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Medien

Die Chronik ist weiblich

Weil immer mehr Frauen im Journalismus bestausgebildet und hoch qualifiziert sind, stoßen sie nun auch in Führungsebenen vor. Das Ressort Chronik bildet die Speerspitze.

Endlich eine Sprosse höher auf der Karriereleiter. In der Tat stoßen immer mehr Redakteurinnen in die Führungsebene der österreichischen Medienwelt vor – allerdings fast ausschließlich im Ressort Chronik: Eva Gogola etwa im „Kurier“, die mit 70 Mitarbeitern (inklusive der Bundesländerausgaben) das größte Ressort im Verlag leitet; Inge Baldinger in den „Salzburger Nachrichten“; Petra Stui-ber seit 2007 im „Standard“; Martina Prewein seit sechs Jahren im Wochenmagazin „News“; oder Brigitte Handlos, unter anderem Gründerin des Frauen-Netzwerks Medien, im ORF – Chronik-TV und Sylvia Wörgetter von den „Salzburger Nachrichten“, die mit 1. September erstmals in der Geschichte der „SN“ Leiterin des wichtigen Lokalressorts wird.

Nachdem es mit Ausnahme von Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid im „Standard“ und solche in einschlägigen Frauenmagazinen stets Männer sind, die über die Personalpolitik in den medialen Führungs-ebenen letztlich entscheiden, stellt sich die Frage, wieso ausgerechnet – und ausschließlich – die Chronik so weiblich ist?

Noch nicht reif für Politik?

„Chronik ist ein wichtiges Ressort“, begründet Petra Stuiber, Chefin von achteinhalb Personen, diese Tatsache, „doch Männer geben Frauen noch nicht so gerne die Politik. Jetzt setzt sich einmal die Chronik durch.“ Kommt Zeit, kommt also Rat? Die Magistra der Publizistik und Theaterwissenschaft sowie Lektorin an der Fachhochschule für Journalismus-Wien nimmt’s offenbar gelassen. Für Brigitte Handlos wiederum ist diese Entwicklung ein deutliches Zeichen dafür, dass der „Journalismus insgesamt weiblicher“ geworden sei. Es gebe einfach viel mehr gut ausgebildete und qualifizierte Frauen in den Redaktionen, die allein aufgrund dessen „durchstoßen“. Die Chronik sei „die Speerspitze einer Entwicklung, die wir in den nächsten 20 Jahren vermehrt sehen werden“. Was den Grad der Ausbildung angeht, belegt dies auch der 2007 publizierte „Journalisten-Report“. Danach betrug bereits damals schon der Akademisierungsgrad der Frauen 41 Prozent, hingegen jener der Männer bloß 29 Prozent.

Der Mensch.

Natürlich hängt dieser Prozess auch mit der Thematik zusammen. Denn im Gegensatz zu den Ressorts Politik, Wirtschaft, wo man über Systeme berichtet und wie sie funktionieren, haben die Chronik-Journalisten viel mehr individuell mit Menschen zu tun, wie Menschen mit etwas in einer Gesellschaft umgehen. Seien es Hardcore-Storys wie Morde, Vergewaltigungen, aber auch Einbrüche, Diebstahl, Unfälle, seien es Gesundheit, Pflege, Kindergärten, Integrationsprobleme, Familie, Hundehalter, das Rauchverbot, Gastronomie, was immer, stets sind die Berichterstatter nahe am Menschen, nahe an Einzelschicksalen. Oder wie es ORF-Frau Handlos formuliert: „Man hat mit Menschen zu tun und nicht so sehr mit den Machtklüngeleien.“

In dieses Bild passt wahrscheinlich auch der Ausspruch der neuen Innsbrucker Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer, Nachfolgerin von Hilde Zach, genannt die „Wilde Hilde“, als sie mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass Frauen in der Kommunalpolitik extrem unterrepräsentiert sind: „Frauen wären für Kommunalpolitik prädestiniert.“ Brigitte Handlos‘ Eindruck sei es jedenfalls, dass das, was für Ressortleiter oder -leiterinnen Politik zum Tagesgeschäft gehört, nämlich dass man „Machtspiele durchschauen muss, manchmal auch involviert ist, weil du ja von der anderen Seite auch ‚benützt‘ wirst und dagegenhalten musst, dass man mehr Intrigen aushalten muss usw., dass dies Frauen nicht so gerne machen“. Dazu komme, führt die Fernseh-Chronikchefin weiter ins Treffen, „dass die Männer dort, wo Nähe zu Geld, zur Finanz, zur Macht ist, nicht so schnell aufgeben. Die Chronik hingegen ist weiblichen Redaktionsmitgliedern sehr viel näher als Börsenberichte. Das hat mit Sozialisation zu tun.“

Geschlechterforschung.

Dem freilich widerspricht „Kurier“-Chefredakteur Christoph Kotanko allemal. Er hält es für „problematisch, den Journalismus aus der Perspektive der Geschlechterforschung zu betrachten. Wer nur in den Kategorien Frau/Mann denkt, verkennt die Komplexität des Prozesses.“ Für ihn sei bei der Beschäftigung, Bezahlung und Beförderung von Journalistinnen und Journalisten die „berufliche Leistung entscheidend, unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit“, versichert er. Um dann seine Chronik-Chefin zu loben: Eva Gogola leite die Chronik, weil sie für diese Position „bestens qualifiziert“ sei. Sie habe den journalistischen „Riecher, den notwendigen Gestaltungswillen, die Durchsetzungskraft, die planerische Kompetenz, um dieses wichtige Ressort zu leiten. Die sogenannten Blutgeschichten sind ein Teil ihrer täglichen Arbeit.“ Um dann doch hinzuzufügen, in Einzelfällen habe sie einen anderen Zugang als ein Mann, sie entwickle ein Thema vielleicht anders, breiter, mit mehr „human touch“. Wie überhaupt die Chronik ein eigenes Genre sei, das für eine aktuelle Zeitung große Bedeutung habe. „Dieses Ressort steht prestigemäßig keineswegs tiefer als Politik oder Wirtschaft.“

Wertschätzung.

