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Tiroler schnüren Pakete, „Kurier“ füllt Magazine

Von Engelbert Washietl

Das erste Quartal ist überstanden, die Frage ist bloß, ob der Durchhaltewille der österreichischen Medien von Dauer ist, selbst wenn die allgemeine Wirtschaftsrezession anhält oder sich gar verstärkt. Not ist überall, Aufnahmestopp das Kernprogramm medialer Personalpolitik geworden. Wie eng es ist, zeigt die heftige Suche der Zeitung „Österreich" nach dem, was ihr von Anfang an fehlt – einem Logistikpartner, der das Vertriebsproblem mildert. In Oberösterreich ist Wolfgang Fellner dort gelandet, wo er schon 2006 hinwollte: bei der „Oberösterreichischen Rundschau". Die hat ihn damals nicht willkommen geheißen, aber nach mehrmaligen Eigentümerveränderungen in Linz sieht die Welt anders aus. Die Moser Holding als Besitzer der „Rundschau" steht „Österreich" neuerdings servicefreundlich zur Verfügung.

Außer bei der „Presse", über deren antizyklischen Vormarsch mit der Sonntagsausgabe bereits im vergangenen Heft ausführlich berichtet wurde, ist vor allem beim „Kurier" Anstrengung zu beobachten. Die Zeitung hat innerhalb weniger Wochen eine Economist-Beilage und ein neues TV-Programmheft aus dem Boden gestampft, mit dem es sich von der „Krone" absetzt. Auf Reichweitenwirkung zu schauen hat der „Kurier" dringend nötig, denn die MA 2008 war mit einem Ergebnis von 8,9 Prozent Reichweite zwar nicht schlechter als im Jahr davor. Besonders ärgerlich ist für ihn aber, dass die Verschenkaktionen von „Österreich" statistisch Wirkung zeigen – die Fellner-Zeitung katapultierte sich in ihrem ersten MA-Durchgang auf 10,0 Prozent.

Chefredakteur Kotanko schiebt die Frage danach scheinbar lässig weg: „Die Zeitung, die sich, Österreich‘ nennt, ist nicht der Bezugspunkt unserer Diskussionen." (Siehe Kasten).

Kotanko ist überzeugt, dass das am Donnerstag erscheinende „Business"-Magazin gerade wegen der Wirtschaftsflaute zur rechten Zeit kommt. „Reaktionen aus der Werbewirtschaft zeigen, dass diese Entscheidung richtig ist. Wir hätten in der Wirtschaftskrise sicher einen stärkeren Rückgang der Inserate, hätten wir nicht rechtzeitig ein attraktives neues Angebot gemacht." Dank der neuen „tv-woche" sieht er sogar Verkaufssteigerungen am Freitag, da der „Kurier" mit diesem aktuellen Fernsehprogramm und den dazu gehörigen Storys aus der Welt der Unterhaltungselektronik zwei Zielgruppen mit einem Produkt bediene.

Bei den Stelleninseraten registriert Kotanko Rückgänge von 20 bis 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei Handelsanzeigen sei die Lage besser, aber nicht gut genug. „Daher müssen wir intelligent sparen. Das bedeutet: nicht sparen am falschen Platz, aber sämtliche Kosten durchforsten, Strukturen im ganzen Haus überprüfen, Abläufe in allen Bereichen verbessern. Im Personalbereich wird, wenn möglich, in bestimmten Bereichen umgeschichtet, z. b. durch den Wechsel von einem Ressort in ein anderes. Außerdem entlasten einige Alterspensionen das Redaktionsbudget."

Der „Sonntag-Kurier" sei seit Jahresbeginn durchgehend im Plus, seit März steige die Zahl der Entnahmen stark an: „Die, Presse am Sonntag‘ hat also das Geschäft für den, Kurier‘ belebt. Das Match wird auf dem Platz entschieden, die Produktqualität wird in der Krise wieder wichtiger." Gleiches sagt übrigens auch „Standard"-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann. Seit Erscheinen der Sonntags-„Presse" hätten die Entnahmen des Wochenende-„Standard" um 15 Prozent zugenommen – vermutlich, weil „Die Presse" am Samstag nicht mehr in Taschen aushänge.

Sparen ist auch bei der „News"-Gruppe kein unbekanntes Wort, doch ist Vorstand Oliver Voigt heftig bemüht, Krisengerede zu widerlegen. Er sieht seine österreichischen bunten Blätter innerhalb des Gruner+Jahr-Konzerns sogar bestens aufgestellt. „Wir sind heute ein signifikanter Ergebnisbringer in der Gruner-Welt", erklärte er in einem „Standard"-Interview. „Selbstverständlich hat unsere Gruppe auch Mindererlöse. Wer heute das Gegenteil behauptet, ist ein Phantast. Die sind aber, verglichen mit anderen Regionen, anderen Ländern, aber auch anderen Playern hier im Land relativ moderat. Vor allem, weil Titel von uns overperformen,, Woman‘ und, Gusto‘ liegen weit über Plan. Ohne Dumping. Gruß an alle, die gerne dumpen, es geht auch anders. Aber natürlich haben wir auch die Wirtschaftspresse mit Rückgängen von 21, 25 Prozent. Das bedeutet in der Jahresvorschau für 2009 ein leicht zweistelliges Minus."

Die Moser Holding hat im Zuge ihrer Neuerungen bereits mehrfach Neigungen zu Paketlösungen bewiesen. So auch beim letzten Coup, der Erwerbung der „Wiener Bezirkszeitung", die bisher der Österreichischen Post-Tochter feibra GmbH gehörte. Die Vertriebsfirma feibra bekam nicht nur Geld, sondern auch etwas zu tun. Die Moser Holding gibt nämlich das Geschäft mit unandressierten Werbemittelsendungen auf (das hatte bisher die MoHo-Tochter „Tirol Mail" erledigt) und übertrug es mit Wirkung vom April 2009 der feibra. Hermann Petz, Vorstandsvorsitzender der Moser Holding, umriss die geschäftliche Harmonie zwischen den Tirolern und der Post mit den Worten: „feibra verfügt durch ihre österreichweite Tätigkeit über mehr Flexibilität und höhere Kapazitäten. Deshalb haben wir beschlossen, uns hinkünftig im Zustellsektor wieder auf die Kernaufgabe der Zeitungszustellung zu konzentrieren."

Ein Lichtblick für die Print-Branche zeigte sich kurz vor Redaktionsschluss in Deutschland. Die Bruttowerbeerlöse der Tageszeitungen stiegen dort laut Nielsen Media Research im ersten Quartal 2009 um 6,4 Prozent. Die Kehrseite einer Medaille kann also ausnahmsweise auch die gute sein: Die Umsatzeinbrüche bei den Handelsketten und Diskontern hatten diese nämlich zu aggressiven Werbemaßnahmen veranlasst, an denen die Zeitungen zum Unterschied vom Fernsehen verdienen. Offenbar gibt es das „antizyklische Werbeverhalten" – viel werben, wenn es einem schlecht geht – doch.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 40 bis 40 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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