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Medien

Im Auge des Orkans

Von Julia Grosse

Während die Insolvenzverwalter begannen, die amerikanische Investmentbank Lehman zu bestatten, saß Andrew Gowers in Südfrankreich und beobachtete, wie die Herbstblätter ein letztes Mal vor ihrem Abfallen in den prachtvollsten Farben leuchteten. Das Ende seines ehemaligen Arbeitgebers in jenen Septemberwochen des vergangenen Jahres war alles andere als prachtvoll verlaufen. Der ehemalige PR-Chef vergleicht es heute, über ein halbes Jahr nach der Katastrophe, immer noch mit einem Akt mutwilliger Zerstörung durch den damaligen Finanzminister Henry Paulson. Dieser untersagte der Investmentbank als einer der ersten die benötigte staatliche Hilfe, worauf das hochverschuldete Unternehmen in sich zusammenfiel, wie ein Kartenhaus. „Nach diesem Schock habe ich diese Zeit in Südfrankreich als sehr therapeutisch empfunden", beschreibt Gowers seine damalige spontane Flucht in die Ferien.

Gerüchteküche. Als sich die Situation bei Lehman im vergangenen Jahr immer mehr zuspitzte und Investoren zunehmend das Vertrauen verloren, fühlte sich der 51-jährige Brite zuweilen wie „im Kriegsgebiet". Mit ihm an der Front, der mit den unangenehmen Fragen der Medien beschossen wurde, doch mit nichts Effektivem mehr zurückfeuern konnte. „Es gab Tage, an denen plötzlich 15 bedrohliche Gerüchte um Lehman auf Bloomberg kursierten, und Journalisten begannen mich mit Fragen zu bombadieren." Zum Beispiel, warum die Kapitalanlagegesellschaft Pimco angeblich aufgehört hätte mit Lehman Geschäfte zu machen. „Das stimmte natürlich nicht, aber der Presse reichte diese Auskunft nicht, sie wollten es am liebsten schriftlich von Pimco selbst. Und das zu bekommen, kostete mich teilweise Stunden Arbeit", erinnert sich Gowers und schaut müde durch das Fenster seines Büros in den perfekt gepflegten, grünen Innenhof der London Business School. Es ist ein sonniger Vormittag, und verglichen mit seinen letzten Monaten bei Lehman muss ihm sein derzeitiger Job als Pressesprecher der Business School vorkommen wie eine entspannte Mittagspause. Hier wird das Potenzieren von Macht und Geld erst gelernt und plötzlich bankrott-geht man hier auch nicht.

Der kräftige Mann mit dem akkurat geschnittenen Vollbart lässt sich von seiner Assistentin Tee bringen und macht ein paar Anrufe. Als ehemaligen PR-Chef einer der aufstrebendsten Investmentbanken der Welt, hätte man ihn sich eher vorgestellt als einen großgewachsenen, aalglatten Sprachvirtuosen im Prada-Anzug, der die Presse mit geschickt formulierten Superlativen zur Firmensituation erfolgreich um den Finger wickeln kann. An Andrew Gowers Finger schimmert ein dicker Wappenring, ein Statussymbol und wichtiges Detail eines Kleidercodes in Großbritanniens besseren Kreisen. Auf den Schränken in seinem eher unglamourösen Büro stehen Fotos der Familie, der Kinder, und mittendrin ein gerahmtes Bild seines Häuschens in Südfrankreich. Wie eine Trophäe, die man präsentiert, wenn einem Statussymbole etwas bedeuten und man Wert darauf legt, dass die Leute sie sehen. Seine damalige Macht als ehemaliger Lehman-Kommunikationschef spielt Gowers inzwischen bewusst herunter, beschreibt sich heute als das kleinste Rad eines großen, fehlerhaft laufenden Uhrwerkes; mit einer Chefetage ohne Strategie und Plan, die den Rest der Firma von jeglichen Entscheidungen ausschloss. „Ich kann nicht kommunizieren, wenn ich keinen direkten, problemlosen Draht zur Chefetage habe und die Chefs nichts von sich geben wollen. Einmal habe ich den Geschäftsführer Bart McDade im Aufzug getroffen und ihm gesagt, dass wir uns dringend über die Kommunikation der Firma unterhalten müssen. Von diesem Moment an wurde meine Asisstentin bei jedem Versuch für mich einen Termin mit McDade auszumachen von seiner Assistentin geblockt. Ein Gespräch zwischen uns fand also nie statt." Als Dick Fuld schließlich begann Mitarbeitern zu untersagen mit den Medien zu sprechen, entschied Gowers sich für den Alleingang. Journalisten durften ihn weiterhin anrufen und anstatt sie mit leeren Phrasen abzuwimmeln, ging er mit ihnen Mittagessen und erklärte ihnen seine Situation, entschuldigte sich, dass die Chefetage nicht mehr wisse, was sie tue. Andrew Gowers kommt selbst aus den Medien und hat selbst jahrelang Erfahrung als Journalist. „Und in diesen Monaten ging es mir nicht zuletzt um meine eigene Glaubwürdigkeit vor den Kollegen aus der Presse."

