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Porträt

Die Kosmopolitin

Von Elisabeth Horvath

Frauen wie sie passen nicht in Österreichs „Seitenblicke"- Gesellschaft. Frauen wie sie passen nicht in jene dümmlich-schrille Haute Volée, die der Boulevard täglich als Bildungselite auspreist. Als ob es hierzulande nur solche „Eliten" gäbe, über die im deutschen Fernsehen schon mal die hämisch-erstaunte Bemerkung fällt: „Also so ticken die Österreicherinnen."

Hanna Kordik, Wirtschaftsredakteurin und Autorin der samstags in der „Presse" erscheinenden „Kordikonomy", sei „eine Mischung aus sprühender Intelligenz und einem hohen Maß an sozialer Intelligenz", sagt ihr Ex-Chef, „profil"-Herausgeber Christian Rainer. „Mit den Managern geht sie locker um und weiß, sie richtig einzuordnen."

In der Tat, Hanna Kordik ist eine toughe, wohltuend sachliche und natürliche Person. Gegenüber Macht und Geld wirkt sie immun – obwohl sie sich als Wirtschaftsjournalistin dauernd in diesen Milieus bewegen muss. Pfauenräder-schlagende Möchtegerns beeindrucken sie ebenso wenig wie autoritäre oder eitle Unternehmenseigentümer, die recherchierende Journalisten gerne als Schnüffler und Wegelagerer betrachten. Sie ist auch nicht verführbar durch Schmeicheleien oder vermeintliches Bevorzugen, wenn es um Gesprächstermine oder Einladungen seitens hoher Herrschaften geht.

Hanna Kordik ist Kosmopolitin. Geboren 1963 in Washington ist sie seit Geburt Doppelstaatsbürgerin, Österreicherin und Amerikanerin. Ihr Vater, ein Hochschul-Agrarier der Universität für Bodenkultur Wien, war seit 1960 bei der Weltbank in Amerikas Bundeshauptstadt tätig. Die Weltbank ist die größte internationale Entwicklungsorgansation, deren Aufgabe die Förderung der Wirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern sowie die Armutsbekämpfung ist.

Ihre Vorschuljahre verbringt Kordik in Amerika, zwischendurch eineinhalb Jahre an der Elfenbeinküste. Der Vater im Dienste der Weltbank. Danach übersiedelt die Familie für drei Jahre nach Wien. Der Vater verlässt die Weltbank, kehrt aber später wieder zurück. Es folgen vier Jahre Kenia und dann wieder Washington. Dort bleibt die Familie bis zum Abitur Hannas. Das Mädchen und ihr Bruder besuchen in allen Ländern ihrer Aufenthalte deutsche Schulen. Hanna Kordik weiß schon mit zwölf, 13 Jahren, dass sie nur schreiben möchte, dass sie Journalistin werden will.

In dieser Amerikazeit sind ihre Eltern mit dem Ehepaar Feichtlbauer gut befreundet, deren Sohn ein Jahr mit Hanna in die gleiche Klasse geht. Hubert Feichtlbauer, damals für den „Kurier" in den USA, gibt ihr den Rat, nicht Publizistik, sondern Ökonomie zu studieren. Das sei die Zukunft im Medienbetrieb, die Wirtschaftsressorts werden ausgeweitet, der Bedarf an Wirtschaftsjournalisten wird wachsen.

Kordik belegt Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien und bekommt gegen Ende des Studiums bereits journalistische Sommerjobs. Unter anderem auch im „Kurier"-Wirtschaftsressort unter der Leitung von Erwin Frasl. Im Frühjahr 1986 nimmt Kordik Frasls Angebot, als fixe Freie zu arbeiten, an. Von da an wird sie gefordert und gefördert. Frasl, ein Frühaufsteher, setzt die tägliche Ressortbesprechung bereits für acht Uhr an. Dann geht`s durch bis 18 Uhr und danach schickt Frasl sie fast jeden Tag zu Abendterminen. Kontakte, Kontakte, Kontakte das war sein Beweggrund. Studiert hat sie an Wochenenden oder wenn sie auf Dienstreise war in der Bahn, im Bus oder nächtens, wenn die anderen noch zusammensaßen. „Das hat mich halb umgebracht", erinnert sich Kordik.

Aber sie zieht das durch. Das macht sie verläßlich, zäh und unnachgiebig. Eigenschaften, die im ernsthaften Journalismus ein Muss sind. 1988 beendet sie das Studium und bekommt sofort eine Anstellung im Wirtschaftsressort der „Presse". 1993 werben die beiden „Christiane" der „WirtschaftsWoche" (Ortner ist Herausgeber, Rainer Chefredakteur) die Kollegin ab. Dort bleibt sie bis zum bitteren Ende Dezember 1996, als der deutsche Verlag Holtzbrinck das Wochenmagazin auf österreichischem Boden zusperrt.

In dieser Zeit heiratet sie und bekommt 1995 ihr erstes Kind, einen Sohn. Es ist aber auch in dieser Zeit, als Hanna Kordik ihren ersten und nach immerhin mehr als 20 Jahren Journalismus einzigen Prozess am Hals hat. Anlass war 1994 eine Covergeschichte mit dem Titel „Turnauer in Turbulenzen". Autorinnen sind Kordik und Ingrid Dengg. Letztere werkt jetzt im „trend".

