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Moderne Seilschaften - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2010 » Ausgabe 04+05/2010 »

Beruf

Moderne Seilschaften

Die klassischen Seilschaften in der Medienwelt waren gestern. An deren Stelle treten neue Formen des Gebens und Nehmens.

Das System ist heute ein anderes: individueller, subtiler, einzelkämpferisch. Lediglich der mächtige Chef von Raiffeisen Niederösterreich-Wien, Christian Konrad, mischt fallweise die alte mit der neuen Methode (siehe auch Seite 52). Es sind dies seine traditionellen Netzwerk-Events, zu denen die Spitzen der Republik aus Politik, Wirtschaft, Medien, Kirche, Kultur geladen sind: Das „Sauschädelessen“ in seiner Raiffeisen-Zentrale um Heilig-Drei-König und die Promi-Wallfahrt nach Mariazell lassen sich die Mächtigen schon Monate zuvor als Fixtermin eintragen. „Ein lückenloses Netz“ der Macht, nannte es einmal das „Wirtschaftsblatt“.

In der Tat, bei diesem Zusammentreffen von Spitzenpolitikern, Wirtschaftsbossen, Kirchenfürsten und Meinungsmachern aus Print und Elektronik mit dem finanzstarken Generalanwalt des Österreichischen Raiff-eisenverbandes im Raiffeisenhaus in der Bundeshauptstadt und bei den Pilgerzügen in der freien Natur, da wird schon etwas erzeugt. Das ist Networking in alle Richtungen. Noch dazu, wenn der Veranstalter eine so gesellige, ungezwungene Art an den Tag legt. Oder wie es Gerfried Sperl, lange Zeit Chefredakteur des „Standards“ und ausgezeichneter Kenner der Szene, formuliert: „Konrad hat so eine lammfrohe Gelassenheit, die Beißhemmung erzeugt.“

Schere im Kopf.

Ansonsten unterhält Raiffeisen keine Seilschaft. Es sei, so ein anderer Medien-Insider, „schlicht die Lenkung einer Zeitung“. Nachsatz: „Aber sehr subtil.“ Gemeint ist der „Kurier“, wovon Raiffeisen 50, 56 Prozent kontrolliert und Christian Konrad das Sagen hat. Dabei braucht er gar nicht zu intervenieren, sagt er doch schon vorsorglich seit Jahren: Wenn etwas gegen seine Interessen laufe, dann interveniere er. Damit erzeugt er bereits die Schere im Kopf. Ähnliches trifft wahrscheinlich bei allen anderen Medienprodukten zu, an denen Raiffeisen ebenfalls maßgeblich beteiligt ist, wie etwa das Wochenmagazin „Profil“über die Verlagsgruppe News.

Und auch die Achse Konrad – Pröll (Erwin, VP-Landeshauptmann Niederösterreich) ist keine Seilschaft, sondern Freundschaft – eine private, politische und wirtschaftliche. Zwischen diese beiden passt kein Blatt Papier, auch wenn sich Konrad weigerte, für einen Präsidentschaftswahlkampf Erwin Pröll zu zahlen. Der Raiffeisen-Boss wollte Erwins Neffe Josef Pröll, VP-Chef und Finanzminister, nicht die Chance auf eine Kanzlerschaft nach der nächsten Nationalratswahl nehmen.

Vater – Sohn.

Ob Peter Pelinka, der alte und nun wieder neue „News“-Chefredakteur und Vater des roten Neo-ORF-Stiftungsrates Nikolaus Pelinka, in traditionell geschlossenen Modellen der klassischen Seilschaften mitmacht, wird von Kollegen eher verneint. Von ihm heißt es, er stehe bereits drüber, nur gegen den ORF werde er nix machen, allein schon wegen seines nicht schlecht dotierten Moderatorenpostens in der Sendung „Im Zentrum“. Offen freilich ist, ob nicht die familiäre Vater-Sohn-Bindung als Grund für Unvereinbarkeit gesehen werden wird.

Sehr wohl eine Seilschaft indes pflegt der Ressortleiter Kultur im Nachrichtenmagazin „News“, Heinz Sichrovsky – und zwar mit Künstlern aller Disziplinen. So publiziert er den Schriftsteller Gerhard Roth ebenso, wie er des Öfteren Ausschnitte aus Elfriede Jelineks teils unveröffentlichten Werken bringt. Schriftsteller und Theaterstücke-Schreiber Peter Turrini gehört da ebenso dazu wie etwa neue Regisseure. Das bringt ihm persönlich ein Renommee in Kreisen, in die „News“ ansonsten kaum vordringt.

