ARCHIV » 2009 » Ausgabe 04+05/2009 »

Titel

Runter mit Inseratenpreis, rauf mit Produktivität

Von Interview: Engelbert Washietl

?Die „Vorarlberger Nachrichten" haben vier Mitarbeiter gekündigt. Macht sich die Wirtschaftskrise in Vorarlberg deutlicher bemerkbar als woanders?

Eugen Russ: Es geht uns nicht schlecht, obwohl ich keinen Hehl daraus mache, dass wir derzeit ein doppeltes Problem haben: einerseits die Wirtschaftskrise und andererseits eine Strukturkrise. Das führt dazu, dass wir als Unternehmen jedenfalls auf den Umfang der Strukturkrise reagieren wollen.

Mit Strukturkrise meinen Sie die Krise der Medien, der Zeitungen oder des Vorarlberger Medienhauses?

Der Zeitungen. Sie werden ja mitgekriegt haben, was in den USA und in England und in der Schweiz passiert. Das ist eine Strukturkrise, die die ganze Zeitungsbranche betrifft. Das Internet ist nicht mehr wegzuleugnen, und damit gibt es Veränderungen. Die Unternehmen, die versuchen, sich ins nächste Jahrzehnt zu bemühen, verändern derzeit ihre Kostenstruktur. Dazu zählen wir auch.

Das heißt, Sie müssen rationalisieren?

Wir müssen produktiver werden. Die Produktivität wird uns zu einem guten Teil von Mitbewerbern vorgegeben, also von Google, eBay & Co. Ich habe vor kurzem einen Vortrag vor der International Advertising Association IAA in Wien gehalten und keinen Hehl daraus gemacht, dass wir der Werbewirtschaft entgegenkommen, produktiver und einfach effizienter werden müssen. Dazu zählt eben, dass wir uns abschlanken. Im Rahmen dieser Strukturveränderung ist auch der Abbau in Vorarlberg zu sehen. Nicht nur in Vorarlberg – wir bauen in Ungarn ab, in Rumänien und in Deutschland ebenso. Überall, wo wir sind, versuchen wir, produktiver zu werden. Wir lassen uns die Veränderungsgeschwindigkeiten nicht von außen aufzwingen, wie das in den USA und in England bei den Zeitungshäusern jetzt passiert. Dinge, die absehbar sind und mit der Strukturveränderung zusammenhängen, sehen wir voraus und reagieren darauf.

Kommen Sie vielleicht gerade aus den USA oder aus England zurück?

Ja, aber ich komme seit Jahren von irgendwoher zurück. Ganz einfach in der Überzeugung, dass wir nicht auf einer Insel der Seligen leben. Es gelten für uns die internationalen Regeln. Entweder wir passen uns an oder wir werden schnell zum Sanierungsfall. Der Küniglberg lässt grüßen.

Der Werbeindustrie entgegenkommen heißt, die Inserate billiger hergeben?

So ist es. Mehr Werbewert zu einem geringeren Preis bieten.

Machen das die anderen Verlagshäuser auch schon?

Ich verfolge die österreichische Medienlandschaft nicht im Detail. Aber in den USA und in Großbritannien passiert Dramatisches in dieser Richtung. In der Schweiz wird sehr stark versucht, die Produktivität zu erhöhen. Auch in Deutschland ist das so, auch in Oberösterreich ist es passiert. Auch „Die Presse" können Sie dazurechnen, wo jetzt eine zusätzliche Ausgabe mit dem gleichen Personal in den Markt gesetzt wird. Ich glaube nicht, dass wir da einzigartig wären.

Bei solchen Maßnahmen verändern sich die journalistischen Aufgaben und Arbeitsbedingungen ebenfalls. Weniger Leute müssen mehr leisten – auf das kommt es hinaus?

In der Summe schon. Aber es müssen sich auch die Arbeitsprozesse so verändern, dass nicht die Mehrleistung mit mehr Stunden zu kompensieren ist. Wir müssen einfach produktiver werden. Die deutsche Autoindustrie stellt ja heute auch mehr und bessere Autos her, ohne dass die Mitarbeiter mehr Stunden arbeiten müssten.

Hat damit auch diese neue Agentur zu tun, die Sie für das Vorarlberger Medienhaus gründen wollen?

