Warning: Use of undefined constant cms_navigation_js - assumed 'cms_navigation_js' (this will throw an Error in a future version of PHP) in /var/www/journalist.at/www/htdocs/wp-content/plugins/cms-navigation/CMS-Navigation.php on line 361
Dr. Media. Sprechstunde - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2010 » Ausgabe 04+05/2010 »

Praxis

Dr. Media. Sprechstunde

Was Sie schon immer über Medien wissen wollten. Dr. Media beantwortet drängende Fragen der Branche.

Frank Staud weiß, warum andere scheitern. Der ORF passt auf, was andere recherchieren.

Und österreichische Zeitungen schreiben gerne von anderen ab.

Ist die „Wiener Zeitung“ noch zu retten?

Dr. Media: Durchaus, weil niemand weiß, was man sonst aus der Staatszeitung machen könnte. Im Bundeskanzleramt, das für die Tageszeitung zuständig ist, sind keine konkreten Pläne bekannt, auch nicht solche zur Umwandlung des Blattes in eine Wochenzeitung. Zwar türmen sich die Probleme: Nicht nur die Konkurrenzmedien, auch die Europäische Union beschäftigt sich wieder einmal mit dem „Amtsblatt“, in welchem Österreichs Unternehmen zwangsweise bezahlte Anzeigen über ihre Geschäftsgebarung schalten müssen. Gäbe es das Amtsblatt nicht, wäre die „Wiener Zeitung“ nicht zu finanzieren. Natürlich könnte man sich im digitalen Zeitalter für das „Amtsblatt“ und hernach auch für die „Wiener Zeitung“ elegantere Lösungen einfallen lassen als eine plumpe Quersubventionierung. Da sich aber, wie das bei Staatsbetrieben so ist, die Politiker so lange nicht kümmern, bis Feuer am Dach ist, dürfen zumindest die Freunde der „Wiener Zeitung“ und auch die Redakteure Hoffnung schöpfen. Mangels genialer Einfälle dürfte die Zeitung nicht so bald vom Markt verschwinden.

Weiß Frank Staud, wie man scheitert?

Dr. Media: Aber ganz sicher, sonst hätte er in der Tiroler Zeitschrift „Echo“ nicht eine zweiteilige Moritat mit dem Titel „Petz ist dramatisch gescheitert“ in Interviewform zum Besten gegeben. Der Journalist schildert darin akribisch, was der Vorstandsvorsitzende der Moser Holding, Hermann Petz, in seinem Beisein alles angerichtet hat. Denn Staud war von 2005 bis 2008 Chefredakteur der „Tiroler Tageszeitung“ (TT) und gleich auch der „Neuen“ dazu, die es nicht mehr gibt. Zugleich hatte er neben Petz die Position eines Geschäftsführers in der „TT“, der „Neuen“, dem „Express“, der Sonntagszeitung und dem Schlüsselverlag J. S. Moser inne. Das ging so lange gut, bis beide es miteinander nicht mehr aushielten. Jetzt behauptet Staud, dass Petz nie eine Strategie gehabt habe. „Er galoppiert wie ein nervöses Springpferd von einem Hindernis zum anderen.“ Vor Kurzem hieß es, Staud gründe eine Gegenzeitung zur „TT“, neuerdings scheint er sich ins Privatfernsehen werfen zu wollen. Da er schon vieles war und sogar Geschäftsführer der Austrian Snowboard Association, wird man ihn in seiner Art ernst nehmen, besonders wenn er übers Scheitern spricht.

Gab es im ORF bei Gesprächen mit Kollegen anderer Medien auch früher Aufpasser?

Dr. Media: Ganz sicher nicht. Die früheren ORF-Führungen vertrauten ihren Kolleginnen und Kollegen, die Recherche-Gespräche oder Interviews mit Mitarbeitern anderer Medien führten, dass sie wissen, was sie sagen. Denn wenn nicht, dann gab es eben Konsequenzen. So es ruchbar wurde. Wohl holten sich die ORF-Journalisten auch damals intern ein Okay für solche Gespräche, aber das war’s dann auch. Heutzutage herrscht offenbar Misstrauen gegen jedermann und jederfrau. Denn anders ist es nicht zu erklären, dass die ORF-Abteilung „Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation Pressestelle Fernsehen“ unter der Leitung von Pius Strobl einen Mithörer oder eine Mithörerin zu Gesprächen mit ORF-Journalisten in leitender Funktion entsendet.

