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Medien

Christian Konrads Leiden am „Kurier“

Der Raiffeisen-Generalanwalt steht treu und keusch zur Mediaprint und ärgert sich über deren innere Blockaden.

Greifen Sie demnächst wieder in die österreichische Medienszene ein, wie Sie das öfters tun – beispielsweise im Jahr 2000, als eine neue Struktur für die Wochen- und Monatsmagazine geschaffen wurde?

Die wichtigste Veränderung war zweifelsohne Jahresende 1987, Anfang 1988.

Also der Einstieg der deutschen Verlagsgruppe WAZ in „Krone“ und „Kurier“.

Als Vizepräsident der Kurier Ges.m.b.H. war ich beauftragt, über eine mögliche Partnerschaft zu verhandeln. Das schien deshalb sinnvoll, weil sich unser Hauptmitbewerber, die „Kronen Zeitung“, auch um einen Partner umgeschaut und ihn nach der Trennung Hans Dichands von Kurt Falk auch gefunden hat, nämlich in der WAZ. Das alles mündete in der Gründung der Mediaprint, um die beiden größten Zeitungen des Landes – damals, heute ist das nicht mehr ganz so – von einer gemeinsamen Verlagsgesellschaft verlegerisch betreuen zu lassen. Sie sorgt für Druck und Vertrieb.

Hans Dichand hat in der Vergangenheit mehrfach erklärt, er habe vor 1988 die wichtigsten Bankchefs versammelt und sie um eine Unterstützung gebeten, damit er Kurt Falk auszahlen kann und für die „Krone“ eine österreichische Lösung zustande bringt. Aber die Banken hätten dies abgelehnt. Stimmt das?

Das kann ich so nicht sagen. Ich war damals kein Gesprächspartner und auch nicht bei dieser angeblichen Runde dabei. Faktum ist, dass es zu keiner Kreditfinanzierung kam. Also ist Dichand die neue Partnerschaft mit der WAZ eingegangen. Dass er damit auch nicht glücklich wurde, war damals nicht absehbar.

Jetzt versucht Dichand seit mehreren Monaten mühsam, den 50-Prozent-Anteil der Deutschen zurückzukaufen. Da Sie jeden Grund haben, wachsam zu sein und zu schauen, wie alles weitergeht – vielleicht haben Sie eine Idee oder könnten sich einschalten?

In der gesellschaftsrechtlichen Situation der Mediaprint ist es für mich nicht ohne Belang, wie die beiden Gesellschaften des Partners in der Mediaprint – die Partner sind „Kurier“ und „Krone“ – zueinander stehen. Im „Kurier“ gibt es zwei Gesellschafter, nämlich Raiffeisen und WAZ, in der „Krone“ ebenfalls zwei, nämlich den Herrn Dichand und die WAZ. Und da das Verhandlungsklima aufseiten der „Krone“ nicht so ist, wie es wünschenswert wäre, hat das Auswirkungen auf die Entscheidungsfähigkeit und -qualität in der Mediaprint.

Sie sprechen das angespannte Verhandlungsklima zwischen „Krone“ und WAZ an?

Das Verhandlungsklima, das wir, der „Kurier“, mit der WAZ haben, ist friktionsfrei. Aber wenn „Kurier“ und „Krone“ in der Mediaprint sitzen ‚gibt’s immer wieder Schwierigkeiten, Ablehnungen, Blockaden entweder von der einen oder anderen Seite. Das macht die Unternehmensführung schwierig. Wir haben mehrfache Vorschläge für eine Verbesserung gemacht. Es läuft aber noch nicht absolut zufriedenstellend.

Vielleicht müssten Sie für die Familie Dichand mitdenken, denn die will auch zum Ziel kommen?

(lacht) Also, für die Familie Dichand mitzudenken, ist nicht meine Aufgabe und vermutlich auch gar nicht gewünscht. Wenn, dann würden sie mir dies sagen, aber das war nicht der Fall.

Ist die Mediaprint in den 20 Jahren vielleicht zu alt geworden?

Die Mediaprint nicht. Das ist keine Frage des Managements oder der Mitarbeiter oder der Konstruktion, sondern eine Frage des Gestaltungswillens der Eigentümer, ausschließlich.

Sie vertreten ja den „Kurier“ in der Mediaprint.

Ja, das ist der eine Teil. Aber wir sind auch 50-Prozent-Gesellschafter an der Mediaprint. Mediaprint ist ein lebendes Unternehmen mit Vermögen, ideellen Werten, Mitarbeitern, Erfahrung, Know-how, Firmenwert, was immer Sie wollen. Es ist uns nicht egal, wie sich dieses Unternehmen entwickelt. Wir sind verantwortlich, dass es funktioniert und nicht etwa insolvent oder illiquid wird.

Wenn jetzt Sie schon das Wort „illiquid“ in den Mund nehmen …

Nein, so war es nicht gemeint.

