskorrespondenten und anderen Mitarbeiter, die in der „Content engine" landen oder noch landen werden, sind nämlich nicht das Herz einer pulsierenden Medienmaschine, sondern Rädchen im klassischen Work-flow einer Redaktion. Sie produzieren nach dem Bedarf der traditionellen Ressorts, die nach wie vor das Verteiler- und somit Gestaltungszentrum für die täglich zu füllenden Zeitungsseiten sind. Geändert haben sich lediglich die arbeitsrechtlichen Bedingungen, unter denen man in der „Content Engine" wirkt: Die Mitarbeiter unterliegen dem Gewerbekollektivvertrag und nicht dem Journalistenkollektivvertrag.

Darin liegt die wesentliche Diskrepanz, die man bei der anlaufenden heißen Diskussion berücksichtigen muss. In der von Pirker akademisch formulierten Theorie steht vermutlich kein Wort darüber, ob Journalisten 15 oder 14 Monatsgehälter bekommen und wie die sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Arbeitsverhältnisse beschaffen sein sollen. Von allem, worum es in der Dissertation Pirkers gehen kann, ist andererseits nichts in der „Content Engine" verwirklicht, wie sie bei der „Presse" existiert.

Faktum ist jedenfalls, dass die Verleger mit der „Content Engine" der „Presse" und wohl auch mit der „Vol Life" des Vorarlberger Medienhauses sowie dem „MoHo News Center" der Moser Holding. zuerst einmal arbeitsrechtliche Neuerungen einführen, die nichts mit der angestrebten Innovation Richtung „MMM" zu tun haben. Es geht ihnen um die Bewertung von journalistischen Leistungen. Zu allen Zeiten gab es leistungsbezogene Entlohnungsformen: Standardtarifgehälter für alle, aber entsprechende Zulagen dort, wo besonders hohe Leistungen erbracht oder, wie beim Ressortchef, leitende Funktionen ausgeübt werden. Die vielen prekären Dienstverhältnisse sind eine weitere Gruppierung. Abstufungen sind also nichts Neues. Die „Content Engine"-Methode ist vielleicht ein Versuch, die Unterschiede ähnlich zu formalisieren, wie sie bei den A-, B- und C-Beamten gehandhabt wurden und in der Praxis noch immer werden.

Somit ist also die „Content Engine" vorläufig, gemessen an dem akademischen Anspruch einer durchgreifenden Innovation in der Zeitungsbranche, noch so etwas wie eine „real existierende Multimediastruktur" – vom abstrakten Ziel so weit entfernt wie einstmals der real existierende Sowjetkommunismus vom utopischen Sozialismus. Die klassische Ressorteinteilung ist der Zukunft schon weit näher.

„Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker versucht die Grätsche zwischen Anspruch und Wirklichkeit mit einem Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus: „Wir müssen etwas tun, um eine bestimmte Form des Journalismus überhaupt noch finanzieren zu können", sagte er im Zusammenhang mit der Einführung der Sonntags-„Presse".

Da niemand die Zukunft verbauen möchte, wird man die Diskrepanz beseitigen müssen. Theoretisch ginge das sehr einfach: Entweder man redet über arbeitsrechtliche Ordnungsysteme und Gehaltsstrukturen sowohl in Print als auch in Online, oder aber über die unerlässlichen Strukturveränderungen in Medien und Journalismus. Zu beidem müssten beide Seiten in der Lage sein. Ein Erdbeben entsteht lediglich bei tektonischer Plattformen-Verschiebung.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 30 bis 30 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an di
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