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ARCHIV » 2009 » Ausgabe 04+05/2009 »

Special Politik

Ein Foto war der Anfang vom Ende

Von Engelbert Washietl

Die Geografie ist ein begabter Regisseur in der Geschichte. Dass Österreich beim Fall des Eisernen Vorhangs vor 20 Jahren eine dankbare Heldenrolle spielte, war einzig dem Umstand zu verdanken, dass sich der Fall der Berliner Mauer ein paar Monate zuvor an der burgenländisch-ungarischen Grenze vorbereitete. Hier öffnete sich die einstige „Todesgrenze" erstmals – und gleich mehrmals hintereinander.

Ungarn hatte im Laufe des Schicksalsjahres 1989 und im Geiste des sowjetischen Reformers Michail Gorbatschow begonnen, den Grenzverhau Richtung Österreich zuerst administrativ, dann politisch und schließlich mit der Drahtschere zu durchlöchern. In Andreas Oplatkas Buch „Der erste Riss in der Mauer" wird dieser Vorgang minutiös geschildert. Es handelte sich um einen ziemlich schlampigen Prozess, denn in Ungarn standen ja noch immer die Kalten Krieger von einst den Gulasch-Kommunisten gegenüber, und wohin die Reise gehen sollte, wusste niemand so genau. Auch der in der Sowjetunion ausgebildete Außenminister Gyula Horn nicht, über den die Ungarn bis heute rätseln, ob er ein Reformer der frühen Stunde gewesen sei oder einer, der im letzten, aber goldrichtigen Augenblick aufgesprungen ist, um sich an die Spitze der Erneuerung zu setzen.

Horn, bis dato Staatssekretär im Außenministerium, war im Mai 1989 zum Außenminister ernannt worden. Er redete schon länger über Dinge, die im „sozialistischen Lager" bisher öffentlich kaum angesprochen worden waren. Über Menschenrechte, über die negativen Folgen des Einparteiensystems für die Wirtschaft, über die Niederschlagung der Ungarn-Revolution von 1956 aus ungarischer Sicht – und über den Eisernen Vorhang. Die Zeit war nicht durchsichtig, aber reif. Am 2. Mai begannen die Ungarn auf Anweisung des Innenministeriums mit dem Abbau der Stacheldrahtverhaue an der österreichischen Grenze. Den nötigen Regierungsbeschluss holte man erst 16 Tage später nach.

Die Fernwirkung: In der DDR sprach sich in Windeseile herum, dass die Außengrenze des Warschauer Paktes Löcher bekommen habe. In wenigen Wochen reisten Hunderte und später Tausende DDR-Bürger in ihren „Bruderstaat" Ungarn. Die Versuche illegaler Grenzüberschreitungen nach Österreich nahmen sprunghaft zu und wurden von den ungarischen Grenzeinheiten nur anfänglich konsequent verfolgt. Die „innere Sicherheit" des kommunistischen Lagers geriet ins Rutschen.

Die DDR und übrigens auch Rumänien versuchten verzweifelt, die Sowjetunion zu einem Machtwort zu überreden – vergeblich. Gorbatschow hatte die DDR fallen gelassen.

Bild für die Welt. In dieser gespannten Situation, in der die ostdeutschen Machthaber keinen Ausweg mehr wussten, entstand im Kabinett des Außenministers Alois Mock eine Idee, die man nur als genialen PR-Gag mit weltweiter Wirkung bezeichnen kann. Was sich im „sozialistischen Lager" abspielte, war noch kein großes Thema in der übrigen Welt geworden. Mock und seine Leute, übrigens auch der oft in Dienste Mocks wirkende Pressefotograf Bernhard Holzner, kamen in einem Brainstorming zur Ansicht, dass ein Bild, das alles sagte, um die Welt geschickt werden müsse.

Ich hatte damals journalistisch schon lange mit Mock zu tun gehabt. Dieser korrekte, arbeitssüchtige Diplomat mit Verankerung in der niederösterreichischen ÖVP zeigte ab und zu eine gewisse Lust für Aktionen, die man als Bubenstreiche bezeichnen könnte. So geschah es bei seinen verschwörerischen Treffen mit Dissidenten in Tschechien oder Polen. Alles, was die Teilung Europas untergrub, war ihm recht. Und so schob er angesichts der politischen Lage alle Bedenken weg, die in seinem eigenen Ministerium erhoben wurden. Auf diplomatischem Weg bereitete er den Coup mit seinem Amtskollegen Gyula Horn vor. Dieser stattete Österreich vom 25. bis 27. Juni einen Besuch ab. Im Anschluss daran fuhren die beiden Minister bei Ödenburg in das ungarische „Niemandsland" an der Grenze hinein. Hinter ihnen ein oder zwei Autobusse voll mit österreichischen und internationalen Journalisten, Fotografen, Fernsehleuten – organisiert vom Leiter der Presseabteilung des Außenministeriums Walter Greinert. Dieser war schon vor Ankunft der Minister am Stacheldrahtzaun und hatte plötzlich Bedenken, ob die Minister, die ja keine gelernten Schlosser waren, mit den großen Drahtzangen zu Rande kommen würden. Etwas seitwärts machte er die Generalprobe: Zange ansetzen, drücken – der Stacheldraht riss.