Aber auch Frauen sowohl in den Medien als auch in Politik, Wissenschaft,Wirtschaft und Gesellschaft pflegen weiterhin die traditionelle Seilschaft. Vielleicht auch deshalb, weil sie in dieser Disziplin noch immer ziemlich am Anfang stehen, vor allem im Vergleich mit den „old boys networks“.

Kaderschmieden.

Ansonsten allerdings sind in der heimischen Medienlandschaft die guten alten Seilschaften, deren Mitglieder sich wie in einer Geheimloge wechselseitig unter die Arme griffen und die Karriereleiter hinauf beförderten, generell eher im Schwinden. Desgleichen auch jene Kaderschmieden, aus denen der Nachwuchs rekrutiert wurde. Einst neben dem Cartellverband etwa die Katholische Hochschuljugend in der Steiermark, der gleich vier Chefredakteure entsprangen: Kurt Wimmer bei der „Kleinen Zeitung“, dessen Nachfolger Erwin Zankel, Helmuth Gries bei der später eingestellten „Neuen Zeit“ und Gerfried Sperl im „Standard“. Sie alle vertraten einen fortschrittlichen, liberalen Journalismus. Das war zwar nicht direkt gesteuert, aber es hat sich aufgrund einer gewissen Sozialisierung ergeben. Immerhin war das damals ja auch die Zeit der liberalen ÖVP in der Steiermark, die mit der Wiener Busek-ÖVP im Gleichschritt ging.

Finanzielles Networking.

Die Brüder Wolfgang und Helmuth Fellner, inzwischen tatkräftig mit dabei auch Wolfgangs Ehefrau Uschi Fellner, pflegen vor allem finanzielles Networking, das sich ab und zu rein zufällig auch im redaktionellen Teil der Fellner-Produkte niederschlägt. So beschreibt „Standard“-Medienexperte Harald Fidler in seinem detailreichen Nachschlagewerk „Österreichs Medienwelt von A bis Z“, herausgegeben 2008 im Falter-Verlag, beispielsweise die freundschaftliche Verbindung der Fellners mit Niki Lauda und Leo Wallner so: „Schon die ersten Cover von, News‘ deuteten auf eine etwas unklare Trennung zwischen Redaktion und Geschäft hin: Niki Lauda verloste mit dem Magazin Flugkilometer und wurde so zur Titelstory. Ex-Casino-Chef Leo Wallner machte früh mit einem Gewinnspiel den Coverboy.“

Klar, dass die Brüder dieses System auch in all ihren früheren und späteren Produkten wie „Basta“, Verlagsgruppe News, die Privatradios „Antenne Wien“, „Antenne Salzburg“, die Internetplattform News Networld sowie die Tageszeitung „Österreich“ praktizierten und praktizieren. „Einer, der lange Wiener Wohnbaustadtrat war“, schreibt Fidler dazu, „hilft, Österreich‘ ganz besonders mit Anzeigen: Werner Faymann, seit Jugendtagen mit Fellner befreundet. Dass, Österreich‘ Faymann geradezu hymnisch huldigt, liegt aber bestimmt nur an dessen genialer Politik.“ Und dass es in „Österreich“ für gute Anzeigenkunden ein eigenes Büro für „bevorzugte Partnerschaften“, „preferred partnerships“, gibt, wird damit erklärt, dass „diese Form der Partnerschaft bei Fachblättern gang und gäbe sei“ (Harald Fidler).

Auch gut, nur nicht alle Fachblätter sind Tageszeitungen, die der journalistisch-unabhängigen Berichterstattung unterliegen.

War ursprünglich für die wirtschaftlichen Belange ausschließlich Bruder Helmuth zuständig, stattet heute für „Österreich“ auch schon mal der für den redaktionellen Teil zuständige Wolfgang Fellner Generaldirektoren Besuche ab. Da geht es manchmal nicht nur um einen Interview-Termin allein. Journalismus & Politik & Geschäft ist das Erfolgsrezept.

Doch damit nicht genug. Später seien die Fellners, sagte der verstorbene „Kurier“-Kolumnist Herbert Hufnagl einmal, dazu übergegangen, „auch die größte Scheiße zu einem Ereignis“ hochzuquirlen. „Dieser ewige Kreislauf zwischen Niki Lauda, DJ Ötzi, Uschi Glas und Udo Jürgens.“ Die Fellners erfänden sich dazu das Personal selbst, „indem sie völlig bedeutungslose Menschen durch ständiges Erwähnen zu kleinen Stars machten“ (zitiert aus Fidlers „Österreichs Medienwelt von A bis Z“). Dass auch die angeheiratete Uschi Fellner inzwischen diesen „Fellnerismus“ (Insider-Codebegriff) perfekt beherrscht, beweist sie täglich in ihren Boulevardseiten von „Österreich“.