Herr Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ, beklagt ja auch die schlechte Ertragssituation.

Die Ertragssituation ist bei Weitem nicht befriedigend, das stimmt. Das ist einer der Gründe, warum wir bemüht sind, eine Veränderung herbeizuführen: strukturell, in der Entscheidungsfindung und Willensbildung. Aber das liegt vor allem auf der Ebene der Gesellschafter. Aber wenn diese nicht handeln, sind die Geschäftsführer auch blockiert.

Weil es nicht funktioniert, versuchen Sie, den „Kurier“ unabhängiger zu machen?

Das sind alles Nuancen. In Wahrheit geht es darum, ob sich die Gesellschafter einigen, ja oder nein. Wenn sie sich nicht einigen, was die Führung des Unternehmens betrifft, dann ist die Frage, einigen sie sich bezüglich ihres Gesellschafterstatus, also steigt der eine oder andere aus? Das sind die Gespräche auf der Ebene „Kronen Zeitung“-WAZ – kommt es zu einer Änderung der Gesellschafterstruktur? Und wenn das passiert, ist die nächste Frage, passiert so etwas auch im „Kurier“? Also steigt die WAZ aus dem „Kurier“ aus? Raiffeisen hat keine Absicht auszusteigen. Die WAZ bisher auch nicht.

Die Mediaprint sollte nach dem ursprünglichen Konzept auch das Inseratengeschäft für „Krone“ und „Kurier“ betreuen. Es wurde nichts daraus?

Das ist jedenfalls nicht nach dem Prinzip der gleichen Liebe zu beiden Vertragspartnern geschehen. Wir haben den Eindruck, dass im Vertrieb von Anzeigen die „Krone“ einseitig bevorzugt wurde. Also haben wir geschaut, dass der „Kurier“ seine Anzeigen selber verkauft.

Ende vorigen Jahres hieß es, die redaktionelle Führung des „Kuriers“ würde erweitert, es käme ein geschäftsführender Chefredakteur dazu, so wie es früher war. Jetzt ist April, aber nichts geschehen?

Im Medienbereich gibt es immer wieder Neuerungen. Da sollte man weniger aufgeregt sein.

Sie haben mit Richard Grasl verhandelt, aber den gibt es für Sie nicht mehr.

Den gibt es schon, nämlich im ORF. Es war eine Denkvariante, die eine gewisse Rolle gespielt hat, aber jetzt ist sie erledigt.

Und andere Kandidaten finden Sie nicht?

Im Moment habe ich keine Erfordernisse, großartig Personalia zu wälzen.

Sind Sie mit der Entwicklung des „Kuriers“ zufrieden?

Gegenwärtig ja.

Der Raum Wien ist mit Zeitungen dicht besetzt, und manche sagen, es sind schon zu viele.

(lacht) Das höre ich immer wieder. Aber die Wahrheit ist: Vor 20 Jahren hieß es, die Mediaprint ist der Tod der Zeitungsvielfalt. Das Gegenteil war der Fall. Es sind eine Menge neuer Tageszeitungen, Wochenzeitungen erschienen, und da gibt es ein Auf und ein Ab. Es kommen welche, und es gehen welche. Das ist der Lauf der Welt.

Raiffeisen ist bei konkurrierenden Unternehmen dabei. 2006 stiegen Sie mit 20 Prozent bei den „Niederösterreichischen Nachrichten“ ein, und die stoßen im Umland von Wien, im „Speckgürtel“, direkt auf den „Kurier“.

Die „NÖN“ ist ein Unternehmen, das für Niederösterreich wichtig ist, und es war uns ein Anliegen, seine Basis zu stärken. Das ist unser Job.

Sie sind jetzt als Raiffeisen-Generalanwalt und vorher schon in anderen Funktionen auf dem Mediensektor tätig gewesen, insgesamt Jahrzehnte. Fehlt jetzt noch irgendein Schlussstein, den Sie setzen möchten?

Ich hätte gern, dass die geplante, gedachte Konstruktion der Mediaprint auch umgesetzt wird, indem die Gesellschafter klare Vorgaben machen, dass es eine gleiche Liebe für die beiden Gesellschaften und beide Produkte gibt, also für „Kurier“ und „Krone“. Und dass damit auch ein wirtschaftlicher Erfolg da ist und die Marktposition auf der einen Seite gehalten und auf der anderen Seite ausgebaut wird.

Der „Kurier“ hat die Marktposition nicht gehalten.

Sie haben recht. Die „Krone“ hatte am Anfang der Mediaprint circa 38 Prozent Reichweite und der „Kurier“ 13 oder etwas mehr. Das hat sich stark verändert, bei der „Krone“ ging es hinauf, jetzt stagniert es bei denen wieder, aber auf einem Niveau, das unglaublich hoch ist. Aber beim „Kurier“ gab es laufend einen leichten Rückgang, was ein ständiger Quell der Unzufriedenheit ist. Außer d
em „Kurier“ hat kein Unternehmen, an dem wir beteiligt sind, ständig rückläufige Marktdaten.

