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Special

„Nicht interviewbar“

Von Umfrage: Theresa Steininger

Wie gelingt es am besten, Politiker von ihren auswendig gelernten Stehsätzen abzubringen? Und die besonders "harten Nüsse" unter den Politikern?

Armin Wolf, ORF „ZiB“

Ich kenne eigentlich nur zwei Möglichkeiten, Politiker von ihren auswendig gelernten Stehsätzen abzubringen. Nämlich Fragen zu stellen, auf die sie keine Stehsätze vorbereitet haben, oder so lange nachzufragen, bis die Stehsätze ausgehen. Beides hilft nur begrenzt, weil immer mehr Politiker die Fragen schlicht ignorieren und ihre Stehsätze ganz unabhängig davon aufsagen – frei nach Henry Kissinger: „Hat jemand von Ihnen eine Frage für meine Antworten?“ Und es wird umso schwieriger, je weniger Zeit man für ein Interview hat.

Was besonders schwierige Beispiele betrifft: Karl-Heinz Grasser und Peter Westenthaler. Beide sind live de facto uninterviewbar. Aber die Zuseher merken es inzwischen. Nicht einfach ist auch der Bundespräsident, weil er gerne sehr ausführlich und differenziert antwortet und viele Zuseher es gar nicht schätzen, wenn man das Staatsoberhaupt unterbricht. Noch schwieriger ist das bei Kardinal Schönborn: Er ist doch mehr das Format der Predigt gewöhnt: große Themen, sehr viel Zeit, keine Zwischenfragen. Das ist in einem Sechs-Minuten-„ZiB 2“-Interview nicht ganz leicht.

Nina Horacek, „Falter“

Nach meiner Erfahrung ist die beste Zermürbungsstrategie für Stehsätze von Politikern neben einer gründlichen Vorbereitung, 1. nicht einen Fragekatalog abzuarbeiten, sondern ein Gespräch aufzubauen und 2. auf den Faktor Zeit zu setzen. In langen Interviews, in denen man als Interviewer immer wieder unerwartet die inhaltliche Richtung wechselt, gehen jedem Politiker irgendwann die Stehsätze aus. Für Print-Journalisten, speziell bei Wochenzeitungen, ist das natürlich leichter als für die Kolleginnen und Kollegen vom Fernsehen oder von Tageszeitungen, die unter hohem Zeitdruck stehen.

Als konkretes Beispiel kann ich die Recherchen zur H.C.-Strache-Biografie nennen, die ich gemeinsam mit der ORF-Journalistin Claudia Reiterer geschrieben habe. Da haben wir mit Strache keine kurzen Interviews, sondern ausführliche Gespräche über mehrere Stunden geführt, in denen wir ihn einfach reden ließen. Je länger er sprach, desto weniger einstudierter Politsprech kam. Und am Schluss hatte er sich so warmgeredet, dass er uns von sich aus erzählte, wie er einmal an einer Wehrsportübung des bekannten Rechtsextremisten und VAPO-Begründers Gottfried Küssel teilgenommen hatte.

Daniela Kittner, „Kurier“

Ich mache es ganz einfach: Politiker, von denen nur vorgestanzte Stehsätze zu erwarten sind, interviewe ich nicht. Das ist Zeitvergeudung. Das aktuelle Paradebeispiel ist Laura Rudas. Wenn man mit ihr spricht, bekommt man den OTS-Text von Presseaussendungen der SPÖ noch einmal aufgesagt. Es ist sinnlos.

Anders verhält es sich mit Politikern, bei denen ich merke, dass sie aus Unsicherheit Floskeln verwenden. Da schlage ich vor, dass man zuerst einmal offen redet, und dann ausmacht, was zitabel ist und was Hintergrund bleibt. Meistens merken die Politiker dann, dass ihre Botschaften mit einer geraden Formulierung besser rüberkommen als in gestanzten Floskeln. Und der Artikel bzw. die Leser gewinnen auch dadurch.

Andreas Koller,

„Salzburger Nachrichten“

Als Zeitungsjournalist tut man sich angesichts von Politiker-Stehsätzen relativ leicht: Man kürzt sie schlicht und einfach aus dem Interview. Was ja bei TV- und Radio-Livegesprächen naturgemäß nicht möglich ist. Sollte ein Politikerinterview ausschließlich aus Stehsätzen bestehen, ist es am besten, es nicht abzudrucken.

Ansonsten hilft nur: gnadenlos unterbrechen, gnadenlos nachfragen, gnadenlos auf der gestellten Frage beharren. Und sich gnadenlos vorbereiten, auf dass einen der Politiker mit seinen Stehsätzen nicht aufs Glatteis führen kann.

