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Titel

„Ich glaube an die Kraft von Geschichten“

Corinna Milborn ist seit März stellvertretende Chefredakteurin von "News", zuvor hat sie als Autorin aufreibender Bücher und als "Format"-Reporterin auf sich aufmerksam gemacht.

Den bequemen Weg ist sie nie gegangen, sondern immer an Orte, die andere meiden und vor denen andere sie warnten. An die marokkanischen Grenzzäune, die Afrika von Europa trennen, und an der jene, die in eine bessere Welt flüchten wollen, scheitern. In Bordelle, wo jene arbeiten müssen, die es nur scheinbar ins Paradies geschafft haben. In die Banlieues von Paris, wo unzufriedene Einwanderer-Kinder aufbegehren. Direkt an den Orten des Geschehens war Milborn stets, wenn sie für ihre Bücher „Gestürmte Festung Europa“ über die heutige Völkerwanderung und die Zeitbombe in Zuwanderer-Ghettos und „Ware Frau“ über Zwangsprostitution recherchierte. Als Mitarbeiterin des „Formats“ war sie stets diejenige, die den internationalen und menschlichen Fokus in Globalisierungsthemen einbrachte.

Geschmackspolizei.

Die studierte Politikwissenschafterin mit Spezialisierung auf Entwicklungspolitik war Menschenrechtsbeobachterin in Guatemala und WWF-Pressesprecherin, sie leitete die Menschenrechtszeitschrift „liga“ und war bei „Format“ und als Autorin sowie als Koautorin von Waris Diries Buch „Schmerzenskinder“ und als „Club 2“-Moderatorin tätig. Zudem engagiert sie sich stark dafür, die Themen Menschenrechte, Migration und Globalisierungsprobleme in Vorträgen, Moderationen und Filmen („Let’s make money“) an eine große Öffentlichkeit zu bringen. Anfang März wurde sie als stellvertretende Chefredakteurin zu „News“ bestellt.

„Mit ihr an meiner Seite bin ich mir noch sicherer, dass wir keinerlei Geschmacksverwirrungen oder die Persönlichkeit verletzende Dinge publizieren“, sagt CR Peter Pelinka, der schon bei „Format“ mit ihr gute Erfahrungen machte. „Ich habe sie dort als einsatzfreudige und kenntnisreiche Journalistin schätzen gelernt. Ein Grund, wa-rum ich sie geholt habe, war auch ihre hohe soziale Integrität, ihre Teamfähigkeit.“

Auch andere Arbeitskollegen schwärmen nur so von Milborn: Lorenz Gallmetzer, der sie als Moderatorin zum „Club 2“ brachte, rühmt ihre „unglaubliche Vernetzung in alle Bereiche der globalisierten Gesellschaft und ihre kompetenten Statements“.

„Format“-Kollegen loben ihren „internationalen Blickwinkel, mit dem sie Glanz in das Wirtschaftsmagazin gebracht hat“, Sichtweisen und Zugänge, die sonst niemand hatte, etwa wenn sie nach den Londoner U-Bahn-Anschlägen Interviews mit aufgehetzten Jugendlichen führte – Gespräche, die international zitiert wurden. Aus „Format“-Kreisen heißt es sogar, dass viele Milborns Abgang als schlimmer bewerten als jenen Pelinkas, weil sie so kreativ und leistungsstark war und „besonders befähigt, über den Tellerrand zu schauen“.

„Sie hat eine unglaubliche Breite und eine flotte Feder, kann komplizierte Sachverhalte und deren weltwirtschaftliche Zusammenhänge immer sehr gut auf den Punkt bringen. Vereinfachen, aber doch in die Tiefe gehen – das können wenige“, sagt auch „Format“-Chefredakteur Andreas Weber. Er beschreibt seine Ex-Mitarbeiterin als „kollegial, professionell, ruhig und nie obergescheit“.

Kämpferin.

„Unkompliziert, authentisch und eine leidenschaftliche Kämpferin für Gerechtigkeit und Toleranz“ nennt sie auch Ecowin-Verlagsleiter Hannes Steiner, bei dem sie „Ware Frau“ über Zwangsprostitution von afrikanischen Flüchtlingen veröffentlichte. „Sie ist getrieben, die Welt besser zu machen, und folgt nie Dogmen, sondern ihrer eigenen Überzeugung, welchen Themen sie zum Durchbruch verhelfen will.“

Angenehme Themen waren das nie, stets rüttelte Milborn mit ihren Recherchen auf, rückte die Ungerechtigkeiten in der privilegierten Gesellschaft Europas in den Fokus. Wie es ihr selbst bei den oft ernüchternden Ergebnissen ihrer Recherche emotionell ergangen ist? „Solange ich etwas zu tun habe, geht es. Ich habe eine Mittlerfunktion und die Leute wollen ihre Geschichte erzählen. Aber es waren schon harte Momente dabei, etwa, wenn eine Zwangsprostituierte vor mir im Café zusammenbrach, ich mit Frauenhäusern telefonierte, um sie unterzubringen, während sie immerfort Drohanrufe bekam.“

„Ich glaube an die Kraft von Geschichten“, sagt Milborn, die auch Erfolge verzeichnen konnte: als erstmals Flucht vor Frauenhandel als Asylgrund anerkannt wurde und eine in ihrem Buch beschriebene Frau in Österreich bleiben konnte. „Auch wenn Leute sich mit dem Thema beschäftigen, ist es schon ein Erfolg.“

Herumhängen und rauchen.

Stets war ihr ihre Unabhängigkeit sehr wichtig, doch als der Ruf zu „News“ kam, war für sie „sehr schnell klar, dass ich das mache. So eine Chance lässt man sich nicht entgehen. Auch wenn ich als intellektuell gelte, war es immer schon mein Interesse, Dinge so aufzubereiten, dass sie viele Leute interessieren.“ Sie selbst sagt, sie wurde im Team „überraschend gut aufgenommen“, aus „News“-Kreisen hört man zwar von anfänglicher Skepsis, aber nicht von Feindseligkeit. Kollege Kurt Kuch sagt: „Unsere Zusammenarbeit ist ganz problemlos. Sie hat wunderbare Ideen, wir ergänzen uns perfekt.“

Aus ihrer Autoren-Vergangenheit nimmt die Neo-Chefredakteurin jedenfalls etwas mit, das ihre Mitarbeiter freuen wird: „Meine Recherchemethode war immer: Herumhängen und Rauchen mit den Ju-gendlichen, Zeit mit den Leuten verbringen, über die man recherchiert. Es braucht einfach Zeit, bis einem jemand vertraut.“ Natürlich, in der normalen Tages- und Wochenzeitungsmaschinerie sei das oft nicht möglich. „Daher versuche ich jetzt bei, News‘, auch Reportagen auf mehrere Wochen anzulegen und den Kollegen Zeit zu geben.“

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 46 bis 47. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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