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Editorial

Fakten oder Fiktion

Dürfen Journalisten unsauber arbeiten, um das Böse zu entlarven?

Jetzt sind sie auch noch mit einem Messer in seinem Lieblingsclub auf ihn losgegangen. Wahrscheinlich wieder das ORF-„Am Schauplatz“-Team. Die wollen H.C. ja wirklich fertigmachen. Und die Polizei steckt mit den gedungenen Attentätern unter einer Decke.

Verschwörungstheorien sind schnell zur Hand. Der ORF macht es Strache und seinen Getreuen dabei auch leicht. Ed Moschitz – für einfühlsame und zugleich mehrfach ausgezeichnete Reportagen bekannt – packte für seine Skinheadreportage zwei Glatzen in einen ORF-Bus und fuhr sie zu einer Veranstaltung von FPÖ-Chef H.C. Strache. Dort sollen sie dann irgendwas Neonazistisches – „Sieg Heil“ oder „Heil Hitler“ – gerufen haben. „Wiederbetätigung“, schimpfte darauf Strache auch im eilig einberufenen ORF-„Club 2“ (unter anderem mit „Profil“-Chefredakteur Herbert Lackner, ORF-Magazinchef Johannes Fischer und Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell – übrigens der Doktorvater von Moschitz). Darin wurde dann gestritten, was nun gerufen und was nicht gerufen wurde. Die anwesenden Journalisten waren sich einig, nichts Neonazistisches gehört zu haben. Und gaben so der Reportage ihre Absolution.

Glauben Qualitätsjournalisten wie „Profil“-Chefredakteur Herbert Lackner und ORF-Magazinchef Johannes Fischer wirklich, die Reportage sei journalistisch sauber? Oder übersehen sie durch ihre Abscheu der FPÖ gegenüber die Fakten? Denn Fakt ist, die beiden Skins wären ohne ORF nicht bei der Veranstaltung gewesen und sie haben vom ORF und von Moschitz privat – „wie viel sei laut, Schauplatz‘-Chef Christian Schüller Privatangelegenheit“ – Geld bekommen. Das ist im höchsten Maß unsauber. Der verstorbene deutsche Journalist Hanns Joachim Friedrichs sah das so: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemeinmacht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Und das sehen auch viele Poster – beispielsweise auf etat.at – so. Von „Medienmanipulation zu unserem Besten“ ist unter anderem zu lesen. Natürlich verhalten sich Menschen anders, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist. Daher müssen TV-Journalisten, bevor sie mit dem Filmen beginnen, äußerst intensiv recherchieren. So kennen sie die Wirklichkeit und können später versuchen, diese darzustellen. Und natürlich müssen sie auch die tagelangen Aufzeichnungen kürzen und verknappen. Nennen Sie mich naiv, aber privates Geld darf dabei nicht fließen. Auch Entschädigungen für Verdienstentgang oder Persönlichkeitsrechte müssen genauestens überlegt werden. Arbeitslose Skinheads haben keinen Verdienstentgang. Es ist in Ordnung, Wissen einzukaufen, aber nicht Emotionen. Es gilt nicht, wenn der ORF argumentiert, öffentlich-rechtliche Sender im Ausland würden auch zahlen. Dann arbeiten die auch journalistisch unsauber, deshalb muss es ja der ORF nicht machen.

Das sieht auch der Publikumsrat so und formuliert sperrig: „Ein Beitrag finanzieller wie organisatorischer Natur durch den ORF zur Herbeiführung eines Ereignisses, welches Gegenstand einer Berichterstattung sein soll, ist nur dann mit dem Objektivitätsgebot vereinbar, sofern eine Beeinflussung der Authentizität der Berichterstattung ausgeschlossen werden kann und durch geeignete Maßnahmen sichergestellt wird, dass der Anschein von Parteinahme oder der Verzerrung der Dimension des Ereignisses hintangehalten wird.“ Und er fordert, geltende Regeln zur Qualitätssicherung zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

Auch der österreichische Literat Franzobel fragt (siehe Seite 34): „Ist es aber legitim, der einem selbst nützlicheren Wahrheit aktiv zum Durchbruch zu helfen?“ Und weiter: Anstiftungen sind nur erlaubt, „wenn ein Journalist gegen ein tyrannisches System, gegen Umweltsünder oder sonst etwas Böses arbeitet. Sonst nicht.“ Das ist aber nur in Meinungsbeiträgen so, nicht in Berichten oder Reportagen, von denen sich der Zuseher die Abbildung der Wirklichkeit erwartet. Dies gilt im Besonderen für einen öffentlich-rechtlichen Sender, der per Gesetz der Objektivität verpflichtet ist. Das hat jetzt überhaupt nichts mit Äquidistanz zu tun, sondern mit Glaubwürdigkeit.

In eigener Sache. Die vergangenen sechs Monate haben wir uns über die Zukunft des „Journalisten“ Gedanken gemacht. Gemeinsam mit dem Spanier Javier Errea, einem der weltbesten Designer, haben wir die Inhalte, die Rubrizierung und das Layout neu entwickelt. „Alles, was ich versuche, ist, einfach News am besten zu erzählen. Unsere erste Aufgabe ist ganz klar das Storytelling, da gibt es keinen Platz für reine Ästhetik. Aber natürlich liebe ich Design und speziell Typografie“, erklärt er seine Philosophie (siehe Seite 92). Machen Sie sich selbst ein Bild!

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Editorial“ auf Seite 9 bis 13. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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