„Vol Life" ist vor einem Jahr gegründet worden und ist auf gutem Weg, die Aufgabe zu übernehmen. Im Wesentlichen geht es darum, dass wir über die kleinsten Gemeinden berichten und dabei mit Hilfe modernster Technologie produktiver arbeiten. Wir berichten multimedial, also auch mit Video. Mit reiner Printberichterstattung könnten wir das nicht bewältigen.

Sind das Journalisten, die in dieser Agentur arbeiten, oder andere Mitarbeiter?

Es sind Journalisten, die aber nicht unter dem Journalisten-Kollektivvertrag angestellt sind. Ich glaube nicht, dass der österreichische Tageszeitungskollektivvertrag die Voraussetzung dafür ist, dass man journalistisch arbeitet.

Das ist schon seit längerem Ihre Meinung. Kann man diese „Vol Life" mit der „Content engine" vergleichen, die „Die Presse" aufbaut?

Die kenne ich zu wenig.

Dort gibt es auch keinen Journalisten-Kollektivvertrag.

Dann könnte es so etwas Ähnliches sein. In Deutschland arbeiten 80 Prozent der deutschen Zeitungen außerhalb des Tarifvertrages. In der Schweiz gibt es meines Wissens keinen Kollektivvertrag, und dennoch wird journalistisch gearbeitet.

Sie setzen sehr stark auf Lokalberichterstattung. Damit haben Sie früher angefangen als andere Medien in Österreich. Dennoch schlägt die Wirtschaftskrise voll zu. Die lokale Verankerung ist kein Schutz dagegen?

Ich weiß nicht, warum die Wirtschaftskrise bei uns voll zuschlagen soll? Wir haben eine Strukturveränderung, über die haben wir vorher gesprochen. An sie passen wir uns an. Darüber hinaus glauben wir fest an das Prinzip unserer lokalen Aufgaben. Dabei nutzen wir Internetplattformen, die neue Agentur, um noch tiefer (weil produktiver) in die Berichterstattung zu gehen.

Kann diese Agentur auch die ungarischen Blätter beliefern? Die werden sich wenig für Alpen-Storys interessieren.

Da haben Sie vollkommen recht. Darum liefern ja auch die „Vorarlberger Nachrichten" nicht den ungarischen Lokalzeitungen zu. Wir haben 13 Tageszeitungen, und die haben eigenständige Redaktionen. Es gibt Teilbereiche im multimedialen und im internationalen Bereich. Beispiel Modestrecken. Da beliefert die Agentur alle. Das muss aber nicht einseitig nach Ungarn und Rumänien gehen, sondern kann von dort auch zurückkommen.

Wenn „lokal" das Wichtigste ist – wer macht und bezahlt in Zukunft das, was überregional und international wichtig ist, auch das, was von besonders anspruchsvollem Inhalt ist?

Die Auslandskorrespondenten werden wir uns in Zukunft nicht im Übermaß leisten. Darauf haben wir aber auch in der Vergangenheit keinen besonders großen Wert gelegt. Es gibt jetzt auch eine klare Repositionierung der einzelnen Medien. Besonders bei amerikanischen Zeitungen spricht sich die Arbeitsteiligkeit herum. Jede Regionalzeitung muss sich nicht mehr große Auslandskorrespondentennetze halten. Das wäre auch nicht das Asset, das man von den „Vorarlberger Nachrichten" erwartet. Wir können uns Auslandskorrespondenten gemeinsam mit anderen leisten, wir können uns solche auch bei der Austria Presse Agentur leisten, aber kein eigenes Netzwerk. Das hat es nicht gegeben und wird es nicht geben. Was wir anbieten, ist ein Kombinations-Abo mit der „Neuen Zürcher Zeitung". Die kann man gemeinsam mit den „Vorarlberger Nachrichten" bestellen, und der Abonnent bekommt dann die aktuelle Inlandsausgabe der meines Erachtens besten deutschsprachigen Zeitung gemeinsam mit der besten Lokal- und Regionalzeitung zugestellt. Das machen wir seit fünf Jahren. Wir könnten uns niemals 200 Auslandskorrespondenten leisten wie die „NZZ".

Neben der Lokalberichterstattung spielt Online im Vorarlberger Medienhaus eine wichtige Rolle. Mit Online kann man schon Geld verdienen?