Gabi Waldner, ORF „Report“

Den meisten kommt man mit den klassischen Tugenden bei: inhaltlich sattelfest sein, gut zuhören, Interviewziel verfolgen. Wenn ein Politiker aber wild entschlossen ist, ausschließlich eintrainierte Phrasen zu dreschen, kann man das kaum verhindern. Schon gar nicht bei einem zeitlich befristeten Live-Gespräch. Dann bleibt nur mehr die journalistische Notwehr: die Taktik des Gegenübers bloßstellen. Das spricht dann eh für sich. Und gegen den Phrasendrescher.

Die Menschen sehnen sich nach klaren Aussagen, trotzdem eiern Politiker in Interviews herum. Warum, das ist mir seit Jahren ein großes Rätsel. Die schlimmste Erklärung wäre, sie haben keine Meinung. Die zweitschlimmste, sie haben zwar eine, aber nicht die Courage, zu dieser Meinung zu stehen. Ich fürchte, beides trifft mittlerweile sehr oft zu. Und vergällt den Leuten die Politik.

Günther Schröder, „Österreich“

Das wird leider immer schwieriger, weil die Politiker immer besser trainiert werden, ihre Botschaften anzubringen, egal, was sie gefragt werden. Dagegen hilft eigentlich nur, die Frage zu wiederholen und dann festzustellen, dass sie nicht beantwortet wurde. Aus meiner Sicht haben Jörg Haider und Wolfgang Schüssel massiv damit begonnen, sich vom Befrager gleichsam zu lösen und ausschließlich das zu sagen, was sie sagen wollen, und nicht das, was sie gefragt werden. Insistierte der Journalist auf seinen Fragen, so wurde Haider sehr ungehalten und hat einen angeherrscht, er lasse sich nicht verhören. Auch Schüssel setzte gleichsam die Autorität seines Amtes ein und ließ einen wissen, dass „ich die Fragen so beantworte, wie ich will“, oder er belehrte einen, dass die gestellte Frage eben nicht das ist, was wichtig sei: „Das ist nicht die Frage“ oder „Das interessiert doch Ihre Leser überhaupt nicht“. Heutzutage gehen fast alle Politiker mehr oder weniger so vor, Gusenbauer hat an Schüssel gleichsam nahtlos angeschlossen. Auch ein als sehr eloquent geltender Oppositionspolitiker erscheint mit A4-Zetteln zum Interview, auf denen die wichtigen Passagen mit Leuchtstift angestrichen sind. Die werden dann gnadenlos heruntergebetet und gegebenenfalls immer wieder wiederholt. Ein Interview-Dialog im eigentlichen Sinn gilt inzwischen schon als unprofessionell.

Hans Bürger, ORF

Spontan fiele mir ein: Die letzten Worte der Antwort zu übernehmen, sie umzuformulieren und die Frage inhaltlich unverändert nochmals zu stellen. Das ist bis zu drei Mal hintereinander möglich. Außerdem: Frühere Wortmeldungen des Gegenübers in die Frage einbauen: Ich habe Jörg Haider einmal gefragt: „Eigentlich darf ich Sie Trottel nennen.“ Haider entsetzt: „Sind Sie wahnsinnig?“ Ich: „Sie haben einmal gesagt:, Ich wäre doch ein Trottel, würde ich aus dem Süden die Regierungsarbeit stören.‘“ (Vizekanzlerin war damals „seine“ Riess-Passer).

Christoph Böhmdorfer,

„Datum“

Es kann nicht wirklich gelingen. Phrasen sind die Basis der politischen Kommunikation. Für Politiker gilt „stick to the message“. Als Journalist muss man hinnehmen, dass die vermeintlich spannenden Interviews mit hochrangigen Politikern die aussagelosesten sind. Daher ist mein Ansatz für Qualitätsjournalismus nicht, „originelle“ Fragen zu stellen, um „ehrliche“ oder „erfrischende“ Antworten zu bekommen. So schön das auch klingt, es funktio-niert nicht.

Was tun? Erstens: In das Interviewthema einarbeiten. Nur so erkennt man eine Phrase als solche und kann nachfragen. Zweitens – und das wird in Österreich viel zu selten gemacht: Politiker-Antworten nie unhinterfragt wiedergeben, sondern Phrasen als solche outen und sie in einen für den Leser verständlichen Kontext stellen. Beispiel Verwaltungsreform: Seit wann wird sie angekündigt? Wie oft hat der interviewte Politiker oder seine Partei schon von einer Verwaltungsreform geredet (gefühlte zwölf Fantasttrilliarden Mal) und warum ist nichts passiert?

Um die Stehsatz-Kultur zu verändern, müssen sich die Medien außerdem mehr trauen. Wenn ein Minister/Landeshauptmann/Klubobmann wieder einmal ein Interview ohne inhaltlichen Mehrwert gibt, sollte man sich trauen, es einfach nicht abzudrucken – mit dem Hinweis an den Pressesprecher, dass der Leser nicht mit Belanglosigkeiten gequält werden soll.