Inzwischen näherten uns auch wir, das heißt eine relativ große Schar von Journalisten, dem Ort des Ereignisses, indem wir zu Fuß in ein Waldstück marschierten und am Stacheldrahtverhau stoppten. Wären wir einen halben Kilometer seitwärts weitergegangen, hätten wir zu unserer Verblüffung gemerkt, dass dort gar kein Stacheldraht mehr vorhanden war – die Ungarn hatten in den vergangenen Wochen bei der Demontage der befestigten Grenze ganze Arbeit geleistet.

Wenige Minuten später erschienen Gyula Horn und Alois Mock. Ich erinnere mich nur, dass eine kurze und auffallend schweigsame Handlung folgte, wie eine Feierstunde im stillen Wald. Die Minister ließen sich die Drahtscheren in die Hand drücken und begannen ungelenk, aber effizient mit der Arbeit. Sie mussten nicht, wie das bei Hand-shakes oft der Fall ist, die Szene für die Fotografen und Kameraleute künstlich wiederholen oder nachstellen. Es liefen genug Drähte in mehrfachen parallelen Bahnen von Pflock zu Pflock, und die Minister hatten ein Vergnügen daran, immer aufs Neue anzusetzen.

In der Mock-Biografie packen die Autoren Martin Eichtinger und Helmut Wohnout die Erinnerungen Gyula Horns aus, der später erzählte: „Ich bin mir fast sicher, dass man mir aus Jux eine besonders stumpfe Schere gegeben hatte, während sich mein Freund Mock mit seinem Werkzeug überhaupt nicht abplagen musste."

Die Show war bald beendet, in einer Pressekonferenz in Ödenburg würdigten Horn und Mock sie als historisches Ereignis und sie hatten völlig Recht. Die Bilder, die nicht nur um die Welt gingen, sondern via westdeutsches Fernsehen auch einen Teil des DDR-Publikums erreichten, setzten einen Erdrutsch in Bewegung. Ungarn wurde über den Sommer zum großen Flüchtlingslager, das sich bis in die westdeutsche Botschaft in Budapest erstreckte, in welchem mehrere Hundert DDR-Bürger auf den Tag X warteten. Bald war auch die deutsche Botschaft in Wien voll mit Flüchtlingen, die den Übertritt über die Grenze ziemlich problemlos geschafft hatten und auf den Weitertransport in die Bundesrepublik warteten.

Eine Grenzfrage zwischen Legalität und Illegalität steuerte dem Siedepunkt zu. Am Sonntag, 10. September 1989 öffnete Horn um 19 Uhr im ungarischen Fernsehen das Druckventil: Die Lage an der Grenze sei unhaltbar geworden, Ungarn lasse sich durch humanitäre Grundsätze leiten, ab Mitternacht stehe die Grenze für DDR-Bürger offen. Bis 15. September reisten 13.674 von ihnen nach Österreich ein. Laut DDR-Statistik waren bis zum späteren Fall der Berliner Mauer 50.000 DDR-Bürger nach Ungarn ausgereist.

Im August 1991 enthüllten Mock und der neue ungarische Außenminister Geza Jeszenszky zwischen Nickelsdorf und Hegyeshalom einen Gedenkstein zur Erinnerung an die Beseitigung des Eisernen Vorhangs. Der Name Horn steht nicht auf der Tafel – Horn war in der Zwischenzeit innenpolitisch in Ungnade gefallen.

Dem in Ungarn geborenen Redakteur der „Zürcher Zeitung", Andreas Oplatka, gelang eine Detailaufnahme der historischen Ereignisse, die 1989 das Ende der europäischen Teilung einleiteten. Er gibt sich nicht damit zufrieden, Storys zu erzählen, sondern erhärtet jeden einzelnen Termin, jede wichtige Aussage durch Quellen.

Auf diese Weise entstand die spannende Chronologie des Untergangs des Sowjetimperiums. Das voll auf den Reformkurs Michail Gorbatschows geschwenkte Ungarn spielte im „Schicksalsjahr" eine exponierte Rolle, indem es das Sicherheitssystem beziehungsweise den Gefängnischarakter des Ostblocks aufweichte. Der einstmals „
Eiserne Zaun" an den westlichen Außengrenzen des Warschauer Paktes wurde an der ungarisch-österreichischen Grenze zunächst porös, dann durchlässig und schließlich demontiert.

Andreas Oplatka: „Der erste Riss in der Mauer. September 1989 – Ungarn öffnet die Grenze". Zsolnay Verlag 2009, 303 Seiten,

22,10 Euro

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Special Politik“ auf Seite 80 bis 83 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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