ARCHIV » 2010 » Ausgabe 04+05/2010 »

Beruf

Die Zukunft bringt weniger

Wie der künftige Journalisten-Kollektivvertrag aussehen wird. Nicht allen kann er Freude bereiten.

Wer das Glück hat, als Redakteur einer österreichischen Tages- oder Wochenzeitung angestellt zu werden, verdient im ersten Jahr 2.137 Euro brutto pro Monat und hantelt sich Jahr für Jahr hinauf bis ins fünfte Redakteursjahr. Dort stehen bereits 2.498 Euro auf dem Gehaltszettel.

Die schlechte Nachricht.

So wird es bald nicht mehr sein. Die vier automatischen Steigerungen der Anfangsgehälter waren den Zeitungsverlegern schon immer ein Dorn im Auge und sollen im künftigen Redakteurstarif zwar nicht gänzlich eliminiert, aber deutlich entschärft werden. Es wird nicht so viele Jahressprünge geben wie bisher. So weit scheint die Annäherung zwischen dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und der Journalistengewerkschaft gelungen zu sein. Die Gewerkschaft hat den Verlegern nämlich vor Ostern einen zweiten Tarifvorschlag unterbreitet beziehungsweise unterbreiten müssen, der weit mehr Zugeständnisse vonseiten der Arbeitnehmer enthält als der erste.

Kann durchaus sein, dass auch bei den Aspirantenjahren geschnipselt wird. Im ersten Aspirantenjahr verdient ein Journalist derzeit 1.912 Euro, nach vier Steigerungen kommt er im fünften Jahr auf 2.272 Euro, wenn er nicht sowieso schon zum Redakteur erhoben worden ist.

Bei den Kollektivvertragsverhandlungen, die vom Obmann der Journalistengewerkschaft, Franz C. Bauer, und für den VÖZ von Hermann Petz, dem Vorstandsvorsitzenden der Moser Holding, geführt werden, wird die Quadratur des Kreises versucht. Grundsätzlich herrscht Einvernehmen, dass endlich auch jene Journalistengruppen in das Tarifsystem des Journalisten-KV einbezogen werden sollen, die bisher wie eine zweitklassige Garnitur behandelt wurden: die sehr vielen freien Mitarbeiter und die Online-Journalisten. Wo aber sollen die Unternehmen das Geld dafür auftreiben, wenn sie schon bisher behaupteten, den für weit weniger Angestellte geltenden KV kaum finanzieren zu können?

Woher nehmen?

Erstens kann man nämlich denen, die bereits angestellt und gegenüber der journalistischen Infanterie „privilegiert“ sind, zumindest von den Ist-Gehältern nichts wegnehmen, zweitens würde das sowieso nicht reichen, um den vielen anderen mehr zu zahlen. Als Vorläufer des künftigen Kollektivvertrages – so er je zustande kommt – betätigte sich die Austria Presse Agentur. Sie ist aufgrund einer Intervention der Gebietskrankenkasse gezwungen, freie und somit rechtlich schlechter gestellte Mitarbeiter in das Angestelltensystem zu übernehmen. Um welche Dimension es selbst bei einem schlanken Unternehmen wie der APA geht, zeigt das Ergebnis mehrmonatiger Verhandlungen: Es werden rund 60 „redaktionell Beschäftigte“, also freie Mitarbeiter, angestellt, wenn auch nicht sofort, sondern in einem Dreijahresplan. Im ersten Schub soll etwa die Hälfte dieser Anwärter die entsprechenden Verträge bekommen – vor allem solche aus dem Multimedia-Bereich. Das 15. Monatsgehalt fiel dem Rotstift zum Opfer, jedoch nur bei den Neuen, in bestehende Verträge wird nicht eingegriffen. Die Neuerungen gelten seit 1. Jänner 2010. In ähnlichen Bahnen wird sich auch der künftige Journalisten-Kollektivvertrag bewegen, zumal bei der APA ein Verwendungsgruppensystem eingeführt wird, das eine differenzierte Einordnung der Mitarbeiter erlaubt. Nur sozialrechtlich erreichen sie einheitlich den Standard des Journalisten-KV.

Quinquennien.