Herbert Lackner, „Profil“< /p>

Erfahrene Politiker wird man kaum daran hindern können, ihre geplanten Sager auch tatsächlich anzubringen. Man kann bestenfalls nachfragen und dabei die Inhaltsleere kritisieren. Anders ist es bei Neueinsteigern, die sind eher aus der Reserve zu locken. Ein wirklich guter Politiker hat es gar nicht notwendig, sich hinter Floskeln zu verstecken – der kann seinen Standpunkt jederzeit kommunizieren. Einer, der sehr gerne sehr unverbindlich antwortete, war etwa der frühere ÖGB-Präsident Anton Benya.

Rainer Nowak, „Die Presse“

Es gibt zwei Methoden: Entweder man wiederholt seine Frage so lange, bis dem Gegenüber sein Nicht-Antworten mittels Floskeln irgendwann zu blöd wird, oder man versucht, sie zu zerlegen. Das heißt, man macht höflich darauf aufmerksam, dass etwa der Satz „Bei uns zählen die Werte“ ein Allgemeinplatz ist, der im konkreten Fall nichts bedeutet. Stehsätze muss man einfach zurückschießen.

Oder man stellt für die Metaebene in einem Interview einfach kurz fest: „Sie wollen oder Sie können mir auf meine Frage nicht antworten. Versuchen wir ein anderes Thema, vielleicht wissen Sie dazu mehr.“ Gefahr dabei: Man wirkt als Journalist nicht übertrieben höflich, aber wenn man geliebt werden will, ist der Journalismus ohnehin der falsche Job. Konkret: Ernst Strasser durfte bzw. musste ich immer so interviewen. Ich stelle Frage A, er antwortet B, darauf sage ich: Warum sagen Sie nichts zu A? Er darauf: Was meinen Sie? Bei seinem Nachfolger Günther Platter habe ich einmal einfach sagen müssen: „Es ist leichter, eine Auster zu interviewen als Sie.“ Den Auster-Satz haben wir dann auch gedruckt …

Kurt Kuch, „News“

Oft gelingt es gar nicht. Mit hartnäckigem Insistieren kommt man noch am ehesten ans Ziel. Andererseits: Gerade die auswendig gelernten Stehsätze offenbaren – wenn sie im richtigen Kontext gebracht werden – die Defizite der betroffenen Politiker. Das klassische Politiker-Interview führe ich eher selten. Die ungleich häufigere Situation für mich ist jene, in der ich einen Politiker mit einem Sachverhalt konfrontieren muss, den er partout nicht zugeben kann oder will.

In besonderer Erinnerung sind mir da vor allem drei Politiker geblieben: Reinhart Gaugg und die Gagen-Fortzahlung nach seinem Rücktritt wegen seiner Alko-Fahrt, Peter Westenthaler und Uwe Scheuch. Bei Westenthaler ging es um die sogenannte „Prügel-Affäre“, bei der er alles abstritt – sogar vor Gericht, bei Scheuch um das Tonband, auf dem zu hören ist, wie er einem russischen Investor die österreichische Staatsbürgerschaft als „part of the game“ in Aussicht stellt. Bei Scheuch dauerte es zwei Wochen, bis er seine sehr speziell ausgeformte Teil-Amnesie ablegen konnte. Erst leugnete er das Gespräch, dann behauptete er, die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen, erst nach zehn Tagen kam er zu der Einsicht, dass er das von „News“ veröffentlichte Gespräch doch geführt hatte.

Eva Weissenberger,

„Kleine Zeitung“

Ich habe ein Print-Interview mit Heinz Fischer, als er noch Nationalratspräsident war, mit der Aufforderung begonnen: „Sagen Sie einmal etwas Kantiges!” Er hat sich bemüht, es aber trotz mehrerer Anläufe nicht geschafft. Ein anderes Mal fragte ich den damaligen Bundessprecher der Grünen, Alexander Van der Bellen, so oft, warum er so langweilig und durch nichts auf die Palme zu bringen sei, bis er dann doch grantig wurde und ein interessantes Gespräch herauskam. Den Schmäh kann man zwei Mal machen, dann wird auch das fad. Ebenso kann man alle halben Jahre ein Interview abdrucken, in dem ein Politiker nicht und nicht auf die Fragen antwortet. Aber öfter? Das wäre Leser-, Seher- und Hörerbelästigung. Meine Kollegen und ich, wir leisten es uns immer wieder, ein Interview, bei dem nichts herausgekommen ist, einfach nicht zu bringen. Das ist die einzige Maßnahme, die zumindest eine geringe Wirkung zeitigt: Wer nichts sagen will, kommt nicht zu Wort.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Special“ auf Seite 76 bis 81 Autor/en: Umfrage: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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