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Beruf

Der Wuchtel-Schleuderer

Von Interview: Freddie Kräftner

?Heute schon gelacht? Wenn ja, worüber?

Dieter Chmelar: Nur geschmunzelt. Beim Erwerb einer Leberkässemmel verriet mir eine Dame im Supermarkt: „Ich seh Sie JEDEN TAG im Fernsehen." Das ist insofern erstaunlich, als ich zuletzt vor fünf Jahren am Bildschirm war … Als ich ging, hörte ich noch, wie die Verkäuferin murmelte: „A bisserl zug’nommen hat er …" Darauf die Dame: „Ja, aber SINGEN kann er noch immer." Seither rätsle ich, mit wem ich verwechselt wurde.

Sie gelten ja als Großmeister des Wiener Schmähs. Wo sind da Ihre Grenzen? Wie tief darf ein Witz sein?

Der Witz ist – laut Freud – an sich schon so ziemlich das Tiefste, das in uns wohnt. Lachen gilt nicht zu Unrecht als „Orgasmus der Seele". Die alten Griechen vermuteten die Zentrale unseres Wesens gar im Zwerchfell. Fest steht: Man kann nicht unter eigenem Niveau lachen – schon gar nicht unter meinem, mögen jetzt ruhig manche hinzufügen. Aber: Beim Humor hört sich seit jeher der Spaß auf. „Was darf Satire?", fragte Tucholsky und bot die einzig legitime Antwort: „Alles." Hans Moser sagte: „Wer keinen Spaß versteht, der versteht auch meistens keinen Ernst." Und Morgenstern schrieb: „Den Charakter eines Menschen erkennt man daran, welchen Scherz er dir nicht übel nimmt." Ich habe einmal über eine frühere Politikerin gesagt, sie rede nur deshalb so schnell, weil sie Angst davor habe, vom Gedanken eingeholt zu werden (eine Wendung, die ich Werner Schneyder entlehnte). Daraufhin rügte mich ihr damaliger Pressesprecher, ich hätte seine Chefin in aller Öffentlichkeit als „unintelligent" denunziert. Dumm gelaufen. Andererseits tröste ich mich mit der Erkenntnis: Wer sich von Satire betroffen fühlt, ist gemeint. Die (Geschmacks-)Grenze ziehe ich persönlich quasi soziogeografisch – jedenfalls deutlich zwischen Dörfler und Städter. Die wahren Großmeister sind doch mit wenigen Ausnahmen alle tot. Das waren literarische und philosophische Säulenheilige wie Polgar, Kuh oder Farkas, die „wir" einst vertrieben oder umbrachten, um sie dann später – mit der echten Wiener Herzlichkeit von „Weltkulturerbschleichern" – wieder zu vereinnahmen und hochleben zu lassen. Heute zeigt sich der Schmäh, im Kern die zärtliche Notwehr gegen unabänderliche Misslichkeiten, eher in der Anonymität der freien Wildbahn als auf Bühnen oder in Büchern und Zeitungen: Es sind die Taxler, die Kellner, die Stammgäste, die Gassigeher, kurzum: die Absolventen der Pratermatura (vier Klassen Volksschule, zwei Wochen Tanzkurs) mit anschließenden drei Semestern Perlenreihe im „Espresso Rosi". Die sind oft die Schnellsten, Treffsichersten und Schlagfertigsten. Ich erliege regelmäßig diesem unverwechselbaren „Charme der Peripherie". Brillantes Beispiel, jüngst live erlebt: Taxi blockiert an der Kreuzung Omnibus und hindert ihn damit am Verlassen der Haltestelle. Busfahrer brüllt aus dem Fenster: „Schleich di, i kumm do net außi!" Darauf der Taxifahrer, leise tadelnd: „Wos kaufst dad’n aa so an Großen?"

Nach zwei Jahren verlassen Sie jetzt „Österreich" und gehen zum „Sonntag-Kurier". Warum?

Nach fast drei Jahren übrigens. Es gibt dafür mehrere, erfrischend unspektakuläre Gründe: 1. Eine lohnendere journalistische Herausforderung. 2. Der Reiz des Neuen und zugleich der Reiz des „Alten" – nämlich des alten, innigen, nie abgerissenen Freundschaftsbandes zu „Kurier"-Kalibern wie Conny Bischofberger, Michael Horowitz oder Georg Markus. 3. Nostalgische Sentimentalität – vor ziemlich genau 30 Jahren wurden die ersten bezahlten Zeilen meines Berufslebens im „Kurier" veröffent- licht. Ich gab damals an einem bitterkalten Sonntagvormittag telefonisch Aufstellungen und Matchbericht vom Wiener Liga-Spiel Kaiserebersdorf – Stadlau (0:0) durch: „Gerechte Punkteteilung". Zwei Worte, zwei Honorare: Zum einen 80 Schilling vom „Kurier" und zum anderen ein Schmalzbrot vom Platzwart, der mich solcherart „anfüttern" wollte, um seinen mitwirkenden Sohn fett zu drucken (wofür seine Leistung weiß Gott zu mager war). Man wollte mich also bereits bei meinem allerersten journalistischen Einsatz im Sinn des Wortes: „schmieren". Ich habe auch fortan tapfer widerstanden – begünstigt durch den Umstand, dass mich nie wieder jemand versuchte.