Warum ist Hillary Clinton nur in Österreich amtsmüde?

Dr. Media: ORF Online brachte am 15. Februar eine Meldung aus der Gerüchteküche: Es brodle in Washington, Außenministerin Hillary Clinton sei amtsmüde. Präsident Barack Obama könnte sie als Richterin zum Obersten Gerichtshof nominieren, wenn demnächst eine Position frei wird. Die Gerüchte bezog der ORF vom US-Blog The Daily Beast. Fünf österreichische Tageszeitungen servierten am nächsten Tag, was der ORF vorgekocht hatte. Am ausführlichsten war die „Kleine Zeitung“. Unter dem Titel „Hillary Clinton hat genug von ihrem Job“ saß eine erschöpft aussehende Clinton auf einem Thron. Der Redakteur Ernst Heinrich schrieb ihr eine E-Mail: „Ja, haben Sie tatsächlich geglaubt, ein US-Außenminister könne sich nach 38 Arbeitsstunden ins Wochenende verabschieden?“ Die „Wiener Zeitung“ setzte zumindest ein Fragezeichen: „Wechselt Clinton den Job?“. Kurier Online sah „Clinton auf Jobsuche“, in der Printausgabe verzichtete man aber auf die Spekulation. Auch „Der Standard“, „Die Presse“ und „Salzburger Nachrichten“ fielen nicht auf die ORF-Seifenblase herein. Was gut war.Denn keine einzige seriöse US-Zeitung betrachtet Hillary Clinton als amtsmüde. In einem langen TV-Interview Ende Jänner hatte sie zwar gesagt, dass ihre Arbeit als Außenministerin äußerst anstrengend sei. Und dass sie den Job irgendwann gerne in andere Hände legen werde. Irgendwann in einer zweiten Amtszeit von Obama. Der Gerüchtekocher, Daily-Beast-Blogger Mark McKinnon, war übrigens Medienstratege von George W. Bush und Präsidentschaftskandidat John McCain.

Wann enden die Olympischen Spiele?

Dr. Media: Für Wolfgang Fellner wohl noch lange nicht, hieß es doch, seine tägliche Bunt-Beilage pausiere „während der Olympischen Winterspiele“. Bis dato ist sie nicht wieder aufgetaucht, die zugehörigen Themen laufen weiterhin im Hauptheft. In der Redaktion hörte man nach dem Ende der Sportwettkämpfe von WoFe: „Nach der Olympiade ist vor der Olympiade.“ Die Kollegenschaft ist darüber nicht böse, hat man doch, wenn man für Cold-Set und nicht für Heat-Set produziert, um 18.00 Uhr anstatt um 13.30 Uhr ersten Redaktionsschluss.

Haben Farbmagazine ein Ablaufdatum?

Dr. Media: Nicht wirklich, jedenfalls überdauern sie so wie die Haltbarmilch nicht nur Tage, sondern auch Wochen. „Ein Magazin wird nicht ranzig“, sagt Nina Haas, Chefin der bunten Welt von Styria Multimedia. Der Magazinverlag machte aus dieser Erkenntnis einen Erfolgsschlager in der Auflagenkontrolle ÖAK. Hefte, die ungekauft oder ungelesen als Retouren zurückkamen, wurden mit Zeitverzögerung ein zweites Mal auf den Markt geworfen, und sei es nur in Form von Verteilaktionen beim Zielpublikum. Vom Monatsmagazin „Wienerin“ wurden im zweiten Halbjahr 2009 rund 85.600 Exemplare gedruckt – um 10.000 mehr als im Vergleichszeitraum 2008, um 14.000 mehr verkauft, um 7.000 mehr in den Großverkauf gesteckt und 12.700 gratis verteilt. Haas: „Für die Werbekunden ist wichtig, dass die Hefte das Zielpublikum erreichen, also wozu die Aufregung.“ Mitbewerber von Multimedia ärgerten sich nämlich, teilweise aber bloß über sich selbst: „Auf die Idee hätten wir auch kommen können.“ Die Restlverwertung ist ÖAK-konform, denn in deren Richtlinien heißt es: „Exemplare, einschließlich Remittenden, die bis zum Meldeschluss verbreitet werden, dürfen berücksichtigt werden.“ Jetzt wird allerdings geprüft, ob diese Regel nicht allzu locker gefasst ist.