Dabei hat alles ganz harmlos und nett begonnen. Eines Tages lädt der Gründer der Constantia Industrieholding, der im Jahr 2000 verstorbene Herbert Turnauer, die „WirtschaftsWoche"-Redakteurin Kordik zu einem Gespräch off the records ein. Solche Hintergrundgespräche führte der Industrielle öfters mit Journalisten. Nur on the records, das mied Turnauer wie der Teufel das Weihwasser. Er war ein Unternehmer alter Schule, medien- und öffentlichkeitsscheu, mit autoritärem Führungsstil.

Kordik mit ihrem Gespür für das Wesentliche und Hintergründige wurde stutzig und begann, umfassend zu recherchieren. Gemeinsam mit ihrer Kollegin. Wochenlang. Was dabei herauskam, war einer Coverstory würdig. Ortner & Rainer gaben ihr das OK. Und die beiden Autorinnen formulierten, was das Zeug hält. Etwa Sätze wie: „Es knackt im Gebälk des Turnauer-Konzerns." Oder andere „freche" (Kordik) Benennungen. In der Zwischenzeit freilich hat Herbert Turnauer Wind von der Geschichte bekommen. Ein, zwei Tage vor Redaktionsschluss bekommt Kordik einen Anruf, Turnauer möchte ihr ein Interview geben. Das war in Kenntnis der Person Turnauer eine unglaubliche Sache. Stattgefunden hat das Treffen im riesigen Besprechungssaal des Konzerns, alle Manager saßen da und Turnauer in der Mitte. Um dann zu erklären, er habe die Einladung nicht als Interview mit einer Person gemeint. So, bitte, hier seien alle versammelt, fragen Sie, forderte Turnauer die beiden Journalistinnen auf. Was herauskam war, dass niemand der Herren die Fragen beantwortete. Herbert Turnauer tat das alleine. Die Manager schwiegen hartnäckig.

Kaum erschienen klagte Turnauer die „WirtschaftsWoche" nach allen Regeln der Justizkunst: Nach dem Strafrecht, dem Zivilrecht, dem Handelsrecht, dem Medienrecht sowieso. Er klagte die Erscheinung seines Fotos, er klagte Formulierungen, jeden Bildtext, alles rauf und runter. Vertreten ließ sich Turnauer von dem legendär wortgewaltigen Rechtsanwalt Michael Graff, dem früheren ÖVP-Generalsekretär, der inzwischen ebenfalls verstorben ist. Kordik hatte eine Privatklage am Hals, Christian Ortner war als Zeuge geladen und so fort. Dazu kam, dass Kordik – die beiden Autorinnen einigten sich darauf, dass Kordik die Gerichtssache austrägt – vor jeder neuen Verhandlung sämtliche Unterlagen neu studieren und sich einprägen musste. Denn der „WirtschaftsWoche"-Anwalt bleute ihr immer wieder ein, wenn Michael Graff inhaltliche Fragen stellt, müsse ihre Antwort wie aus der Pistole geschossen kommen. Das kostete Zeit und Nerven.

Das Ganze zog sich ein gutes Jahr hin. Hanna Kordik war schwanger mit ihrem zweiten Kind, einem Mädchen. Als sie das letzte Mal vor Gericht erscheinen musste, war sie bereits hochschwanger, die Geburt stand knapp bevor. Das Urteil: Strafrechtlich war nichts drinnen, anderweitig kam es zu einem Vergleich.

Nach „WirtschaftsWoche" und Geburt ihrer Tochter bleibt die zweifache Mutter eine Weile zu Hause. Sie hält aber Kontakt mit den Kollegen und beginnt Anfang 1998 erneut als Wirtschaftsjournalistin zu arbeiten. Diesmal ist es die Wirtschaftsredaktion im „profil", die ihr ein Angebot macht. Um die Jahrtausendwende übernimmt Kordik die Ressortleitung, die sie nach dreieinhalb Jahren wieder abgibt. Kordik: „Das hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich bin draufgekommen, dass dieses Administrieren nicht mein Ding ist. Ich schreib einfach gern und möchte meine Geschichten machen und für mich selbst verantwortlich sein."

Gemeinsam mit dem „Presse"-Ressort
leiter Wirtschaft, Franz Schellhorn, denkt sich Hanna Kordik jenes Element aus, das nach ihrem Wiedereintritt in die „Presse" Anfang 2005 ihr Markenzeichen werden soll. Bei „Kordikonomy" geht es vorwiegend um Personality-Geschichten, die ihr am liebsten sind. Und die besonders leserfreundlich sind. „Damit habe ich", so Kordik, „ein, best of both worlds‘. Ich kann sowohl Magazingeschichten als auch Tagesberichterstattung, wenn wir schnell was für morgen brauchen."

Und noch etwas gefällt ihr an der „Presse" besonders gut: „Ich habe noch nie bei einem Medium – und ich habe wirklich schon in etlichen gearbeitet – so frei arbeiten können wie bei der Presse. Sogar beim „profil" war es nicht so. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass du halt ein bisserl auf Raiffeisen Rücksicht nehmen musst. Und seinerzeit musste man bei der „Presse" auf die Wirtschaftskammer Rücksicht nehmen. Heute null.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Porträt“ auf Seite 52 bis 55 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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