Sie kennen ja „Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner ziemlich gut. Was ist Ihre Meinung zu der nicht unumstrittenen Figur?

Wer ist schon unumstritten in diesem G’schäft? Außer Zweifel steht: Fellner macht was, kann was, bewegt was, traut sich was und genießt meinen Respekt. Er hat mir vor drei Jahren einen Platz geboten, als ich zwischen etliche Stühle und beinahe in soziale Schieflage geraten war. Das taucht heute, in der Rückblende, so manches, was uns trennt und letztlich auch trennte, in milden Glanz. Beim schlechtesten Willen kann ich nur eines sagen: Sein Führungsstil nährte schon geraume Zeit eine gewisse Sehnsucht nach etwas mehr Berechenbarkeit. Da kam das „Kurier"-Angebot wortwörtlich „aus heiterem Himmel".

Fellner soll ob Ihres Abgangs sehr zerknirscht gewesen sein. Er hat sich nach unseren Informationen bei Ihnen entschuldigt, weil er Sie nicht immer gerecht behandelt habe.

Ich hatte auch den Eindruck, dass es ihm leid tat. Aber vielleicht bin ich ja auch seinen Erwartungen nicht (ganz) gerecht geworden. Florian Scheuba diagnostizierte einmal: „Fellner suggeriert mit seiner Zeitung, dass in ganz Österreich täglich die Hölle los ist." Ich bin „genetisch" mehr auf Lachen als auf Zähnefletschen programmiert. Ich glaube, eine Karikatur anstelle des fünften Tagesthemas würde das Antlitz von „Österreich" gewinnender erscheinen lassen. Aber was soll ich da groß Ratschläge geben? Fellner und ich sind annähernd gleich alt. Er pendelt zwischen fünf Villen auf drei Kontinenten, ich lebe in einer Genossenschaftswohnung in Ottakring.

Das Fellner-System funktioniert nicht ohne Leistungsträger wie Sie einer waren – nicht zu vergessen Co-Herausgeber Werner Schima. Wie läuft das dort so ab?

Im Schatten eines „Übervaters" wird man oft übersehen oder unterschätzt. Das „Fellner-System" funktioniert eben als unternehmerischer Gegenentwurf zur physikalischen Utopie „Perpetuum mobile". Fellner ist das Perpetuum, sein Team ist das Mobile.

Wie legen Sie Ihre Kolumne im „Sonntag-Kurier" an? „Schluss mit lustig" ist der Titel. Wird das die Konkurrenz zu Michael Jeannée in der „Krone"?

Das geht schon aus einem einzigen Grund nicht: Michael Jeannée ist konkurrenzlos. Das wird er Ihnen jederzeit bestätigen. Mein Ziel (ohne jede Koketterie) wäre es, in absehbarer Zeit von Hohenlohe, Hufnagl oder Tartarotti als „Kollege" ohne Anführungszeichen apostrophiert zu werden. Zur Kolumne: Wochenlang schrieb ich sie „nur" für Nullnummern und kann seitdem erahnen, warum Kühe schreien, wenn sie nicht gemolken werden. Man leidet, wenn das Haltbarkeitsdatum eigener Hervorbringungen unbeachtet abläuft. Dabei habe ich durchaus vor, gelegentlich auch „Unhaltbares" zu schreiben. „Schluss mit lustig" ermuntert ja zur Doppeldeutung. Entweder „Tacheles" oder „Happy End", am besten beides. Aber: Erklären darf man das eh nicht. Es muss selbstverständlich sein. Im Sinn von: Es versteht sich von selbst.

Wann ist bei Ihnen persönlich „Schluss mit lustig"?

Bei „freiwilligem" Humor von rechts. Lustig wird’s erst wieder, wenn es sich als linkisch enttarnt. Stellvertretend dafür der Wild-Westi-Klassiker: „Zwei Jahre lang hat man uns nur angepinkelt. Bis jetzt haben wir alles geschluckt." Da bekommt Yellow Press gleich einen anderen Beigeschmack.

Was wollen Sie als 60-Jähriger machen? Immer noch Wuchteln schieben?

Was sonst? Trübsal blasen? Ich halte es mit Oscar Wilde: Ernsthaftigkeit ist die Zuflucht derer, die nich
ts zu sagen haben. Daher, ganz ernsthaft: Was ich in acht Jahren machen möchte? Noch immer schreiben, am liebsten beim „Kurier". Noch immer lachen, am liebsten in Ottakring. Denn, obwohl ich durchaus mal verreise: Ab Pressbaum habe ich immer schon Heimweh.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 68 bis 68 Autor/en: Interview: Freddie Kräftner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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