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Praxis

Lokomotive Richtung Zukunft

Ein Wiener aus Kamerun, Geschichten ohne Rührseligkeit, Quoten, Ethno-Marketing und Communitys bereichern die Medien.

Sprachvielfalt ist eine Stärke. Eine andere das vielfältige Wissen um Kulturen. Jasmin Al-Kattib (29), Mascha Dabić (28), Meri Disoski (27), und Olivera Stajić (31) sind vier Journalistinnen vom gesamt siebenköpfigen Team der taufrischen Website daStandard.at – seit 15. Februar online. Ein lang geplantes Wunschkind der „Standard“-Familie. Redaktionsleiterin Olivera Stajić, zuvor freie Mitarbeiterin bei derstandard.at: „Wenn wir irgendeine Art von Integration anstreben, muss es viel mehr Journalisten mit Migrationshintergrund geben, die als Sprachrohr und Identifikationsfigur fungieren.“ Über die Jobsite wurden Journalisten mit Migrationsbiografie gesucht – rund 50, vor allem Frauen, haben sich beworben. Sechs wurden ausgewählt. „Auch für Medien muss es Quoten geben“, erklärt Stajić. Schrieb im Editorial: „Wir sind da. Unsere Eltern und Großeltern kamen als Gastarbeiter oder Flüchtende … Österreich ist längst ein Einwanderungsland – es ist an der Zeit, dass wir dieser Vielfalt auch in den Mehrheitsmedien gerecht werden …“ In fünf Ressorts – Alltag, Kultur, Sprache, Bildung, Arbeitswelt – deckt daStandard.at Themen ab, die sonst nicht geboten werden. Die Journalistinnen bekennen, den gängigen Einheitsbrei der Asylberichterstattung leid zu sein: „Jenseits von rührseligen Geschichten über migrantische Leidenswege und Asyldebatten wollen wir über den gelebten Alltag berichten.“ Mascha Dabić: „Asylwerbern ist nicht gedient, wenn es ständig nur um Armut und Kriminalität geht.“ Al-Kattib ärgert die einseitige Irak-Berichterstattung: „Ich war dreimal im Irak und weiß so viel Positives über das Land.“ „Bei uns geht es nicht nur um Opferrolle, Mitleid und Vorzeigetschusch.“ Mit Wirkung: 30.000 Zugriffe in den ersten zwei Wochen, viele Postings. Fragen nach ihrer Herkunft sind die Journalistinnen gewohnt, haben knappe Antworten. „Ich sage, ich lebe in Österreich.Wenn ich in Russland bin, bezeichne ich mich als Serbin“, erklärt Mascha Dabić, Tochter einer Russin und eines bosnischen Serben, geboren in Sarajevo. „Meine Eltern waren Gastarbeiter, ich bin in Wien geboren“, ergänzt Olivera Stajić. Für Meri Disoski ist das kulturelle Erbe wichtig: „Meine Eltern kamen vor 35 Jahren aus Mazedonien. Ich bin keine zerrissene Person, aber ich stelle mir Fragen, die sich andere nicht stellen müssen.“ Jasmin Al-Kattib, in Wien geboren, sieht sich mit „nur einem halben Migrationshintergrund“ ausgestattet – ihr Vater stammt aus dem Irak. „Migrationshintergrund ist ein bequemes Wort, ein Topf, wo vieles reinpasst. Es ist nicht negativ besetzt und besser als Gastarbeiterkind, Ausländer oder zweite bis 15. Generation“, findet Stajić. Asylant klingt dagegen „wie Ungeziefer“.