Dass die Chronik im Auge der Konsumenten und dadurch mit Blick auf die Verkaufszahlen ein höchst wichtiges ist, davon ist auch „News“-Ressortleiterin Martina Prewein überzeugt. Was das Prestige allerdings angeht, besonders innerhalb der eigenen Branche, da stimmt sie Kotanko nicht zu. Prewein: „Ich will jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass ich die Chronik über alles stelle, aber ich wünsche mir schon ein bissl mehr Wertschätzung. Ich habe oft das Gefühl, dass man das Ressort ein wenig abtut, in dem Sinne, na ja, das muss man haben, es sei auch ganz interessant, aber es ist nicht unbedingt das angesehenste Ressort. In der Chronik haben halt die Journalisten null Macht – im Gegensatz zu Wirtschaft oder Politik.“ Für viele Männer jedenfalls, weiß Prewein aus Erfahrung, sei Chronik eine „Zwischenstation. Sie nehmen Chronik gar nicht so ernst.“ Frauen indes „entscheiden sich wirklich von vornherein eher für Chronik. Sie sagen, es gefällt ihnen, Chronikberichterstattung zu machen.“ Martina Prewein hat derzeit drei Mitarbeiterinnen, bis vor einem Jahr hatte sie noch zwei Männer. Und sie hätte gerne wieder einen Mann. Doch sie erlebe es, seit sie Journalistin ist, also seit 20 Jahren, immer wieder, „dass Männer in die Chronik kommen, aber dann wieder verschwinden – in die Politik, Wirtschaft, Außenpolitik“. Nachsatz: „Man sagt ja, Chronik sei eine Art Lernpool. Und das machen auch fast alle Männer. Doch kaum einer entwickelt Begeisterung dafür. Die suchen Aufstieg, Prestige, bessere Bezahlung.“ Ganz im Gegensatz zu Martina Prewein persönlich. Immerhin hat sie bereits in ihrer Mittelschulzeit gewusst, was sie werden will. Sie hat nur lediglich geschwankt zwischen Journalistin und Psychiaterin. „Weil mich immer schon das Psychologische interessiert hat, die weiten Felder der Seele – ob bei Arthur Schnitzler oder in Krimis. Es ist ja nie ein Mensch nur gut oder nur böse.“ Letztlich aber entschied sich Prewein für den Journalismus und studierte Publizistik und Theaterwissenschaft. Ihre Di-plomarbeit zur Magistra machte sie in der Theaterwissenschaft.

Als eine Frau, die weiß, was sie will, wusste Prewein auch schon ganz früh, dass sie nur die Chronik interessiert und dabei sich vor allem auf Kriminalfälle spezialisieren will. Kein Wunder also, dass die Ressortchefin diesen Bereich der „News“-Berichterstattung für sich gesichert hat. „Es interessiert mich, die vielen Facetten solcher Menschen, die sehr absurde und schreckliche Dinge getan haben, zu erfahren, und nachzuvollziehen, wann es in deren Leben diese Abweichung gegeben hat. Wann der Knackpunkt passiert ist, dass sie diesen Weg einschlagen. Und wie es aber trotzdem auch noch anders ist. Wir haben halt das Glück, dass wir nicht so böse sind, wir haben aber auch böse Teile in uns. Und solche Lebensgeschichten zu verfolgen und mit Menschen zu sprechen, die diese gut gekannt haben, das interessiert mich besonders.“ Deshalb würde Prewein auch weder zu einer Tageszeitung noch in ein anderes
Ressort wechseln. Denn weder da noch dort könnte sie persönlich solche Geschichten ausrecherchieren und schreiben – entweder aus Zeit- oder Inhaltsgründen.

Scheckbuch-Journalismus.

Aufgrund der Thematik sind Chronik-Redakteure im besonderen Maße von Informanten abhängig: Wenn niemand redet, wenn sie kein Foto vom Opfer bekommen, sondern nur die Polizei oder Experten befragen können, wird das keine Chronik-Story. Deshalb komme es schon mal vor, so Martina Prewein, dass bezahlt werde, allerdings „in den seltensten Fällen. Wenn man freilich weiß, dass es wirklich der einzige Auskunftgeber ist und der sagt,, nur wenn Ihr 1.000 Euro zahlt, rede ich‘, dann wird man abwägen, wie wichtig die Geschichte ist. Und wenn dies so ist, dann wird man natürlich zahlen.“

Freilich nicht im Alleingang. Das wird entweder im Vorfeld oder in der jeweiligen Situa-tion per Handy mit dem Chefredakteur abgesprochen. Und wenn Martina Prewein vor einer weinenden Mutter sitzt, deren Kind gerade ermordet wurde, und die Mutter nicht weiß, wie sie das Begräbnis zahlen soll, dann ergibt sich das einfach, erzählt die Journalistin. Oder ein anderes Beispiel: „Wenn ich schon das Interview und die Fotos habe und sie sagt, sie wisse nicht, wie sie morgen das Essen kaufen soll, dann würde ich mir wie ein Schwein vorkommen, wenn ich da einfach weggehe und nichts gebe. Das ist dann keine Gegenleistung, aber sicher, man muss sehr aufpassen, das ist eine Gratwanderung.“

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 64 bis 65. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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