Liegt das am Management oder am Markt?

Diese Frage stellen wir uns seit 20 Jahren: Ist es eine Frage des Verlags oder des Produkts oder anderer Entwicklungen des Marktes, was immer. Da gibt es jede Menge Analysen, aber immer noch keine befriedigende Antwort.

Eine Antwort liegt auch darin, dass neue Zeitungen wie „Österreich“ und „Heute“ auf den Markt gekommen sind.

Ja, ja, das stimmt. Aber die „Kronen Zeitung“ hatte 38 Prozent und dann bis zu 45 gehabt, der „Kurier“ konnte hingegen seine Position nicht halten. Die „Kleine Zeitung“ ist wesentlich stärker gewachsen. Die hat den „Kurier“ überholt, obwohl sie im Wesentlichen nur in zwei Bundesländern ist.

Styria-Verlagschef Horst Pirker denkt manchmal laut über den „Kurier“ nach. Da könnte ja etwas zu machen sein?

Wir leben in einem freien Land, der Herr Pirker kann nachdenken, worüber er will.

Er hat etwas vor und will etwas machen.

Wenn das so ist, wird er sich irgendwie artikulieren (lacht). Es wird ja nicht genügen, wenn er einen Brief an den Heiligen Vater schreibt, wenn er vom „Kurier“ was will (lacht).

Er hat halt Verbindungen. Durch die Wirtschaftskrise sind Medien eher bereit, miteinander zu kooperieren. Der große Versuch einer Kooperation zwischen Styria und Moser Holding ist gescheitert. Jetzt gäbe es vielleicht neue Bewegungsfreiheit. Interessiert Sie das nicht?

Nein. Hätte mich das interessiert, hätte man schon lange vorher miteinander reden können. Wir haben eine vertragliche Situa-tion innerhalb der Mediaprint. Wir sind treu. Wie Eheleute – und gehen nicht fremd.

Man kann ja überlegen.

Dann sind das Gedankensünden, das tun wir nicht. Wir haben eine aufrechte Gesellschaftervertragssituation, an die halten wir uns.

Solange nicht jemand aussteigt.

Wenn der Partner sich verändert, ist das eine neue Situation.

Und Sie bleiben, weil Sie an die Zukunft von Mediaprint glauben?

Ja.

Und glauben auch an die Kombination mit der WAZ?

Ich habe damit keine Schwierigkeiten.

Man kann sich auch vorstellen, dass es bei der „Krone“ einmal eine österreichische Lösung gibt und Sie um Unterstützung derselben gebeten werden.

Das sind alles Spekulationen, mit denen ich mich nicht beschäftige. Sollte ich einmal gefragt werden, dann werde ich eine Antwort wissen.

Der „Kurier“ ist über seinen Magazine-Verlag mit 25,3 Prozent am News-Verlag beteiligt. Sind Sie mit dem Ertrag dieser Magazin-Gruppe zufrieden?

Ja. Der News-Verlag hat wirtschaftlich eine sehr ordentliche Performance.

Wissen Sie, wie man den ORF aus seiner misslichen Lage herausbringt?

Der ORF ist im Besitz der Republik Österreich. Ich halte es für richtig, ein staatliches Fernsehen zu haben, das ist ein gesellschaftspolitischer Auftrag. Die Frage ist immer nur der Zugang, die Nähe, die Distanz der Politik zu den operativen Belangen des Unternehmens. Ich denke nicht eine Sekunde darüber nach, welche Ratschläge ich der Politik geben kann. Uns hat die Technik interessiert, weil die Technik einen kommerziellen Hintergrund hat, vor allem auch im Zusammenhang mit der internationalen Entwicklung und den Möglichkeiten, die Österreich in Osteuropa hat. Deshalb beteiligen wir uns an der ORF-Sendetechnik ORS und bleiben für den Fall drin, dass der Hauptgesellschafter eines Tages sagt, das Unternehmen sollte ausgebaut werden.

Über die Chancen der ORS in Osteuropa wird seit Jahren geredet, aber viel ist nicht daraus geworden. Soeben ist das Bulgarien-Projekt abgebrochen worden.

Das ist bedauerlich. Am Gesellschafter Raiffeisen mit seinen 40 Prozent liegt es nicht.

Also am ORF mit seinen 60 Prozent?

Ich will nicht beurteilen, ob es an den 60 Prozent oder am Markt liegt. Aber Sie haben recht, das ist eine Situation, die wir sonst nicht haben, denn wenn wir in solche Märkte gehen, dann gehen wir dort hin, um zu wachsen und zu bleiben. Das ist in dem Fall noch nicht gelungen.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 52 bis 53. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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