ARCHIV » 2010 » Ausgabe 04+05/2010 »

Special

Der „Krone“-Gletscher kalbt

In der "Kronen Zeitung" kommt derzeit viel zusammen. Man kann von historischen Wetterunbilden sprechen.

Die „Kronen Zeitung“ macht Politik, seit es sie gibt. Seit ihrer Neugründung 1959 ließ Hans Dichand Politiker wechselweise aufmarschieren, um sie seinem Lebenswerk dienstbar zu machen: Damals unter vielen anderen den Bau- und Holzarbeiter-Gewerkschafter Franz Olah, der dafür sogar ins Gefängnis kam, heute die Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz, damit sie durch eine eidesstaatliche Erklärung die Blamage der „Krone“ für ihre zunächst kompromisslose Unterstützung verwische. Denn irgendwie geht das politische „Krone“-Spiel nicht mehr so reibungslos wie einst. Sogar die Auflagenentwicklung lässt zu wünschen übrig. Wenn der „Krone“-Hausdichter Wolf Martin die Media-Analyse zur Vorlage seines kreativen Schaffens nimmt, dann steht zumindest eines fest: Die größte Zeitung des Landes hat mit ihrer Reichweite ein Problem. Martin spottet über die feindlichen Qualitätsblätter, die sich ihres lesefreudigen Akademikerpublikums rühmen, und beantwortet definitiv und abschließend, wo das akademische Publikum wirklich versammelt sei:

„Bei diesem führt, was zweifelsohne / Statistik klar bewies, die Krone!“

Er wird schon recht haben. Eine Massenzeitung, die es mit einer Gesamtauflage von fast einer Million Exemplaren schafft, durch grenzgeniale Mischung von Leitartiklern, Kolumnisten, Politikern, Atheisten und Kardinälen ihre Leserinnen und Leser aus allen Richtungen anzuziehen, wird wohl auch bei Akademikern mit Spitzenrekorden aufwarten können, gemessen in absoluten Zahlen. Dennoch, die Zeitung hat Probleme, und das nicht nur bei ihren Verkaufs- und Reichweitenzahlen.

Bleiben wir zunächst bei diesen. Im Jahr 2005 erreichte die „Krone“ den Spitzenwert von 44,9 Prozent Reichweite, was hochgerechnet 3,07 Millionen Lesern entsprach. Seit damals ist diese österreichische Gesamtreichweite jährlich gesunken. Im sanften Treppenschritt ging es bei der „Kronen Zeitung“ bis zu den aktuellsten Zahlen von 2009 abwärts: Die Reichweite liegt jetzt bei 40,4 Prozent, Leserzahl 2,85 Millionen. Das deutet auf eine Tendenz hin. Würde man daraus eine arithmetische Reihe erzeugen, so müsste die Reichweite im heurigen Jahr unter die 40-Prozentmarke fallen. Das wäre zwar ein rechnerischer Unsinn, aber möglich ist es doch.

221.000 Leser weniger.

Die Entwicklung beeinflusst den vom „Krone“-Patriarchen Hans Dichand dirigierten, von der deutschen WAZ-Gruppe als Hälfteeigentümer nur begrenzt beeinflussbaren Gang der Dinge im Verlagshochhaus in der Wiener Muthgasse. Es sind 221.000 Leser abhanden gekommen, der Abfluss von 2008 auf 2009 war sogar „signifikant“. Das wird nicht damit zu erklären sein, dass sich die Methode der MA ebenso wie die Zählweise der Österreichischen Auflagenkontrolle (ÖAK) in regelmäßigen Abständen neuen Rahmenbedingungen anpasst. In Wien ging die „Krone“-Reichweite in den fünf Jahren von 42,0 auf 37,5 Prozent zurück, in der Steiermark von 49,6 auf 42,6, in Oberösterreich von 46,2 auf 41,7 Prozent.

Die größte Auflage wird von der „Krone“ jeweils an Sonntagen verbreitet, wobei für sie weitgehend unerheblich ist, ob das geschätzte Publikum die Exemplare kauft oder den Hängetaschen bloß „entnimmt“. Es zeigt sich der gleiche Effekt wie an den Wochentagen. Die MA schlüsselt das Wochenende seit 2008 gesondert auf. Ergebnis: Innerhalb eines Jahres (von 2008 auf 2009) fiel die gesamtösterreichische Sonntags-Reichweite der „Krone“ von 51,0 auf 48,8 Prozent, in Wien von 52,0 auf 46,8 Prozent, in der Steiermark von 53,5 auf 50,3 Prozent, in Oberösterreich von 50,4 auf 48,9 Prozent.