Einzelkämpfer.

Als einen veritablen Einzelkämpfer hingegen bezeichnen Medienbeobachter den Vorstandschef der Styria Medien AG, Horst Pirker, einen gebürtigen Kärntner, der in Graz Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre studierte. Seit seinem Antritt als Vorstandschef 1999 ist Pirker sehr aktiv, was Kauf, Gründung und Übernahmen von Medien in Österreich, vor allem aber in Kroa-tien, Slowenien und Norditalien angeht. So kaufte der Medienunternehmer u. a. das „Wirtschaftsblatt“, ist Herausgeber
der „Presse“ und nebstbei auch Präsident des österreichischen Zeitungsverbandes, VÖZ. Hervorgegangen ist die Styria Medien AG ursprünglich aus dem Pressverein in der Grazer Diözese Graz-Seckau. Inzwischen wurde aus dem Pressverein die Katholische Medien Privatstiftung. Hatten manche Bischöfe, insbesondere Egon Kapellari, in der Zeit des Pressvereins via Seilschaftsmechanismen noch ziemlichen Einfluss auf dessen Medien, so hat sich dies heute zwischen Pirker und der Katholischen Privatstiftung ziemlich reduziert, zumal Pirker die Strukturen entsprechend verändert hat. Lediglich die Achse zwischen Pirker und seinem „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker ist evident. Das ist aber weder eine Seilschaft noch ein Netzwerk.

Kinder streicheln.

Eine ganz eigene Figur mit Blick auf Networking, Kommunikation und Publicitygestaltung ist der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn. Ihm zur Seite steht ein Mastermind, der die Medienarbeit macht, nämlich Erich Leitenberger. Ist es doch eine ganz neue Qualität zu sagen, Schönborns Kolumne in den Dichand-Blättern „Kronen Zeitung“ und „Heute“ sei Teil der pastoralen Arbeit und somit eine Form der Verbreitung der bischöflichen Ansichten, indem er die Bibel interpretiert. Dies führt letztlich dazu, dass Schönborn zumindest zwei Mal im Jahr auf dem Titelbild Kinder streicheln kann und auch sonst seine Interviews unterbringt.

Und was angesichts des Bekanntwerdens zahlreicher Missbrauchsfälle durch katholische Priester die Bestellung der ehemaligen steirischen VP-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic angeht, so sei, findet Gerfried Sperl, „die Erzdiözese Wien medial drei Mal geschickter als der Vatikan, weil in dieser Situation die österreichische Kirche eine der wenigen ist, die sich zum Beispiel mit der Wahl Klasnics noch einmal ein mediales Instrument geschaffen hat, wodurch der Kirche im Vorfeld eine Frau die Peinlichkeiten schon einmal wegräumt. Ein sehr geschickter Zug.“

Damit aber nicht genug. Denn dahinter wieder steckt ein anderer Medienmann: Herwig Hösele, ehemals Pressereferent der ÖVP-Steiermark, Herausgeber des eingestellten VP-Mediums „Südost-Tagespost“, später Bundesrat und – vor allem – der nach wie vor engste Vertraute von Waltraud Klasnic.

Liebling der Journalisten.

Mit dem Schwinden der klassischen Seilschaften im Journalismus entwickelt sich aber noch ein anderer Typus: der Liebling der Journalisten. Seine Methode ist denkbar einfach und gleichzeitig höchst erfolgreich. Er muss nur schon einen gewissen Namen in der Branche haben, hin und wieder freundlich sein zu ausgewählten, gleichaltrigen oder etwas jüngeren -aber nicht zu sehr jüngeren – Kolleginnen und Kollegen, sie hin und wieder anrufen und loben, wie gut sie wieder waren und – ebenfalls hie und da – das machen, was Journalisten gerne machen würden: mutig sein. Man glaubt gar nicht, was dieses Verhalten in der Kollegenschaft und damit darüber hinaus auslöst. Er wird zum Star gemacht, zum Top-Journalisten, er bekommt Öffentlichkeit en masse und kommt damit in die engere Wahl, wenn es um Spitzenpositionen, um Hilfestellungen jedweder Art oder einfach nur um Name-dropping geht. Einer, der das schon immer ganz gut beherrscht hat, ist „Falter“-Gesellschafter und Herausgeber Armin Thurnher; ein anderer ORF-Anchorman Armin Wolf, der mit seiner Rede beim Hochner-Preis im Mai 2006 gegen die damaligen ORF-Oberen Monika Lindner und Werner Mück breites öffentliches Aufsehen erregte.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 48 bis 48. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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