Frontenwechsel. Bis 2005 war Gowers Chefredakteur der „Financial Times" und zwischenzeitlich auch Leiter der „Financial Times Deutschland". Gowers spricht fließend Deutsch und konnte sich damals bei seinen Hamburg-Besuchen immer eloquent mit seinen Kollegen auf Deutsch über Aktienkurse unterhalten. Das kam gut an.

Gowers war der selbstbewusste, charmante Brite, der für Reuters in Zürich und Brüssel war und mit dem Tragen eines Vollbartes in der Wirtschaftswelt eine kleine Form von Widerstand darzustellen schien. Den Bart nahm er auch während seiner Zeit bei Lehman nicht ab, wo in Kleiderfragen bekanntermaßen eine fast militärische Strenge herrschte. Bei Gowers machten sie eine Ausnahme und das, obwohl er als Sprachrohr nach außen ja noch viel sichtbarer und repräsentativer war als der Rest in der Firma. Als er die Fronten wechselte und aus der Chefredaktion in die Unternehmenskommunikation ging, wünschten ihm Journalistenkollegen viel Glück „auf der dunklen Seite". Das Glück bei Lehman dauerte keine zweieinhalb Jahre, und schon im Januar 2008 begann Gowers die Augen offen zu halten nach anderen Joboptionen.

Auf die provozierende Frage, ob er sich, als Teil von Lehman, im Grunde mitverantwortlich fühle an den katastrophalen Konsequenzen der Finanzkrise, reagiert er wie ein Opfer, das man plötzlich für den Täter hält. „Lehman war ja nur ein Katalysator. Unser Geschäftsmodell war exakt das gleiche wie das anderer Investmentbanken, so zum Beispiel Goldman Sachs. Die haben im Grunde Glück gehabt, weil sie größer sind und mehr Freunde haben." Dennoch ist es schwer, sich Andrew Gowers als ahnungsloses Opfer vorzustellen, das unwissend auf die „dunkle Seite der Macht" gelockt wurde. Gowers ist fasziniert von Strategien der Macht und Firmen, die diese Macht auf globaler Ebene fast wie im Feldzug verfolgen. „Auch reizte mich dieser freie Umgang mit Kapitalismus: Es war einfach dermaßen offensichtlich, worum es ging, nämlich Geld. Geld bearbeiten, Geld verdienen. Diese fast intellektuelle Klarheit daran fand ich bei Lehman sehr ansprechend." Ansprechend wird zuletzt nicht auch das überaus lukrative Gehalt gewesen sein. Gowers sagt nicht, wie viel er bei Lehman verdient hat, aber es wird deutlich über der bereits sehr ordentlichen Bezahlung gelegen haben, die er als „Financial Times"-Chef bekommen hat.

Er will in der Unternehmenskommunikation bleiben. Trotz der Lehman-Erfahrung wird Andrew Gowers ab Sommer neuer Kommunikatioschef beim Ölgiganten BP. Eine Rückkehr in den Journalismus kann er sich nicht mehr vorstellen, schließlich sei das ein schrumpfender Berufszweig.

„Einen Job als Ex-Lehman zu finden war nicht schwer. Ganz im Gegenteil ist das für einige Firmen sogar ein positives Argument. Schließlich bringt man viele, wertvolle Qualifikationen mit: ein total dickes Fell, einen extremen Überlebenswillen und hypersensible Alarm-Antennen für drohende Gefahr.

Wer es geschafft hat, in den letzten, harten Monaten bei Lehman zu arbeiten, kann danach im Grunde überall anfangen", sagt er mit Überzeugung, und es klingt, als verkaufe der PR-Mann Gowers den Medien hier gerade den griffigen Slogan einer großangelegten Werbekampagne. Die Offenheit, mit der er, als einer der wenigen bei Lehman, über das Drama hinter den Kulissen redete, war immer auch eine strategisch kommunizierte. Sie zeigte ihn als sympathischen Menschen unter Beschuss, ohne aber seiner Karriere dadurch einen wirklichen Knick zu geben: Als Gowers im Oktober den Blättern beim reizvollen Verfärben zusah, hatte er bereits erste Gespräche mit seinem neuen Arbeitgebe
r BP geführt.

Andrew Gowers

Der 51-jährige Brite war Chefredakteur der „Financial Times" und Herausgeber der „Financial Times Deutschland", ehe er von Juni 2006 bis September 2008 die Unternehmenskommunikation von Lehman Brothers leitete. Derzeit ist er PR-Chef der London Business School. Ab Juli wird Gowers neuer Leiter der Kommunikation beim Energieunternehmen BP.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 56 bis 59 Autor/en: Julia Grosse. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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