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Im Dreck wühlen - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2009 » Ausgabe 04+05/2009 »

Leben

Im Dreck wühlen

Von Sophia T. Fielhauer-Resei

Was Journalisten ausgraben, liegt oft an den Grenzen des Erträglichen. In St. Pölten trafen rund 200 Kollegen aufeinander, die schon reichlich im Leid gewühlt haben. Wie sich die Kollegen nicht von Gosse und Elend verschlingen lassen, berichteten sie dem „Journalist":

Österreich geht auf Distanz. Petra Pichler, 44, HD1-Redakteurin im „ORF"-Hörfunk und zweifache Mutter, sucht die Distanz vor dem Grauen: „Ich versuche, solche Geschichten nicht an mich herankommen zu lassen – manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter. Der F.-Prozess war in seiner Dimension erschreckend, aber wirklich berührt war ich von den Kaprun-Hinterbliebenen. Es geht mir persönlich nahe, wenn Leute ihre Kinder verlieren und mit Katastrophen zurechtkommen müssen. Ich bin selbst Mutter und es ist die Urangst jeder Mutter und jedes Vaters, sein Kind zu verlieren. Mit Freunden, Kollegen und meinem Mann über die Geschichten zu reden, hilft."

Wolfgang Höllrigl, 56, Chronik-Chef von „Österreich", werkt seit 33 Jahren als Journalist. War bei „Kurier", „Basta", „Täglich Alles", „Ganze Woche", ehemals Chefredakteur von „Wiener" und „Vera". „Ich war viele Jahre im Magazin- und Lifestylejournalismus, mein Leben war kein Blutbad. Der Fall F. gehört zur Hardcore-Abteilung, hat eine Dimension, die jenseitig ist, aber darüber muss man schreiben und nichts ausklammern. So etwas wird gerne gelesen und wir haben sogar noch zu wenig geschrieben. Als Reporter halte ich solche Geschichten aus, sie färben nicht ab, weil ich ein gutes Privatleben habe, meine Frau und meine Tochter heiß liebe." Allerdings, gibt Höllrigl zu: „Mit der Zeit wirst du zynischer, außerdem habe ich mit einem Fall wie F. eine 70-Stunden-Arbeitswoche. Der Wettbewerb ist der wahre Druck, du musst jeden Tag gegen eine Schar ausgeschlafener Reporter kämpfen. Und jede Fehldiagnose bleibt an dir kleben."

Unter dem Titel „So ist Boulevard" stellte der stellvertretende Chefredakteur des „Falter", Florian Klenk, 35, im August 2007 insbesondere „Österreich" an den Pranger. Mit der Thematik hat sich der promovierte Jurist auch in seiner Dissertation „Kriminalberichterstattung und Menschenrechte" beschäftigt. „Ein schwerkranker Häftling, der in der Justizanstalt Stein, an ein Gurtenbett fixiert, gestorben ist, war für mich eine der schlimmsten Geschichten. Es war das einzige Mal, dass wir Leichenfotos im, Falter‘ veröffentlicht haben, es diente der Aufklärung und sollte zur Verbesserung der Haftbedingungen beitragen. Fälle wie Seibane Wague oder Marcus Omofuma gehen einem nahe, zynisch wäre man, wenn es einen nicht berühren würde. Ich habe mir eine Reporterbrille antrainiert, das kann ich auch, weil ich die Geschichte schreiben, den Missstand aufzeigen kann und bei den Fakten bleibe. Fotos, wo Menschen leiden und sterben, sind tabu – das ist die Würde der Opfer. Die Leser goutieren keine Sensationslüsternheit, das ist nur eine Fehleinschätzung des Boulevard."

