ARCHIV » 2009 » Ausgabe 04+05/2009 »

Rubriken

Sprechstunde

Wird Bulgarien für den ORF zum 80-Millionen-Grab?

Dr. Media: 80 Millionen Euro hat der ORF-Stiftungsrat der ORF-Tochter ORS (40 Prozent hält eine Raiffeisen-Firma) für den Erwerb des Sendernetzes in Bulgarien bewilligt. Jetzt droht ein finanzielles Deaster. Hauptgrund für dieses Engagement war die Umstellung von analogem Fernsehen auf Digital-TV. Jetzt fehlt laut Medienberichten plötzlich die Geschäftsgrundlage. Nach einer Gesetzesänderung soll das von der ORS erworbene Unternehmen Nurts von der Digitalisierung ausgeschlossen werden.

Das Geschäft war im Stiftungsrat höchst umstritten. Der ausgewiesene Ostexperte und unabhängige Rat Paul Lendvai (er wurde mittlerweile von der neuen Regierung aus dem Aufsichtsgremium entfernt) warnte eindringlich, der bürgerliche Peter Radel, früher Kaufmännischer Direktor des ORF, hegte starke Zweifel. Hauptgrund der Bedenken: Bulgarien sei noch weit von westlichen Rechtsstandards entfernt, werde permanent von politischen Turbulenzen heimgesucht und die Korruption blühe.

Die allseits anerkannte Organisation „Transparency International", die jährlich einen weltweiten Korruptionsindex erstellt, hatte Bulgarien im Jahr 2004 auf Platz 53 gereiht. Im Jahr 2008 lag das Land dann auf Platz 72. Gleich hinter Kolumbien! Besser gereiht als Bulgarien sind beispielsweise Namibia oder Samoa.

Die ORS will nun die Europäische Kommission bemühen und hofft auf eine neue bulgarische Regierung. Sollte es bei der derzeitigen Rechtslage bleiben, wäre die bulgarische ORS-Tochter nur einen Pappenstiel wert und es entstünde ein hoher Abschreibungsbedarf. Zur Erinnerung: fast 80 Millionen Euro betrug das ORF-Rekorddefizit für 2008. Glück für den ORF (man kann es auch weise Voraussicht nennen): Das Closing des Deals ist noch nicht vollzogen und an bestimmte Klauseln geknüpft. Lendvais Bedenken sind bei Wrabetz (sitzt auch im ORS-Aufsichtsrat, Raiffeisen wird durch Wrabetz-Vorgängerin Monika Lindner vertreten) also nicht auf taube Ohren gestoßen.

Wer ist der wahre Austro-Obama?

Dr. Media: Für „Österreich"-Gründer Wolfgang Fellner ist es eindeutig sein Jugendfreund Werner Faymann. Eine schlüssige Begründung ist Fellner bislang schuldig geblieben – das wäre vielleicht auch zu viel verlangt. Der Politologe Thomas Hofer kommt zu einem anderen Schluss. Für ihn ist Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll noch am ehestens ein Austro-Obama. Warum, begründete er in einer lesenswerten Analyse der vergangenen Landtagswahl. Pröll habe einen modernen Wahlkamopf gefüghrt und so auch Wähler über die Parteigrenze hinweg angesprochen. Nachzulesen im „Jahrbuch für Politik" (Böhlau Verlag).

Was treibt jetzt eigentlich Gert Edlinger?

Dr. Media: Er hat die Branche gewechselt. Zuletzt war er Geschäftsführer der Österreich Redaktions GesmbH. Jetzt heuert er beim schillernden Unternehmer Hanno Soravia (Hauptgeschäftszweig: Bauwesen) an: Soravia, ein passionierter Fliegenfischer und Gourmet, will in Restaurants nicht dauernd nur Branzino essen. Also gründete er vor kurzem die Wilder Fisch GmbH2, mit der er zum größten Süßwasserfisch-Produzent Europas werden will. Einer der Geschäftsführer, zuständig für Marketing und Vertrieb, ist Gert Edlinger.