Wir haben bewiesen, dass wir vom Anfang an, also seit zwölf Jahren, in der Lage sind, mit Online Geld zu verdienen. In Zukunft werden wir das noch besser können, weil es Marktverschiebungen zugunsten Onlines gibt.

Da gehen lokale und regionale Inserenten hinein?

Auch nationale. Wir sind ja mit www.austria.com eine bedeutende Plattform für ganz Österreich, deshalb haben wir auch viele nationale Inserenten. In der Summe ergibt das einen Umsatzstrom, der ausreicht, um unsere Kosten zu überdecken.

Wie kann man sich das Ergebnis, vom Umsatz gerechnet, vorstellen?

Es ist ein respektables Ergebnis, aber immer noch auf Wachstum ausgerichtet.

Eine zweistellige Re
ndite?

Wir streben keine Gewinnmaximierung an, sondern wollen weiterhin wachsen.

In „Salzburg24" gehen Sie in den Immobilienmarkt hinein?

Das ist eine von 200 Applikationen, die wir in den jeweiligen lokalen Märkten einsetzen. Da gehört auch der Jobmarkt dazu, das Horoskop – ein lokales Produktportfolio besteht aus vielen einzelnen Teilen, und dazu gehört auch eine Immobilienplattform.

Mit Jobs und Immobilien ist allerdings in der gegenwärtigen Lage wenig zu machen, kein Wachstumsbereich im Anzeigenteil.

Es gibt eine starke Verlagerung Richtung Online. Das ist billiger für die Anbieter, also Makler und Immobilienentwickler, genauso wie für Autohändler und Firmen, die Jobs anbieten. Die können in „Salzburg24" billiger inserieren als in den „Salzburger Nachrichten". Drum wird man die Veränderung, die weltweit stattfindet, in Österreich nicht aufhalten können, auch wenn man sie aufhalten wollte. „Salzburg24" profitiert von den Job- und Immobilienplattformen. Man kann ein Jobangebot heute günstiger platzieren, als es vor fünf Jahren möglich war. Eine Firma spart sich Geld und kriegt das gleiche Ergebnis. Das ist die erhöhte Produktivität, der wir uns durch Google, durch Yahoo und T-Online gegenüber sehen. Die Medienkonzerne passen sich weltweit dieser neuen Produktivität an. Drum haben sie in der „Los Angeles Times" statt 1.200 nur noch 600 Redakteure. Aus dem gleichen Grund legen „Herald Tribune" und „New York Times" ihre Online-Redaktionen zusammen, und die „New York Times" baut massiv Mitarbeiter ab.

Wenn es mit den Zeitungen nicht mehr so gut geht wie in der Vergangenheit, könnten Sie ja Ihre zwei Zeitungen fusionieren, da würden Sie sich wahrscheinlich auch etwas ersparen.

Da würden wir uns wahrscheinlich nichts ersparen. Es gibt ja auch eine Presseförderung, die nur dann zum Tragen kommt, wenn es zwei unterschiedliche und voneinander völlig unabhängige Zeitungsunternehmen sind.

Lassen Sie den „Bezirksblätter"-Ring von Styria und der Moser Holding nach Vorarlberg hinein? Oder ist er schon drin?

Wir haben immer gesagt, wir kooperieren, und das werden wir auch tun. Was die „Bezirksblätter" anbelangt, bitte ich Sie, mit dem Sprecher der „Bezirksblätter" darüber zu reden.

Was die in Vorarlberg machen können, hängt ja auch von Ihnen ab?

Wir werden kooperieren.

„Werden" ist Zukunft, es muss also noch alles ausgehandelt werden?

Sobald es den „Bezirksblätter"-Ring gibt, werden wir dabei sein. Vielleicht gibt es den Ring schon.

Es gibt ihn, die Firma existiert.

Wenn es sie gibt, dann gibt es die Kooperation auch schon. Die Verträge laufen ja nicht über meinen Schreibtisch.

160 Millionen Euro Gesamtumsatz erwirtschaftet die „Vorarlberger Medienhaus" Gruppe 2007.

1.500 Mitarbeiter beschäftigt die Gruppe.

60 Zeitungen, zahlreiche Internet-Portale und Radiosender in Österreich, Ungarn und Rumänien gehören zur Gruppe.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 26 bis 29 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;