Deutschland professionell. Gisela Friedrichsen, 63, ist Gerichtsreporterin des „Spiegel", seit zwei Jahrzehnten hat sie hautnah mit Verbrechen zu tun, gilt als Kapazität. Vor dem Gericht war sie eine überaus gefragte Interviewpartnerin. „Die Tat ist monströs, aber nicht als einzige. Auch Winnenden oder der Kannibale sprengen die Grenzen des Nachvollziehbaren. Ich bin im Juli bereits 20 Jahre beim, Spiegel‘ und es geht einem immer wieder etwas nahe. Ich habe schon sehr viel von den Geschichten geträumt – aber hallo! Der Beruf ist nicht einfach, aber zum Glück bin ich mit einem sehr lieben Mann verheiratet, habe zwei wunderbare Kinder, und daraus schöpfe ich innere Gelassenheit. Ich habe einfach Glück ge- habt, denn es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, wenn man sich im Vergleich die Leiden anderer Menschen anschaut."

Auch Klaus Prömpers, 60, ZDF-Journalist, hat seine „Spiegel"-Kollegin Gisela Friedrichsen interviewt. Früher beim Deutschlandfunk, ist er am 1. November 1989, rechtzeitig zum Mauerfall, zum ZDF gewechselt. Er war Kriegsberichterstatter im Jugoslawien-Krieg, musste auf dem Flughafen von Sarajewo auf der Landebahn in Deckung gehen: „Das hat mir schon zugesetzt. Doch das Ärgste für mich war der Concorde-Absturz im Juli 2000. F. hingegen ist ein normaler Verbrecher, das macht mir nichts aus – ich habe durch meine Erfahrung gelernt."

Das Leben von TV-Journalistin Britta Hasselmann, 38, Mediengruppe RTL (z. B. RTL, n-tv, Vox), besteht vor allem aus Live-Einstiegen direkt vom Geschehen oder ebenso aus einem Interview mit Kollegin Friedrichsen: „Man sollte einfach darüber reden, ich diskutiere viel mit Kollegen und meinem Mann. Geschichten wie Kampusch oder Galtür und die von ihren Eltern tot geprügelte dreijährige Karolina, die bleiben einem ein Stück weit. Die äußerste Brutalität bei Karolina werde ich nie vergessen. Ja, es geht nahe, aber ich selbst habe so etwas zum Glück nicht erleben müssen."

Ralf Finke, 49, von der ProSiebenSat.1 Group, schmökert vor seinem Bericht für N24 noch schnell in „Österreich", das stapelweise im Journalistenzelt aufliegt. Finke, seit 25 Jahren Journalist, hat für Fußballmagazine geschrieben, war bei der „Frankfurter Rundschau" und als Kriegs- und Krisenreporter unterwegs. „Ich habe intensiv über den Kannibalen berichtet, über tote Kinder, den Krieg. Wenn ich alles so nah an meine Psyche heran-lassen würde, könnte ich den Job nicht machen. Mir gelingt das Wegschieben durch Professionalität. Ich abstrahiere und habe ein sehr gutes Privatleben, dadurch kann ich Grauen kompensieren. Gespräche mit Kollegen versachlichen das Thema, sorgen dafür, dass man nicht ständig im Elend badet."

Christian Parth, 36, („Das Büro für Stilsicherheit") arbeitet seit acht Jahren als freier Journalist für den „Stern". Den Flugzeugabsturz der Helios Airways nahe Athen 2005, beschreibt Parth neben dem Tsunami in Thailand als „heftigste" Geschichte, die er betreut hat. „Mehrere Tausend Tragödien. Die Leichenberge sind wesentlich härter als der F.-Prozess. Natürlich kann man das alles nicht vergleichen. Letztes Jahr war ich in Amstetten und habe das Ausmaß erst nach zwei Tagen erfasst, als ich abends alleine im Bett darüber nachdachte. Die Phase des Schreibens ist die Phase der Aufarbeitung – da fühle ich mich hinein. Für den Journalisten ist das ein kathartisches Erlebnis, es verschafft eine Distanz. Gespräche mit Kollegen helfen bei der Aufarbeitung, aber letzten Endes muss man es mit sich selbst ausmachen."