Was plant der abgelöste „News“-Chefredakteur?

Dr. Media: Nichts. Vorerst. „Ich leiste mir jetzt den Luxus, keine Ahnung zu haben“, sagt Atha Athanasiadis. Als er im September 2008 Josef Votzi und Andreas Weber an der Spitze der Info-Illustrierten ablöste, schwärmte „News“-Capo Oliver Voigt von ihm als „Vollblut-Blattmacher“.

In den vergangenen eineinhalb Jahren ist wohl zu viel Blut geflossen. Seit 1. März ist Peter Pelinka alleiniger „News“-Chefredakteur – für Voigt nun ein „klares Signal in Richtung Qualitätsjournalismus“(siehe auch Seite 36).

Die Trennung zwischen „News“ und Athanasiadis erfolgte „im besten Einvernehmen“, wie es bei solchen Gelegenheiten immer so schön heißt. Die Details der Vertragsauflösung sind freilich noch nicht ausverhandelt. Jetzt hat der bullige Ex-Chef eine „Stehzeit“ (Kündigungsfrist) von sechs Monaten, in denen er auch vertragskonform bezahlt wird. Er versichert glaubhaft, nicht zu wissen, wohin es ihn zieht. Vielleicht Zeit für eine komplette Neuorientierung.

Athanasiadis ist multimedial. Neben ausreichender Magazin-erfahrung (vor „News“ etwa „TV-Media“ und „Seitenblicke-Magazin“) war er auc
h für Fernsehen (halbes Jahr Chefredakteur von ATV) und Radio (Ö3, Antenne Wien) tätig. Was Internet betrifft, hat er die Verzahnung von „News“ mit dem Internet-Auftritt vorangetrieben.

„News“ hatte trotz des unter ihm eingeschlagenen Boulevardkurses eine rückläufige Tendenz. Die Verkaufsauflage ging im zweiten Halbjahr 2009 laut ÖAK um 16.895 Exemplare auf 181.369 Stück zurück. Für Athanasiadis „kein Grund zur Panik, andere haben deutlich mehr verloren“. Die Reichweite stieg laut Media-Analyse 08/09 um 7,3 Prozent auf 835.000 Leser.

Oliver Voigt streut ihm zum Abschied Rosen: „Unter Atha hat, News‘ das beste Betriebsergebnis der vergangenen fünf Jahre eingefahren.“ Voigt will seinem Ex-Chefredakteur auch als Türöffner bei befreundeten Verlagen behilflich sein – fügt aber auch gleich hinzu: „Ich glaube, das braucht er nicht.“ Dass die Luft an der Spitze bei den derzeitigen Sparkursen eher dünn ist, weiß Athanasia-dis, ergänzt aber selbstbewusst: „Für Leute, denen man was zutraut, ist immer Platz.“

Macht ein gemeinsames Fiasko einig?

Dr. Media: Unter großen Medien-Playern schon. Sechs Monate lang hatten Styria Media Group und Moser Holding den Traum von der „großen Lösung“, nämlich einer weitgehenden Fusion, geträumt, dann war es im Dezember 2009 plötzlich aus damit. Warum wurde nie erläutert, aber der Frust ging so tief, dass es noch einmal drei Monate dauerte, bis sich die zerkrachten Liebenden auf das weitere Vorgehen einigten. Die nun verkündete Lösung lautet: Reden wir nicht mehr über das, was sein hätte können (die „große Lösung“), sondern kuscheln wir uns am kleinen Herdfeuer zusammen. Das Flämmchen nennt sich Regionalmedien Austria (RMA), wird von Styria und Moser Holding weiterhin als Joint Venture betrieben und spendet Wärme im Inseratenteil von GratisWochenzeitungen, die über ganz Österreich verteilt werden. Der Atem stockt einem bei dieser Mitteilung kaum, höchstens denen, die sich für kleine und große Lösungen ins Zeug geworfen hatten. Die RMA-Geschäftsführer müssen nämlich das Feld räumen.