Die drei Bundesländer werden hier deshalb herausgegriffen, weil die „Kronen Zeitung“ in Wien zweifellos einer großen Konkurrenz von bunten, aus Plastiktaschen quellenden Sonntagszeitungen ausgesetzt ist, während in Oberösterreich und vor allem in der Steiermark der Grad der „Lokalisierung“ der regionalen Zeitungen extrem hoch ist. Die „Kleine Zeitung“ berichtet in zehn Mutationsausgaben über jedes Kaff zwischen Semmering und Marburg, und ihre Auflage steigt unentwegt. Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ leisten sich zwar lange nicht so viel an Erdverbundenheit, aber ihre Anstrengungen gehen in die gleiche Richtung. Das traditionelle System der „Krone“ besteht bis heute darin, im Gesamtblatt einen redaktionellen Teil dem jeweiligen Bundesland zu widmen, womit auch die Namen „Steirerkrone“, „Oberösterreich-Krone“, „Salzburg-Krone“ und so fort gedeckt sind. Darin sind viele regionale Beiträge enthalten, aber an die lokale Basis kommt die „Krone“ nur, wenn sich dort spektakuläre Fälle ereignen. Dieses Rezept scheint allmählich Nachteile zu haben. An den Wochentagen kommt in Wien zudem die innere Konkurrenz, man kann auch sagen, der Kannibalisierungseffekt der Gratis-U-Bahn-Zeitung „Heute“ dazu. Mit 35,9 Prozent Reichweite in Wien hat Eva Dichands Gratispostille die „Krone“ nahezu eingeholt, bei den jungen Lesern bereits überholt.

Eisern sparen.

Den Mitarbeitern der „Kronen Zeitung“ dürfte nicht entgangen sein, dass strenge Sparmaßnahmen des Hauses kaum dabei helfen, die Leserzahlen hochzujubeln. Im operativen Management, das eher mit Geschäftsführer Wolfgang Altermann als mit dem 89-jährigen Hans Dichand zu personifizieren ist, wird versucht, allzu häufige „Retouren“ der Sonntagsausgabe dadurch zu verringern, dass weniger Exemplare gedruckt und auf die Hängetaschen verteilt werden. Dadurch kann sich die Anzahl der nicht entnommenen, also für die Müllentsorgung bestimmten Exemplare tatsächlich verringern, zugleich häufen sich die Fälle, dass schon zu Mittag leere Plastikhänger dem Publikum Ausverkauf signalisieren, was auch nicht gut wirkt.

Alles zusammen genommen ist bei der Riesenzeitung weder ein Absturz noch ein Zusammenbruch zu verzeichnen, sondern lediglich ein Vorgang wie bei den schönsten Gletschern: Sie gleißen und ziehen sich doch Jahr für Jahr um etliche Meter zurück. Optimisten sagen treffend, dass bei Zeitungen wie bei den Gletschern ein Abwärtstrend plötzlich wieder in Expansion umschlagen kann, aber vorauszusagen ist das nicht.

Politische Alleingänge.

Die defensive Ruhelage der „Kronen Zeitung“ spiegelt sich in dem Service-Konstrukt Mediaprint, über die die zwei „Krone“-Partner „Kurier“ und WAZ klagen, dass dort überhaupt keine vernünftigen Entscheidungen mehr fallen und die Ertragssituation gegen null tendiere (siehe Interview mit Christian Konrad, Seite 52). Womit auch die Frage anzuschneiden wäre, wie die „Krone“ ihren Platz inhaltlich verteidigt. Der militante Anti-EU-Kurs der Zeitung im Jahr 2008 hat weder die österreichische noch die irische und schon gar nicht die gesamte Europapolitik verändert – die große Hoffnung, dass die Iren den Lissabon-Vertrag für alle Zeiten im Atlantik versenken würden, war trügerisch. Innenpolitisch ist zwar mit vehementer Beihilfe der „Krone“ und ihres Herausgebers Dichand der Wiener Rathauspolitiker Werner Faymann in den Bundeskanzlersessel gehievt worden. Daraus lässt sich aber für das Image der Zeitung keine bleibende Rendite ableiten, nachweislich fließen allerdings großzügige Zuwendungen finanzieller Mittel als politische Inseratenwerbung ins Haus.

Im Jahr 2010 schlägt das innenpolitische Geltungsbedürfnis der Zeitung neue Kapriolen. Zuerst wurde, allerdings ohne Erfolg, Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll als Präsidentschaftskandidat in alle Himmel gehoben, danach die FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz als fragwürdige Lückenbüßerin entdeckt. Hinter diesem Alleingang steckte wiederum die Hand des greisen Dichand, doch scheint dieselbe nicht mehr so ruhig zu sein wie in früheren Jahren. Die Rosenkranz-Begeisterung führte sich innerhalb weniger Tage durch die Aussagen der Präsidentschaftskandidatin so deutlich ad absurdum, dass sich in der Redaktion der „Kronen Zeitung“ ein merkbarer und sogar erfolgreicher Widerstand gegen Dichands Soloeinlage aufbaute. Das ist ein Novum in der Geschichte der 1959 gegründeten Zeitung. Die „Krone“-Redaktion, die in ihrer Exklusivität wie auch in ihrer unbedingten Folgsamk
eit gegenüber den Wünschen des mächtigen Chefs fünf Jahrzehnte lang berechenbar war, setzt sich plötzlich mit Kursfragen auseinander – politischen und solchen der Unternehmenspolitik ihres Hauses. Gleich geblieben ist lediglich eines: Man wird kaum „Krone“-Journalisten finden, die nach außen hin darüber reden oder sich sogar zitieren lassen. Vielleicht bringt Literatur aus der „Krone“ Licht in die wolkenverhangene Welt. „Den jungen Menschen geht es primär um die Bewältigung der Gegenwart und der Zukunft“, schrieb „Eule“ am 28. März über Vergangenheitsbewältigung. Das ist keine üble Feststellung – sie passt auch für die Gegenwart der „Krone“. Diese befindet sich in einer Phase der Transition.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Special“ auf Seite 74 bis 75. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;