Britische Konkurrenz stresst. Allan Hall, seit 31 Jahren Journalist, schreibt aus Berlin u.a. für den „Daily Mirror", Aufsehen erregte er zuletzt als Autor der reißerischen Bücher „The Girl from the Cellar" und „Monster" – leicht zu erraten, welche Kriminalfälle gemeint sind. In St. Pölten lief Hall durch die Szenerie, verärgert, dass er nicht ins Gericht durfte, mit Infos wurde er von einer Gruppe britischer Kollegen versorgt. „Es ist auch nur wieder eine weitere schockierende Geschichte. Schockierend, aber ich verliere darüber keinen Schlaf, rede aber mit meiner Frau darüber. F. ist ein faszinierender Charakter – das Böse in ihm hat universelle Anziehungskraft. Schlaflosigkeit bereitet mir aber keine einzige Geschichte."

Greg Milam, 38, ist Europa-Journalist für den britischen TV-Sender „Sky News". „Es ist wie jede Geschichte, über die ich berichte. Du machst sie in einem professionellen Rahmen, in einer oberflächlichen Weise. Für einen 24h-Stunden-Sender musst du alles wissen, darfst es nicht aufsaugen und nicht persönlich nehmen, sonst würde es zum Trauma und macht dich kaputt. Vielleicht werden wir alle in 30 Jahren an den Folgen leiden. Ich habe in Kriegsgebieten recherchiert, vielleicht wird es später zurückschlagen." Seit 20 Jahren ist Milam Journalist: „Ich habe viel Boulevard gemacht, das geht nur, so l
ange du jung bist. In Fällen wie diesem verlieren wohl manche Journalisten ihre Realität."

Kollegin Yo Haniewicz arbeitet seit 20 Jahren für die BBC, hat als TV-Reporterin über Kriegsgräuel und Katastrophen berichtet. „Alle Geschichten sind unterschiedlich, manche berühren mich stärker. Die BBC bietet psychologische Beratung an, die habe ich noch nicht genutzt. In Wahrheit ist der Konkurrenzkampf in den Medien das wirkliche Problem. Ich kann nicht mal auf die Toilette gehen, ohne zu denken, was als nächstes getan werden muss, bevor es die anderen tun."

Norwegen sucht Verbündete. Aus Norwegen kommt Ralf Lofstad, 34, Online-Journalist des Dagbladet.no. Lofstad schreibt Artikel, steht vor der Kamera und reiste direkt vom Amoklauf in Winnenden an. „Winnenden war sehr berührend und ein riesiges Medienspektakel. Breaking News erfordern ein anderes Management, du machst deinen Job und hast überhaupt keine Zeit, deine Gefühle zu reflektieren. Ich bin von diesen Geschichten berührt, aber sie verfolgen mich nicht in mein Privatleben. Was mich viel mehr frustriert, ist, wie abhängig wir von der Arbeit anderer Journalisten sind, auch von Konkurrenz-Medien. Es macht Sinn, sich mit den anderen zu verbünden."

Spanien leidet mit dem O-Ton. Die junge Fernsehjournalistin Patricia Cuesta, 28, von Televisión Española (TVE), ist das erste Mal in ihrem Journalistenleben mit grausigen Inhalten konfrontiert. „Der schlimmste Teil für mich ist, diese schrecklichen Fakten vor der Kamera laut auszusprechen. Es belastet mich auch als Privatmensch."

Slowenien kooperiert mit Slowakei. Richard Juriš, 33, Journalist des slowakischen TV-Senders „JOJ", hat eben noch seinen slowenischen Kollegen von RTV interviewt und umgekehrt. „Ich habe schon viele grausliche Sachen gemacht, viele Unfälle und sehe sie als Arbeit. An der Grenze zwischen Ungarn und der Slowakei stürzte 2006 ein Flugzeug ab, 50 Soldaten waren tot. Abends im Hotel kommen dann die Gedanken, dann trinkst du Whiskey und rauchst Zigaretten. Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich 50 oder 60 Jahre alt bin, aber jetzt kann ich es noch vom Privatleben trennen." Kollege Alojz Kos, RTV, aus Laibach, pflichtet bei: „Der Fall F. ist eine schlimme Geschichte, aber von den Medien hochgespielt. Für mich persönlich war der Krieg in Jugoslawien das Furchtbarste".

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Leben“ auf Seite 74 bis 77 Autor/en: Sophia T. Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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