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Special Motor

Der Wind weht jetzt ein bisschen anders

Von Clemens Schuhmann

In den Vereinigten Staaten kämpfen die einst stolzen Autobauer General Motors (GM) und Chrysler ums nackte Überleben, im Rest der Welt versuchen deren Mitbewerber mit Kurzarbeit und rigorosen Sparpaketen die Kurve zu kriegen. Dabei wird jeder Stein umgedreht: So haben manche Hersteller die Teilnahme an den traditionsreichen Messen entweder komplett abgesagt oder die einst protzigen Stände auf das gerade noch vertretbare Minimum zurechtgestutzt. Zudem wird den Zulieferern bei Preisverhandlungen „das Weiße aus den Augen geholt" und die Markteinführung neuer Modelle auf bessere Zeiten verschoben. Und es werden die Budgets der Presse- und Öffentlichkeitsabteilungen gekürzt. Das heißt, zum Teil wurden die Testwagen-Fuhrparks gestrafft, können weniger Journalisten zu den internationalen Präsentationsterminen mitgenommen werden, wird Sponsoring (vorübergehend) eingestellt, werden bei einem Termin gleich zwei Modelle präsentiert und werden Kundenmagazine zusammengestrichen.

„Natürlich habe ich weniger Budget zur Verfügung", sagt etwa Andreas Blecha, Pressesprecher beim Importeur Chrysler Austria mit den Marken Chrysler, Jeep und Dodge. Das falle heuer aber nicht so ins Gewicht, da 2009 kein neues Modell präsentiert werde. Daher sei auch keine Präsentation notwendig. Zu Jahresbeginn wurden – im Gegensatz zu vergangenen Jahren – keine europäischen Journalisten zur Motorshow nach Detroit, dem traditionellen Jahresauftakt in der Branche, eingeladen. „Das war heuer ein Ausnahmefall", sagt Blecha.

Kleiner geworden sei auch sein Testauto-Fuhrpark – eben weil es heuer keine neuen Modelle gibt. Geändert an der täglichen Arbeit hat sich laut Blecha, dass er via Internet mehr in US-Zeitungen liest, was im Unternehmen los ist. Und dass etwas mehr Journalistenanfragen zu wirtschaftlichen Themen kommen.

Ähnlich ist die Entwicklung bei Citroën Österreich: „Es kommen wesentlich mehr Anfragen zur wirtschaftlichen Situation und zum Absatz in Österreich. Ich muss immer häufiger Stellungnahmen dazu abgeben, wie unsere Geschäfte laufen", sagt Pressesprecherin Bettina Petz. Auch bei Citroën Österreich wurde der Rotstift angesetzt. „90 Prozent davon wäre auch ohne aktuelle Krise passiert. Das Unternehmen hat sich eben schon länger auf bescheidene Zeiten vorbereitet – das hilft uns jetzt." Konkret sei etwa der Fuhrpark ein bisschen gestrafft worden, was speziell kleinere Medien spüren würden.

Davon betroffen ist beispielsweise das Internetportal www.motorline.cc: „Es gibt gefühlsmäßig weniger Test- autos, zum Beispiel ist die Situation im Mai ein bisserl schwierig", sagt Chefredakteur Stefan Schmudermaier. „Ebenfalls aufgefallen ist mir, dass zu internationalen Präsentationsterminen oft nur noch eine Handvoll Motorjournalisten mitgenommen werden. Dafür gibt es dann einen eigenen Termin in Österreich, zu dem die Journalisten dann mit dem Testauto anreisen können."

Diesen Trend beobachtet auch Reinhard Gattringer, Motorredakteur bei „OÖ Wirtschaft": „Ich bin bei einem Importeur französischer Fahrzeuge rausgeflogen, weil der Testfuhrpark gestrafft wurde. Einladungen zu nationalen Terminen habe ich schon wieder genug. Es kann durchaus sein, dass da eine Verlagerung stattfindet – von Auslands- zu Österreich-Terminen." Und Gattringer hat auch gleich eine Anregung parat: Presseveranstaltungen in Österreich könnten zusammengelegt werden. Schließlich gebe es Wochen, wo drei Wien-Termine an drei verschiedenen Tagen stattfinden. „Bei einer Zusammenlegung wäre die Bereitschaft sicherlich größer, auch hinzufahren. Dann könnte ich an einem Wien-Tag gleich zwei oder drei Termine wahrnehmen und damit auch entsprechend viele Geschichten schreiben", sagt Gattringer.

Diese Verlagerung bestätigt Enrico Falchetto, Chefredakteur des Monatsmagazins „Alles Auto": „Bei internationalen Presseterminen gibt es immer öfter kleinere Gruppen. Das kommt uns aber eher entgegen. Schließlich ist die Betreuung des Einzelnen besser, wenn die Gruppe kleiner ist." Da auch bei „Alles Auto" die Seitenanzahl etwas reduziert wurde, stehe weniger Platz zur Verfügung. „Daher wähle ich Pressetermine jetzt noch wesentlich selektiver aus." Auffällig sei in letzter Zeit zudem, dass es immer mehr Versuche gebe, grüne Technologie bei der Pressearbeit zu forcieren. „Jeder will zeigen, wie grün er ist. Da gibt es offenbar großen Druck aus den jeweiligen Konzernzentralen."