Einmal pro Woche Redaktionskonferenz, jeden Tag mindestens eine neue Geschichte. Titel wie „Kein Mitleid bitte!“ – über erfolgreiche, junge Menschen, die bessere Startbedingungen brauchen -, „Arbeiterstrich“ und „Studenten mit Dreifachbelastung“. Stajić: „Im Text über einen Jungen aus Afghanistan steht nicht dessen tragische Geschichte, sondern sein Stipendium und seine Leistungen in der HTL im Vordergrund.“ Die freien Mitarbeiterinnen haben auch andere Jobs. Jasmin Al-Kattib studierte Kommunikationswissenschaft, macht eine Ausbildung zur Trainerin für Alphabetisierung und Deutsch als Fremdsprache. Meri Disoski, Studium der Germanistik und Französisch, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wiener Institut für Germanistik. Mascha Dabić studierte Translationswissenschaft (Englisch/Russisch) und Politikwissenschaft, ehemalige Volontärin „Standard“-Außenpolitik, übersetzt in der Psychotherapie im Verein Heymayat. Olivera Stajić, in Wien geboren, übersiedelte im Alter von zwei Monaten nach Bosnien, kehrte 1992 des Krieges in Ex-Jugoslawien halber nach Wien zurück. Monatlich verfasst Stajić Artikel im Migrantenmagazin „Kosmo“, schreibt in bosnisch. Andere Medien, die ein gerechtes Bild von Österreichs Bewohnern präsentieren, sind weniger Konkurrenz als höchst willkommen. Weniger als Vorbild dient die ORF-TV-Sendung „Heimat, fremde Heimat“. „Das Format ist überholt und wirft alle Volksgruppen zusammen mit Migranten in einen Topf. Auch die ‚Heute‘-Serie über erfolgreiche Migranten vermittelt nur wieder das Bild vom ‚Vorzeigetschusch‘“, kritisiert Stajić. „Dabei bergen Migranten ein riesiges wirtschaftliches Potenzial im Ethno-Marketing. Etwas, das die Medien nicht vernachlässigen sollten.“

Von „Bum TV“ bis „Polylog“.

„Aswan TV“, „A-Turca“, „Living in Beč“ etc. Der TV-Sender Okto ( www.okto.tv) ging am 28. November 2005 auf Sendung. Strahlte als Auftakt auch „Afrika TV“ („RATV“) aus – seither bereichern zahlreiche sogenannte Community-Magazine die TV-Landschaft. Senad Hergič (34), seit 2006 einer von vier Programmkoordinatoren, stammt aus der bosnischen Stadt Bijeljina: „Ich will durch diesen ethnischen Dschungel nicht schubladisiert werden.“ Gerade aus der dreimonatigen Vaterkarenz zurückgekehrt, wurde er gleich wieder mit einem neuen Format konfrontiert – „Diaspora“, die Community aus Ex-Jugoslawien berichtet über ihr Leben in Österreich. Auch der Belgrader Satellitensender Pink strahlt die Sendung aus. Für Hergič ist Jugoslawien ein Wohlklang – schließlich stecken die Silben von Wien drin. Okto hat 20 fest angestellte Mitarbeiter, rund 500 Menschen produzieren ihre Magazine – erst senden sie das Konzept, werden im Weiterbildungsprogramm von Okto für die Produktion geschult. Hergič: „Die Kurse sind auch Voraussetzung, um Equipment, Studio und Schnittplätze zu nutzen.“ „‚Diaspora‘ ist ein Re-Import“, schmunzelt Renate Billeth, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, „wir pflegen auch einen regen Programmaustausch mit deutschen Sendern wie Alex Berlin und Tide in Hamburg.“ Nicht bloß die Jugend meldet sich in Okto zu Wort. Die Schauspielerin Jolanta, mit polnischen Wurzeln, ist bereits über 60 Jahre alt und produziert die neue Sendung „Sopogro“ – ein interaktionistisches Straßentheater. Seit 2007 wird der weiteste Seherkreis bei AGTT (Arbeitsgemeinschaft Teletest) erhoben. „Gemessen an 1,1 Millionen Zusehern wird Okto regelmäßig von 230.000 Menschen pro Monat gesehen. Allerdings werden ausschließlich Testfamilien herangezogen, deren Haushaltsvorstand österreichischer Staatsbürger ist – nicht gerade repräsentativ“, sagt Billeth. Der nicht kommerzielle Sender wird von der Stadt Wien mit 980.000 Euro pro Jahr – 90 Prozent des Budgets – gefördert. Renate Billeth: „Die FPÖ ist die einzige Partei, die im Gemeinderat regelmäßig gegen den Subventionsantrag stimmt.“ Doch selbst H.C. Strache hatte schon einen Auftritt im türkischen „Viyana Magazin“, inmitten einer Pressekonferenz mit dem neuen türkischen Botschafter. Zu sehen auf Facebook. Der ORF ist keine Konkurrenz. Barbara Eppensteiner, Okto-Programmintendantin, wähnt: „Der ORF muss erst in der Gegenwart ankommen., Heimat, fremde Heimat‘ wird wegen Artikel 7 produziert, nicht für die Communitys.“ Senad Hergič ist gewiss: „Unsere Magazine zeigen das Leben von innen heraus.“ Ohne Klischees? Eppensteiner: „Die selbstbestimmte Darstellung ist zumindest authentisch. In der Programmplanung gibt es keine Ethnozonen.“ Der Anteil der ethnischen Community-Magazine macht 30 Prozent aus – „das entspricht dem Anteil der Bevölkerung“. Eine ewige Warteschleife für einen Sendeplatz gibt es nicht, garantiert die Programmintendantin: „Es können nie zu viele Sendungen sein. Mein Auftrag ist es, eine möglichst große Vielfalt abzubilden.“