Neuer Geschäftsführer der Österreich Redakions GesmbH ist nun auch formal Gründer und Herausgeber Wolfgang Fellner. Viele Redakteure halten das für einen Fortschritt: Sie gehen lieber zum Schmied als zum Schmiederl. Edlingers Branchenwechsel überrascht ein wenig. Als er bei „Österreich" anfing, sagte er, das sei kein Risiko; schließlich habe er ein lebenslängliches Rückkehrrecht zum Styria-Konzern, für den er früher tätig war. Nun: Entweder hat Edlinger von dieser Jobgarantie nicht Gebrauch gemacht – oder Styria-Chef Horst Pirker kann sich an eine solche nicht erinnern.

Warum „LiVe" und nicht „Leben"?

Dr. Media: Eine gute Frage, die Franz Weinpolter da stellt. Er ist „Krone"-Abonnent und eifriger Leserbriefschreiber. (Jemand hat ausgerechnet, dass fast jeden zweiten Tag ein Weinpolter erscheint – manchmal in Versform, meist als Epistel.) Er stößt sich am Titel „LiVe", das ist die neue Freitagbeilage des Kleinformats. Weinpolter wörtlich: „Sie schreiben in Ihrer Einleitung zwar, LIVE" ist Leben‘, dürften aber – dem Zeit(un)geist folgend – genauso dem Anglizismus-Wahn erliegen wie etwa die Gemeinde Wien, die ihre Hundstrümmerlpolizei, Waste Watcher‘, die Straßenkehrer, Kehr-Force‘ oder einen Fußgängersteg, Skywalk‘ nennt – hoffentlich heißt die, Kronen Zeitung‘ nicht eines Tages, Crowns Newspaper‘ (oder so ähnlich). Und die Moral von dieser Gschicht: Schämt euch der Muttersprache nicht!"

Herausgeber Hans Dichand, der über die Leserbriefseiten mehr als wacht, hat diesen Weinpolter wohl nur abgedruckt, weil viele aus der großen „Krone-Familie" (so nennt Dichand seine Leser) mit diesem „Liiife", wie sie es nennen, unglücklich sind. In zig Anrufen fordern sie die eingestellte „TV-Woche" zurück. Das Fernsehprogramm in „LiVe" ist tatsächlich schwer lesbar, der redaktionelle Mantel für „Krone"-Verhältnisse ultraschrill. „LiVe" war früher ein Gratiswochenmagazin von Dichand-Schwiegertochter Eva Dichand, das jeden Freitag mittags in den Boxen ihrer Gratis-Tagesteitung „Heute" auflag.

Kommt Eva Pölzl bald zurück?

Dr. Media: Ja! Der „Kronen Zeitung" vertraute sie an: „Ich komme bald wieder", schon bald nach der Geburt ihres Sohnes Julius Xaver Pius.

Am Küniglberg wird bereits heftig über ein neues Format für die Oberösterreicherin nachgedacht. Wahrlich kein leichter Job für die mit diesem Projekt Betrauten. Ihr schwebt eine Doku-Reality-Sendung à la „Pölzl geht raus" vor. Pölzls letzte Sendung „Wie bitte" erwies sich als veritabler Flop – trotz massiver ORF-Eigenpromotion und Printinseratenschaltungen. Ursprünglich im Vorabend platziert, wurde das für ein junges Publikum gedachte Magazin in die späte Nacht verbannt. Die letzte Folge am 10. März wurde um 23.35 Uhr ausgestrahlt.

Kindsvater Pius Strobl, ORF-Kommunikationschef, geht für mindestens drei Monate in Baby-Karenz. Neuer starker Mann ist Wolfgang P. Fischer – ein Bürgerlicher, der aber auch einen guten Draht zu Kanzler Faymann hat. Einen besseren jedenfalls als Alexander Wrabetz.

Was heckt der „Standard"-Fidler aus?

Dr. Media: Harald Fidler arbeitet an seinem nächsten Buch. Der, weil bestens informiert und sehr schnell, für nicht wenige beste Medienjournalist des Landes ist daher nicht regelmäßig im „Standard" zu lesen. (Zuletzt erschien von Fid- ler „Österreichs Medienwelt von A bis Z", ein 630 Seiten dickes Lexikon mit 1.000 Stichwörtern, Falter-Verlag.)

Titel und Inhalt seines dann vierten Buches sind streng geheim. Die Branche ist gespannt.

Dr. Media beantwortet in der „Journalist"-Sprechstunde regelmäßig Leserfragen zur Medienbranche. Fragen bitte per E-Mail an: sprechstunde@ oberauer.com

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 104 bis 105. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;