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Eros statt Euros

Von Manfred Greisinger

Krise, Krise, Krise! – Heute schon gebührend gejammert? Wieder eine Hiobsmeldung in sattem Schwarz produziert?

Ich verstehe, dass viele in dieser herausfordernden Zeit geradezu verliebt in das berüchtigte „K-Wort" sind. Ja, wenn unsere liebe Krise nicht wär‘! – Wo hätten wir dann ein Alibi für Zahlen, die uns nicht gefallen; für (unliebsame) Mitarbeiter, die wir – leider – „freisetzen" müssen; für unterlassene Investitionen (die wir ohnehin nie machen wollten)?! – „Schatz, bitte heute nicht, diese Krise …"

Es ist letztlich alles recht einfach, um – der Schöpfer hab ihn selig – Fred. S. zu widersprechen: Es liegt an uns, was wir tagtäglich in unseren Fokus nehmen. Agieren wir „Engpass-orientiert" oder gelingt es uns, die „Fülle", die Aufhellung am noch so bewölkten Konjunktur-Himmel zu sehen?

„Das äußere Glück ist nur Zufall, aber das innere Glück, das baut sich ein jeder selbst", meinte Lavater. Und deshalb ist es so fatal, ja: es grenzt an geistige Umweltverschmutzung, wenn der gut bezahlte „Führungs-Coach", gestärkt vom Training am „Institut für Machtkompetenz", vom totalen „Businesskrieg", „Aufrüstung der rhetorischen Waffenkammern" und „machtvoller Schärfung der Ellenbogen" palavert. Die Welt ist so, wie du sie siehst!

Keine Frage, wir alle haben Geld verloren, werden weitere Euros einbüßen. Bill Gates hat offenbar 18 Milliarden Dollar verjuxt und regiert mit nun bescheidenen 40 Milliarden die Welt-Reichsten-Liste. So weit, so schlecht. Und wir essen nach wie vor gut bis hervorragend, Theater/Oper sind voll und die Seifenblasen bei unseren Branchen-Selbstbeweihräucherungs-Events, wo alle prophylaktisch schon lange vor der Krise Schwarz trugen, glänzen noch immer in grellen Spots. „Gesundschrumpfen" täte sogar gut …

Euros oder Eros? – Womit tapezieren wir unser Seelen-Wohnzimmer? – Wonach wollen Sie sich heute orientieren? – „Eros of work & life" heißt: Stell‘ die Lebensfreude in den Mittelpunkt. Ich muss mich nicht mit Leuten beim Networking fadisieren, solange ich noch die eine oder den anderen kenne, wo ein Treffen Spaß macht. Und, potz Blitz, wie wäre es erst, gerade aus „Eros-Motiven" mögliche Kooperationen anzugehen? Mit wem würde mich eine Zusammenarbeit aufbauen, energetisieren? Burn on – statt burn out??!

„Wie geht’s", frage ich höflich den Tankstellenbesitzer in meinem Heimatort. Und er sagt freundlich: „S’könnte schlimmer sein!" – Ich zucke förmlich zusammen: hatte ich soeben richtig gehört? – Er, der stets klagte, haderte, und ausgerechnet jetzt, in der Krise, spricht er so?! – „Gratuliere zu dieser Einstellung", bestärke ich ihn. Und er setzt nach: „Ja, wenn ich das schon vor zehn Jahren sehen hätte können, wäre ich unbeschwerter durch’s Leben gegangen …"

Das altgriechische Wort „krisis" meint: Wendepunkt, Entscheidung, Perspektivenwechsel. Insofern ist diese Zeit eine großartige Lebensschule: wollen wir weiterhin Bluff und Businesskrieg oder wertschätzenden Umgang mit Charakter? Wo Eros, da folgen selbst die Euros; Fokus alleine auf Euros & Macht vertreibt hingegen Eros, einst Gott der Liebe …

Ich bitte Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, die Sie mit jeder publizierten Zeile „Meinungsführerschaft" verantworten: „Ent-Steigen" Sie der Schwarzmalerei, dem Trauerflor in der Äußerung. Es gilt, den „kriegsfreien Raum" zu beachten, das zarte, sprießende Grün neben dem Krisenacker. Und weitere Nährstoffe zuzuführen. – Danke!

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 50 bis 51 Autor/en: Manfred Greisinger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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