Die Lokomotive.

Simon Inou (37), studierter Soziologe aus Kamerun, kam 1995 nach Österreich. Studierte Publizistik in Wien, war bei den Anfängen von Radio Afrika dabei, Chefredakteur der „Tribüne Afrika“ und von www.afrikanet.info. Sein Projekt M-Media gründete Inou 2005 (www.m-media.or.at). Unermüdlich wirkt der Journalist gegen Engstirnigkeit und Rassismus. Die Kampagne Black Austria rüttelte 2008 auf, doch nicht wach. Der Verein M-Medi
a vernetzt Migranten mit Mainstream-Medien. Zu oft haben Kollegen bei Inou angefragt, ob er „einen Türken aus der Community“ organisieren kann. Selbst Exkursionen wurden für Medienvertreter organisiert. Mit dem Tod des TU-Studenten und Mauretaniers Seibane Wague – starb 2003 unter höchst fraglichen Umständen bei einer Polizei- und Rettungsmaßnahme im Wiener Stadtpark – kam Inou die Idee zu M-Media. „Die Community war immer mit Polizeigewalt konfrontiert. In solchen Fällen haben mich immer andere Journalisten kontaktiert – von ‚profil‘ über ‚Kurier‘, ‚Falter‘ und ‚Standard‘.“ Der Verein M-Media hat eine 21-köpfige Redaktion aus vier Kontinenten, bildet junge Journalisten mit Migrationsbiografie aus und bringt sie im Glücksfall in den Medien unter. „Wir sind die einzige Institution, die im Bereich Medien und Integration arbeitet.“ Simon Inou suchte Kontakt und Kooperation mit Österreichs Medien – die wenigsten haben geantwortet. Weder der „Krone“- noch der „Österreich“-Herausgeber hielten eine Antwort für nötig. Institutionen für Journalistenausbildung zeigten keinerlei Interesse, bis heute gab es kein einziges Seminar zu Rassismus und Diversität. Das Wiener Publizistikinstitut ist die Ausnahme. „Wir sind seit Jahren Opfer von Rassisten, bekommen E-Mails und Drohbriefe.“ Der Verein beobachtet die Medien: „Das Ziel sind 17 Prozent Journalisten mit Migrationshintergrund, das entspricht dem Bevölkerungsanteil.“ Ohne Quote keine Chance – sie wirkt unterstützend. „Bis 2025 haben wir das Ziel erreicht.“ Was der Journalist vermisst: „Ich bin froh, dass es daStandard.at gibt, aber in Europa sind wir es gewohnt, unsere Zeitung morgens als Printprodukt zu lesen.“ Sein Lichtblick ist seit 20. März die tägliche Integrationsseite der „Wiener Zeitung“. Die „Presse“ war Vorreiter. „Viele Menschen glauben, zwischen Täter und Opfer gibt es nichts zu berichten.“ Mobilität statt Migrationshintergrund: „Aber Mobilität wird nur für europäische Migranten benutzt, nicht für Afrikaner.“ Simon Inou stellt sich als „Wiener aus Kamerun“ vor. Lebt nicht Anpassung, sondern Adaption. Sein Wunsch: die Entkopplung der Agenda Migration vom Innenministerium. Seine Motivation: „M-Media ist die Lokomotive, der gemeinsame Antrieb für alle, die in ihrem kleinen Ghetto arbeiten.“