Frischt Heinzl wirklich das Blut der ORF-Seher auf?

Dr. Media: Eher nicht. Von „Blutauffrischung“ und „Frischzellenkur“ war die Rede, als man Dominic Heinzl für seine neue Sendung „Chili“ zum ORF holte. Der Wunsch, damit mehr junge Zuschauer vor den Bildschirm zu locken, die der ORF dringend braucht, um Werbekunden zu gewinnen, dürfte von Anfang an auf einer falschen Annahme beruht haben. Denn schon bei ATV hatte der Moderator eher die älteren Semester vor den Bildschirm gelockt, das Durch-schnittsalter der „Hi Society“-Zuseherschaft lag bei 50 Jahren.

Beim ORF dürfte der Plan doppelt nicht aufgehen: Bei den über 50-Jährigen verzeichnet man einen Marktanteil von 6 Prozent im Durchschnitt, diese dürften bei der ZiB geblieben sein. Bei den Zwölf- bis 19-Jährigen lag der Anteil zuletzt bei 13 Prozent, das ist zwar gegenüber dem Durchschnitt seit Jänner immerhin eine Steigerung um 2 Prozent. Verheerend aber, wenn „Mein cooler Onkel Charlie“, „Chili“-Vorgänger und bereits eine Ausstrahlungs-Wiederholung, bei Zwölf- bis 29-Jährigen 23 Prozent verzeichnete. Die Seherzahlen von „Chili“ sind seit dem Start von rund 220.000 auf einen Schnitt von 156.000 gefallen.

Was unternimmt „WZ“-Chef Göweil gegen die Abo-Kündigungswelle?

Dr. Media: Er verschickt massenweise Briefe an jene, die nach der überfallsartigen Ablöse von Chefredakteur Andreas Unterberger, dem Rauswurf von Kolumnisten und einer Blattreform (vor allem Umstellung der Bücher und Änderungen im Layout) ihr Abo gekündigt haben.

Er schreibt, dass ein Wechsel in der Chefredaktion „Irritationen“ auslösen könne, „das ist so. Ein vertrautes Gesicht ist nicht mehr da, das Neue ist immer unbekannt.“

Den frustrierten Ex-Lesern schickt er nun ein Gratis-„Testabo“ für vier Wochen – in der Hoffnung, dass einige ihre Entscheidung überdenken. „Irritationen“ gibt es auch in der Redaktion. Viel SPÖ-Kritisches, vor allem wenn es mit der Wiener SPÖ zu tun hat, fällt nicht selten im letzten Augenblick raus.

Krammer: Folgt er auf Strobl?

Dr. Media: Möglich. Karl Krammer, bisher Sprecher des SPÖ-„Freundeskreises“ im wichtigsten ORF- Aufsichtsgremium, wurde völlig überraschend von der SPÖ nicht wiederbestellt. Die Nachricht schlug in ORF- und Politikkreisen ein wie eine Bombe. Schließlich ist der frühere Kabinettschef von Franz Vranitzky und jetzige Consulter ein guter Kenner des Hauses und mit der Gremienarbeit bestens vertraut. Nun kursiert folgendes Szenario: Krammer, maßgeblich an der Kür von Alexander Wrabetz beteiligt und zuletzt dessen Schutzschild, könnte in den ORF gehen und den Job von Presse- und Kommunikationschef Pius Strobl übernehmen. Dann nämlich, wenn die Absiedlung vom Küniglberg beschlossen ist und Strobl dieses Projekt als freier Unternehmer betreuen kann – was mit seinem Insiderwissen sehr lukrativ sein könnte, wie mit der Sache Vertraute berichten. Strobl war früher in der Immobilienbranche tätig und ist deklarierter Befürworter eines Auszugs aus dem seiner Meinung nach maroden Küniglberg. Die Sache hat nur zwei Haken: Der Beschluss über die bauliche Neugründung kann noch lange auf sich warten lassen und schon 2011 steht die Wahl des nächsten ORF-Generaldirektors an.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 118 bis 121. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;