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„Du wirst zur anonymen Schreibkraft“ - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2009 » Ausgabe 04+05/2009 »

Titel

„Du wirst zur anonymen Schreibkraft“

Von Elisabeth Horvath

?Ihre Beurteilung der „Presse Content Engine GmbH"?

Franz C. Bauer: Das ist ganz klar eine Flucht aus dem Journalistenkollektivvertrag.

In der Content Engine sollen die Arbeitnehmer nach dem Gewerbevertrag angestellt sein. Was ist der Unterschied zwischen Journalisten- und Gewerbe-KV?

Im Journalisten-KV ist der Schutz der Meinungsfreiheit besser gewährleistet. Er sieht u. a. Kündigungsfristen vor, Abfertigungen, die es erleichtern, dass man in der Redaktion auch seine Meinung sagt. Und das auch in wirtschaftlich schwierigen Umständen. Der Gewerbe-KV schützt uns wesentlich schlechter. In Wirklichkeit geht es also um den Meinungsschutz.

Geht es nicht vorwiegend ums Finanzielle?

Natürlich geht es auch ums Finanzielle. Wobei dann noch die Frage gestellt werden muss: Läuft dieses Verhältnis dann unter dem Journalistengesetz oder nicht? Dieses sieht nämlich das Quinquennium vor. Quinquennien stehen nicht im KV. Es geht also um zwei Fragen: Kann man nichts gegen die Kollektivvertragsflucht tun? Und: Wenn diese versucht wird, heißt das, dass man damit auch gleich aus dem Journalistengesetz flüchtet? Doch der Kontext, in dem man das sehen muss, ist der, dass es immer um die Sicherung der Meinungsfreiheit in den Redaktionen und um die Sicherung der Meinungsvielfalt geht.

In diese Content Engine würden vor allem Jungjournalisten eintreten…

Richtig. Zuerst einmal geht es um die Nachkommenden, um alle die, die neue Vertragsverhältnisse bekommen. Aber in weiterer Folge bedeutet es natürlich, dass der Druck auf jene, die im bestehenden Vertrag sind, größer wird. Denn je mehr im neuen Vertrag sind, desto größer wird der Druck im Unternehmen. Das führt bis hin zu Mobbing und bis zu Vorhaltungen seitens der Neuen, dass sie nicht mehr verdienen können, weil die anderen so viel verdienen. Und die Unternehmer sagen dann, wir können euch nicht mehr bezahlen, weil jene mit den alten Verträgen mehr kriegen. Das führt zu einer Entsolidarisierung und zu einer Konfliktsituation innerhalb dieser Einheit.

Wird also mit der Content Engine eine Parallelstruktur aufgebaut?

Das ist eindeutig und bedeutet aber auch das, was viele schon befürchten, das Ende des Journalismus, wie wir ihn kennen. Das bedeutet das Ende des unabhängigen Journalismus. Ja in gewisser Weise auch das Ende der Medien, wie wir sie kennen. Denn wenn du heute für ein Medium schreibst, weißt du, für welches Medium du schreibst. Die Redaktionen sind ein wesentlicher Faktor bei der Individualisierung von Zeitungen, Radiostationen, was immer. Diese Redaktionen werden aber damit aufgelöst. Wir fürchten auch ganz konkret um die Zukunft der Branche.

Wird mit der Engine einfach ein Pool für Schreiber geschaffen?

Eine Schreibstube von Angestellten, die nicht einmal wissen, wofür sie schreiben.

Deren Schreibprodukte dann wo immer verwendet werden können?

Was in Wirklichkeit dahinter steht, sieht man in der Originalfassung der Content Engine der „Presse", nämlich dass diese Texte für Werbezwecke verwendet werden können. Das ist dann auf Betreiben des Betriebsrates meines Wissens nach wieder herausgenommen worden. Aber es ist das Verräterische. Es ist das, wogegen wir alle sind: dass die korrekte Trennung zwischen Werbung und redaktionell verantwortetem Inhalt verschwimmt.

Ist es fix, dass die Journalistengewerkschaft dagegen klagen wird?

Na selbstverständlich. Was wir natürlich auch nicht wollen, ist, dass wir durch eine Klage mögliche Gespräche mit dem Betriebsrat zerstören. Aber klar ist, dass wir das tun müssen. Es ist gar keine Frage der Entscheidung, es gibt Situationen, in denen braucht man nicht darüber nachdenken, wie man entscheidet, da bleibt dir keine andere Wahl. Wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst, dann brauchst du nicht darüber nachdenken, ob du einen Schritt zurückgehst. Und genau das ist die Situation.

Es heißt, dass diese Engine nicht für die klassischen Journalisten gedacht ist, höchstens für Pressefotografen, Korrespondenten….

Generell gilt der Satz: Wehret den Anfängen. Denn wenn ich zuschaue, wie eine Infrastruktur geschaffen wird, die dann all das ermöglicht, und ich nicht reagiere, dann handle ich als Vertreter der Journalistinnen und Journalisten fahrlässig. Und auch bei Korrespondenten geht das nicht. Das sind ganz normale Journalisten. Und wer wird dann über die Abgrenzungen streiten? Das kommt überhaupt nicht in Frage, dass wir uns auf diese Ebene der Argumentation begeben.

Das heißt, die Gewerkschaft akzeptiert nicht, dass eine Struktur geschaffen wird, in der zwar nicht der klassische Journalist, wohl aber ein journalistisch ausgebildeter Fachhochschulabgänger sitzt und eben nur Texte formuliert.

Das ist die Realität. Ein Text, der in einer Zeitung erscheint, ist ein Artikel. Und ein Text, der im Radio verlesen wird, ist ein Radiobeitrag. Das ist Journalismus. Alles andere ist Briefeschreiben, Leserbriefeschreiben. Das können sie gerne in einer Content Engine unterbringen. Im Journalisten-KV steht, wann du wo mitarbeiten darfst, was mit deinen Texten passieren darf und dass eine schriftliche Zustimmung erforderlich ist, wenn dein Text woanders verwendet wird. Dieses Modell hingegen ist eine Enteignungsmaschine. Du wirst um deine Urheberrechte gebracht und schlechter bezahlt. Du wirst zu einer anonymen Schreibkraft und bist nicht mehr ein mitgestaltendes Element eines kreativen Produktes. Das ist eine Kriegserklärung an den Journalismus.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 38 bis 39 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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