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Titel

Journalisten ins Gewerbe ausgelagert

Von Engelbert Washietl

In Österreichs Medienhäusern sind die Innenarchitekten am Werk. „Vol Life" ist der sperrige Name einer hauseigenen Agentur des Vorarlberger Medienhauses. „Die Presse" ließ eine neue Firma namens „Die Presse Content Engine GmbH & Co KG" ins Handelsregister eintragen. Diese beschäftigt Mitarbeiter der Fachgruppen Audiovisions- und Filmindustrie, Nachrichtenagentur und Pressefotografie. „Presse" und Vorarlberger Medienhaus definieren diese Firmen als „Inhouse Agencies".

Allmählich werden die Journalisten stutzig und beginnen sich darum zu kümmern, was in diesen Redaktionsfilialen eigentlich geschieht. Auch die Journalistengewerkschaft schlägt in einer „Sonderausgabe Journalismus" Alarm: „Informationen in einem Betrieb produzieren zu lassen, der dem Gewerberecht unterliegt, ist eine völlige andere Positionierung des Journalismus."

Das Konzept sieht vor, dass in einer so genannten „Inhouse"-Nachrichtenagentur Inhalte produziert werden – für die einzelnen „Plattformen" (Print, Online, etc.). Dort sollen sie in ihre endgültige Form gebracht werden. Michael Lohmeyer, Betriebsratsvorsitzender der „Presse" und stellvertretender Vorsitzender der Styria-Konzernvertretung: „An sich wäre gegen die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze ja nichts einzuwenden. Aber: In dieser neuen Firma, der, Content Engine‘, gibt es keine zusätzlichen Jobs, sondern es werden Kollegen vom „Presse"-Verlag in die, Engine‘ verschoben. Dort arbeiten Kollegen wie bisher, nur unter einem sehr viel schlechteren Kollektivvertrag." Wen es im Einzelfall trifft, ist in Zeiten des Übergangs nicht so genau zu bestimmen.

Bei der „Presse" sind in diese Firma derzeit Fotografen, Inlands-Korrespondenten, Mitarbeiter der Beilagenredaktion, ein Klassik-Redakteur und freie Dienstnehmer verschoben worden – gegen ihren Willen. Lohmeyer: „Das offizielle Argument war, dass sie sowohl für Print, als auch für Online arbeiten – ein Umstand, der allerdings auf die meisten Kollegen zutrifft."

Die Nachteile für die Beschäftigten liegen auf der Hand, sind aber nicht auf Anhieb zu erkennen. Wer von der „Presse" in die „Content Engine" wandert, muss nicht unbedingt Gehaltseinbußen erleiden. Wer hingegen vom freien Markt engagiert wird, für den können von Anfang an schlechtere Bedingungen festgelegt werden. So entsteht ein Zweiklassensystem, das sich im Laufe der Zeit nach unten einebnen dürfte. Im Gewerbe-KV fehlen Bestimmungen, die speziell für Journalisten ausgehandelt wurden: Honorarsätze für Sonderleistungen sowie ein Mitspracherecht der Journalisten bei der Wiederverwertung ihrer Werke.

Zwar gibt auch der Journalisten-KV im Paragrafen 17 den Verlagen scheinbar uneingeschränkte Möglichkeiten der Wiederverwertung, denn die Generalformel über Urheberrechte lautet dort: „Der Verlag erwirbt das ausschließliche, zeitlich, räumlich und inhaltlich uneingeschränkte Recht, Urheberrechte und verwandte Schutzrechte im Sinne des Urheberrechtsgesetzes, die Dienstnehmer in Erfüllung ihrer vertraglichen Pflichten aus dem Dienstverhältnis erworben haben, vom Zeitpunkt der Rechtsentstehung an, zu nutzen." Allerdings fährt diese Bestimmung nicht wie eine Walze über die Journalisten hinweg, denn auch deren Ansprüche werden gewürdigt: „Die Urheberpersönlichkeitsrechte des Dienstnehmers an seinen Beiträgen bleiben unberührt, insbesondere das Recht, Entstellungen und Bearbeitungen zu verbieten, die geeignet sind, seine berechtigten geistigen Interessen am Beitrag zu beeinträchtigen." Das ist ein zentrales Anliegen, das freilich im Gewerbe-KV nicht mehr aufscheint. Somit kann der Verlag die schöne Story eines Redakteurs gewinnbringend auch anderen Unternehmen zu Verfügung stellen, damit diese Werbung für ein Produkt machen, das der Autor der Story überhaupt nicht im Auge hatte.