1.000 Hügel und ein Name.

In Ruanda ist Alexis Nshimyimana-Neuberg 1964 zur Welt gekommen, am 7. Juli 1992 kam er nach Österreich. Studierte mit dem Stipendium der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit Publizistik- und Kommunikationswissenschaften. Zurück nach Ruanda konnte der Journalist nicht – 1994 brachen die Unruhen aus. „Ich brauche Freiheit – in meine Profession als Journalist, die ich schon sechs Jahre in Ruanda ausgeübt habe, hätte ich nicht zurückkehren können. Ich wäre jetzt tot oder im Gefängnis.“ Ehemalige Kollegen arbeiten heute bei BBC, Voice of America, RFO oder sind Flüchtlinge. Radio Afrika ( www.radioafrika.net) gründete Alexis Nshimyimana-Neuberg 1997 – die Mittelwelle 1764 wurde eingestellt, der Sender läuft als Livestream auf Campus Ö1 und Radio Orange. „Afrika TV“ kam dazu, wird auf Okto ausgestrahlt. „Meine Wurzeln habe ich hierher verpflanzt“ – gemeinsam mit Frau und vier Kindern lebt Neuberg in Wien. Zu Nshimyimana kam Neuberg: „Habe ich mit Nshimyimana um ein Interview gebeten, bekam ich es nicht. Mit dem Namen Neuberg schon.“ Ruanda, das Land der 1.000 Hügel. In den 1940er-Jahren besiedelte Nshimyimanas Großvater neue Berge und „Rainer Rosenberg vom ORF hat mir den ersten Sendeplatz gegeben“. So entstand Neuberg, der Heimat-Wurzeln und Dank enthält. Neuberg fürchtet: „66 Prozent der österreichischen Gesellschaft ist ausländerfeindlich.“ Doch: „Gerade das gibt mir die Kraft, zu arbeiten und aktiven Widerstand zu leisten.“ Für „RATV“ arbeiten 50 Mitarbeiter – ehrenamtlich. Die Redaktion ist international: afrikanisch, türkisch, serbisch, chinesisch, französisch, britisch. „Ich bin ein Afro-Österreicher. Denn wir können sowohl schwarz sein und Österreicher.“ Radio Afrika International und „Afrika TV“ ist seine „kleine UNO, die Diversität schafft“. „RATV“ sorgt für Redaktionsaustausch: „Die Jungen kommen aus Neugier, bleiben aus Überzeugung und landen beim ORF. Wir sind eine Bildungsstätte.“ Hoffnung: „Nach 13 Jahren will ich meine Mitarbeiter bezahlen können und, RATV‘ als selbstständiges Medium etablieren. Afrika kennt Europa besser als umge-kehrt.“ Was fehlt, sind weit mehr europäische Journalisten, die nach Afrika reisen und hiernach ihre Informationen verbreiten – „so, wie es umge-kehrt der Fall ist“. Die Redaktion ist die Plattform, „bildet mit der Stimme Afrikas Brü-cken“ – genutzt wird ein Ö1-Studio im Funkhaus. Allein von seinem Werk „RATV“ kann Alexis Nshimyimana-Neuberg nicht leben, er ist Sozial-, Asyl- und Fremdenrechts-Berater des Integrationshauses und freier Mitarbeiter des ORF. Viel- facher Preisträger, ist Neuberg seit Kurzem Obmann der Afri-ka-Vernetzungsplattform AVP – die Allianz afrikanischer Communitys in Österreich. Zur Fußball-WM in Südafrika wird AVP die Afrika-Festwochen „KE NAKO – Afrika jetzt!“ von 11. Juni bis 11. Juli 2010 gestalten.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 98 bis 99. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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