Bei dem in Verhandlung befindlichen neuen Journalisten-KV könnten auch die viel diskutierten Quinquennien als Dispositionsmasse verwendet werden. In vergangenen Zeiten war die von der Gewerkschaft ausgehandelte Quinquennienregelung simpel: Für je fünf Jahre, die Dienstnehmer ohne Unterbrechung im selben Unternehmen verbrachten, stand ihnen eine Erhöhung des Ist-Gehaltes um 10 Prozent zu. Diese mechanische, vom Leistungskriterium abgekoppelte Regelung führte in Einzelfällen dazu, dass ein Journalist mit eher durchschnittlichem Arbeitsergebnis bloß durch Sammlung von Quinquennien ein respektables Gehalt erzielte. Selbst wenn Journalisten den Arbeitsplatz wechselten, gelang es ihnen mit einigem Verhandlungsgeschick, die bereits erworbenen Quinquennien in der Gehaltsbasis im neuen Unternehmen unterzubringen.

Dies und vor allem die pauschalen Kosten der Quinquennienregelung führten dazu, dass die automatischen Gehaltssprünge schon bei der letzten großen Kollektivvertragsreform verkürzt wurden. Die noch gültige Regelung von 2007 lautet im originalen KV-Kauderwelsch: „Die Erhöhung beträgt für die ersten beiden Quinquennien 10 Prozent vom letzten Ist-Gehalt (festes Monatsgehalt), das dritte und vierte Quinquennium beträgt je 8 Prozent vom letzten Ist-Gehalt (festes Monatsgehalt), das fünfte Quinquennium beträgt 6 Prozent vom letzten Ist-Gehalt (festes Monatsgehalt). Weitere Quinquennien betragen je 4 Prozent vom letzten Ist-Gehalt (festes Monatsgehalt). Nach Vollendung des 60. Lebensjahres fällt kein Quinquennium mehr an.“

Jetzt müssen sich die Journalisten darauf gefasst machen, dass die Quinquennien-Kurve abermals abgesenkt wird. Die Wirkung solcher Maßnahmen ist nämlich groß, weil Quinquennien auf die tatsächlichen Bruttogehälter aufgesetzt werden und deshalb für alle künftigen Zeiten einen Progressionsfaktor in den Lohnkosten bilden. Jedes Prozent Absenkung bringt den Arbeitgebern eine spürbare Entlastung, komplementär dazu einen spürbaren Verdienstentgang bei den Journalisten.

Diese werden aber nicht in den Abgrund stürzen. Bestehende Vertragsverhältnisse sind nicht so einfach zu manipulieren. Es wird also auch Übergangs- und Einschleifregelungen für diejenigen geben, die heute noch alle Vorteile des alten Kollektivvertrags genießen können. Nur wer neu angestellt wird, hat es sofort und ohne Einschränkung mit dem neuen Tarif samt allen Nebenbestimmungen zu tun. Für diejenigen, die ohne die Tarifreform wahrscheinlich gar nicht angestellt werden könnten, bedeutet das auf jeden Fall eine erhebliche Besserstellung.

Wann kommt Einigung?

Mit Prognosen bezüglich des Abschlusstermins der Verhandlungen sind beide Seiten vorsichtig geworden, denn die Positionen klaffen noch immer auseinander. Eine Einigung noch im ersten Halbjahr wird zumindest nicht ausgeschlossen.

Solange die Details nicht auf dem Tisch liegen, ist eine Bewertung des Ergebnisses nicht möglich. Es kann lediglich pauschal festgestellt werden, dass die Einbeziehung unterprivilegierter Gruppen – also der freien Mitarbeiter und der Online-Journalisten – längst überfällig ist und als Fortschritt zu bezeichnen wäre. Die Verlagshäuser können sich von dem abgespeckten Tarifsystem zwar keine unmittelbare Entlastung versprechen, in der Zukunftsprojektion lassen sich durch die erwähnten Maßnahmen aber doch große Kostenbrocken abschmelzen. So sieht das auch der VÖZ-Verhandler Petz.

Um eine Wahrheit kommen die Journalisten herum: Je mehr „Neue“ in das Arbeitsleben nach neuen Tarifmodellen eintreten und „Alte“ aus dem bisherigen System ausscheiden, desto mehr wird das monetäre Anspruchsniveau des gesamten Berufsstandes sinken. Die goldenen Zeiten, so es sie jemals gegeben haben sollte, sind vorbei.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 62 bis 63. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;