Als in den 1990er-Jahren der Modebegriff „Content" zu grassieren begann, bereitete er schon damals den sensibleren unter den Journalisten Magenschmerzen. Der „Inhalt" ihrer täglichen Leistungen lag in dem amerikanisierten Begriff plötzlich abgepackt und verschnürt da, so als sollte die journalistische Leistung demnächst per Container abgeholt und verschifft werden.

So geschieht das heute unter dem Stichwort der multimedialen Verwertung tatsächlich. Journalisten liefern schon längst mehrfach verwendbare Produkte ab, allerdings fehlte bisher noch die richtige „Maschine", die die Basisprodukte variiert und auf diverse Stränge zur Vermarktung verteilt.

Ausgerechnet „Die Presse" hat diese Maschine möglicherweise erfunden und nennt sie auch so: „Content Engine". Ob dieselbe auch in anderen Styria-Häusern eingeführt werden wird, ist offen. Styria-Vorstand Horst Pirker relativiert ihre Bedeutung und müsste es ja genauer wissen.

Eine von der Gewerbebranche kopierte Medienstruktur würde wesentliche Teile des Journalismus auf null reduzieren. Die Redakteure fürchten, in ihrem neuen Umfeld keine andere Aufgabe zu haben, als „Contents" vom Fließband zu produzieren und allenfalls darüber nachzudenken, wie oft man das Material in abgewandelter Form verwerten könnte. Dass Journalisten auch die Funktion haben, einen gesellschaftlichen Diskurs zu befördern, Kontrolle auszuüben oder die Grundlagen für demokratiepolitische Auseinandersetzungen zu schaffen, scheint in der neuen Systematik nicht mehr auf. Im Grunde genommen ist das von Verlegern umgesetzte Konzept eine Rückstufung, wenn nicht Knebelung jeder Kreativität. Es wirkt so, als würden Besitzer einer Goldmiene nur noch das schätzen, was Billigarbeitskräfte unter Tag schürfen, während sie für Goldschmiede keine sinnvolle Aufgabe mehr erkennen. Die klassischen Journalisten – Goldschmiede der Kommunikationsgesellschaft – scheinen nach dem technischen Berufsstand der Setzer die nächsten Rationalisierungsopfer zu werden. Die Setzer wurden wenigstens durch den Computer ersetzt, aber wer gleicht das Manko eines verantwortlichen Journalismus aus?

In der Medienbranche würde dabei freilich ein Paradox entstehen, mit dem sich Fernsehgewaltige genauso herumschlagen werden wie die klassischen Zeitungsverleger – entweder rechtzeitig oder erst, wenn alles zu spät ist. Denn niemand wird leugnen, dass die Journalisten die Marke, den „Brand" eines Mediums, prägen. Die Marke käme bei konzernweit standardisierter Einführung von Content Engines sehr bald unter die Räder.

Zu alledem kommen noch gewichtige inhaltliche Bedenken – denn die Idee dieser Agentur ist ja, Information möglichst vielseitig zu „verwerten" – etwa auch für Fremdwerbungszwecke. „Content Engine" wird damit zum Hamsterrad, in dem Inhalte – nicht notwendigerweise journalistische – am laufenden Band produziert werden. Lohmeyer: „Das wäre die Logik einer solchen Firma, allerdings untergräbt sie unabhängigen Journalismus, der nicht umsonst besonders geschützt ist. Journalismus ist kein Gewerbe, in dem ausschließlich kommerzielle Kriterien gelten. Journalismus ist mehr."

Auch aus diesen grundsätzlichen Überlegungen hat der „Presse"-Betriebsrat die Journalisten-Gewerkschaft (GPA-djp) eingeschaltet, um alle möglichen Rechtsmittel zu prüfen, sollte eine Einigung im Dialog nicht möglich sein.

7 Tage die Woche gibt es „Die Presse" seit der Gründung der „Presse am Sonntag" (15. März 2009). Die für die Sonntagsausgabe nötige Investition wird das Jahresbudget der „Presse" mit einem „niedrigen zweistelligen Millionenbetrag" belasten, gab Geschäftsführer Reinhold Gmeinbauer bekannt.

67.822 an Wochentagen betrug die durchschnittlich Verkaufsauflage der „Presse" im Vorjahr.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 34 bis 34 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt.
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