„Die stärkere Nachfrage nach sparsamen Modellen rückt natürlich auch das Thema Ökonomie und Ökologie stärker in den Fokus", sagt etwa Fritz Kratochwil, Pressesprecher von Volvocars Austria. Es gebe wesentlich größeren Aufklärungsbedarf, etwa dass das Elektroauto noch nicht hinter der nächsten Ecke stehe. Oder dass der Verbrauch mit technischen Lösungen wie Start-Stopp-Automatik etc. kurzfristig stark gesenkt werden könne. Und dass man auch mit vollwertigen Familienkombis sehr sparsam unterwegs sein könne. „Volvo bringt zum Beispiel noch heuer die Modelle C30, S40 und V50 als sehr sparsame DRIVe-Versionen. Alle drei Autos emittieren nur noch 104 Gramm CO2 je Kilometer."

Bezüglich der Einladungen zu Pressepräsentationen und dem Fuhrpark gebe es noch keine großen Restriktionen. Bei völlig neuen Modellen werde zur Präsentation eine große Gruppe eingeladen. Werde allerdings zum Beispiel „nur" ein neuer Motor lanciert, dann gebe es schon die Überlegung, ob man a) überhaupt an einer internationalen Pressepräsentation teilnehme oder b) nur eine kleinere Journalistengruppe einlade. „Alternativ dazu gibt es dann eine Österreich-Präsentation."

Ähnlich ist die Situation bei Kia Österreich: „Das Pressebudget ist seit fünf Jahren konstant", sagt Pressesprecher Gilbert Haake. „Zur Zeit stehen wir sehr gut da, wir haben in den ersten drei Monaten bei den Neuzulassungen um sechs Prozent zulegen können – in einem stark rückläufigen Gesamtmarkt. Allerdings sind wir nie davor gefeit, dass der Rotstift über uns kommt." Bei der Gruppengröße bei Pressepräsentationen gebe es keine Änderungen, „Ich hab‘ immer schon nur wenige Journalisten mitnehmen können". Das Marketingbudget hingegen sei gegenüber dem Vorjahr gekürzt worden. Relativiert wird laut Haake dieser Einschnitt allerdings dadurch, dass erstens 2008 in Österreich die Fußball-Europameisterschaft abgehalten wurde, bei der Kia Sponsor war, und dass zweitens heuer weniger neue Modelle vorgestellt werden.

Mit Budgetkürzungen ist auch Heinz Prosch, Pressesprecher von Peugeot Österreich, konfrontiert. „Es wird von Jahr zu Jahr weniger. Wie ich das unterbringe, bleibt mir überlassen." Er ändert dort, „wo es weniger wehtut. Aber ich beschneide Tageszeitungen und die größeren Wochen- und Monatszeitungen nicht." Gleichzeitig werden aus Kostengründen exotischere Präsentationsstandorte nicht mehr angeflogen und bei einem internationalen Pressetermin gleich zwei neue Modelle präsentiert, wenn es sich terminlich ausgeht. Ende April gibt es beispielsweise bei einer Fahrveranstaltung die neuen Modelle Peugeot 308 CC Coupé-Cabrio und 3008 zu sehen. „Man fliegt nur einmal und zeigt gleich zwei Autos", sagt Prosch.

Anders wird bei Renault Österreich gespart: „Innerhalb Europas gibt es für die Journalisten keine Business-Class-Flugtickets mehr, und das Sponsoring haben wir gestrichen", sagt Pressesprecherin Dorit Haider. „Wir konzentrieren uns jetzt nur noch auf die Pflicht, die Kür entfällt. Denn was ich wirklich hochhalten will, ist die Produktpresse, denn das ist unser Brot- und Buttergeschäft."

Beim Importeur BMW Austria gibt es keinen Rückgang bei Veranstaltungen. Im Gegenteil: „Wir versuchen, gerade jetzt in diesem Bereich Flagge zu zeigen", sagt Pressesprecher Michael Ebner. „Aufgrund der vielen Redaktionen gibt es neben den internationalen Präsentationsterminen zusätzlich so schnell wie möglich Österreich-T
ermine für die Motorjournalisten. Ziel dabei ist, zeitnah zum Marktstart eines neuen Modells möglichst viele Journalisten in das Auto zu bekommen." Das werde von den Motorredakteuren gut angenommen, was das positive Feedback beweist. „Die Journalisten schätzen es sehr, wenn wir ihnen knackige, professionelle Informationen liefern – und sie nicht viel Zeit für die An- und Abreise aufwenden müssen." Er beobachtet in letzter Zeit zudem, „dass sehr viel mehr Fragen zur wirtschaftlichen Situation wie etwa zu Absatzzahlen, Verschrottungsprämie, Efficient Dynamics, Interviewwünsche etc. kommen – zusätzlich zu den produktbezogenen Informationswünschen".

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Special Motor“ auf Seite 96 bis 97 Autor/en: Clemens Schuhmann. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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