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Praxis

Nicht ständig uns selbst kopieren

Der international renommierte Designer Javier Errea über seine Philosophie der Einfachheit, seinen härtesten Job auf Puerto Rico und das neue "Journalist"-Layout.

Javier Errea, Ihre Arbeit wurde in den vergangenen Jahren mit et-lichen renommierten Preisen ausgezeichnet. Was ist – in kurzen Worten – Ihre Philosophie?

Ich bin Journalist und meine Arbeit ist journalistisch. Ich habe nie Design studiert. Alles, was ich versuche, ist, einfach News am besten zu erzählen. Unsere erste Aufgabe ist ganz klar das Storytelling, da gibt es keinen Platz für reine Ästhetik. Aber natürlich liebe ich Design und speziell Typografie.

Wie haben Sie Ihren eigenen Stil entwickelt?

Glauben Sie, ich habe einen eigenen Stil? Ich könnte das gar nicht sagen. Aber wer weiß, vielleicht haben Sie recht. Ich würde dann sagen, Einfachheit ist mein Stil: Weniger ist mehr. Das klingt wohl nicht sehr originell, aber ich glaube an die Einfachheit. Im Zweifel werfe ich Vorschriften, Regeln und dekorative Elemente lieber raus. Nachrichten und Inhalte kommen zuerst. Ich habe das als Reporter und Redakteur selbst gelernt, als ich begann, eigene Layouts zu machen, nachdem die Texte geschrieben waren. Ich habe nie einen Kurs für Indesign oder QuarkXPress besucht. Das geschah alles sehr intuitiv. Viel lesen und kopieren von den Meistern ist natürlich genauso wichtig wie ständiges Lernen und Schauen. Klingt wieder nicht sehr originell.

In den vergangenen Jahren wurde die Halbwertszeit von Zeitungs- und Zeitschriftenlayouts immer kürzer. Ein Relaunch jagt den nächsten. Gibt es in der Branche einen naiven Glauben ans Design?

Naiv? Überhaupt nicht! Gutes, effizientes Design ist nötiger als jemals zuvor. Wir leben einfach in einer schnelllebigen Zeit. Wir sind alle nicht mehr sehr geduldig. Das ist der Grund, warum wir alle ständig vieles wechseln: unsere Kleidung, das Auto. Mein Eindruck ist, dass wir keine Zeit mehr haben, etwas wirklich zu genießen und zu schätzen. Nehmen Sie das Reisen. Ich erinnere mich, wie ich einmal die Akropolis in Athen besuchte. Ich war überwältigt von der Schönheit und der Geschichte. Viele der Besucher dort schauten sich den Ort gar nicht an, sondern begannen lieber, Bilder zu schießen. Wissen Sie was? Ich bin überzeugt, dass wir dringend wieder ruhiger leben müssen. Wir müssen wieder lernen, wie man Orte wirklich fühlt und erfährt. Das ist ähnlich wie mit Design. Am Ende ist Design Storytelling. Neuerungen sind gut, aber gutes Design ist dauerhafter.

Gerade in dieser Krise setzen viele Medienunternehmen große Hoffnungen in neue Designlösungen. Oft gibt es – zumindest im deutschsprachigen Raum – kaum Effekte im Lesermarkt. Warum?

Wir leben in so schwierigen Zeiten in dieser Branche. Natürlich erwartet man immer einen Return on Investment, das gilt auch für Design. Aber es ist ein großer Fehler, mitten in einer Krisensituation einen Redesign-Prozess zu beginnen. Ein Redesign ist so viel einfacher, wenn man ihn in einer wirtschaftlich gesunden Zeit macht. Dazu kommt, dass es ein ständiger, nie endender Prozess ist. Man sollte immer darüber nachdenken und wach bleiben. Jedes Redesign ist aber natürlich auch eine unglaubliche Möglichkeit, alles zu überprüfen: die ganze Nachrichtenorganisation, die Struktur der Inhalte und wie wir arbeiten und interagieren.

In einem Interview kritisierten Sie einmal, dass viele Medien und Chefredakteure zu konservativ und ängstlich sind. Viele Leser sind eben konservativ. Das traditionelle Risiko ist es, die Stammleser zu verlieren, ohne dass neue kommen.

Ich glaube genau das Gegenteil. Sollte man stattdessen eine Palliativ-Strategie wählen, ohne sich für irgendwas zu entscheiden, Kosten kürzen und Geld sparen – dann sind Sie tot. Ich verstehe Ihren Einwand, aber vielleicht ist genau das die He-rausforderung in unserer Branche. Verlage haben über Jahrzehnte viel Geld verdient, jetzt ändert sich das Geschäftsmodell. Was wir brauchen, ist Qualität und keine Kostensenkungsprogramme.

Was sind die globalen Trends im Zeitungsdesign?

Das ist wirklich extrem schwer zu sagen. Die Leser unterscheiden sich von Produkt zu Produkt. Man kann nicht sagen, was generell gutes oder schlechtes Design ist. Design muss letztlich effektiv sein und personalisiert. Ich hasse es, wenn einige Professoren und Sprecher gutes Design typischerweise als elegant und klar beschreiben. Das kann in einigen Fällen funktionieren. Aber es gibt Unterschiede zwischen einer gediegenen Wochenzeitung und einer täglichen Boulevardzeitung. Ich sage immer, dass „Primera Hora“ auf Puerto Rico (s. nächste Seite) das schwierigste Projekt war, bei dem ich je dabei war. Die Zeitung ist eine moderne, intelligente, wirklich erfolgreiche Boulevardzeitung mit allem, was dazu gehört. Sie können sich nicht vorstellen, wie schwierig es für einen Designer ist, damit umzugehen. Das war eine faszinierende Erfahrung! Vielleicht kann man sagen, dass das Experimentieren mit neuen erzählenden Elementen ein Trend ist.

Können Sie Beispiele nennen?

Storytelling ist ein weites Feld. Sie haben viele Möglichkeiten, nicht mehr nur Worte und Fotos. Das neue Publikum akzeptiert auch Zeichnungen, Diagramme, Comics und Witze, um sich zu informieren. Prestige und Renommee basieren nicht auf den traditionellen Erzähltechniken. Genau das wollen viele Führungskräfte nicht wahrhaben. Das meine ich, wenn ich sage, unsere Branche ist konservativ.

Sehen Sie Trends im Magazin-Bereich?

Da ist die Bandbreite noch größer und das Publikum segmentierter. Ehrlich gesagt kann ich dazu nichts sagen. Eine interessante Sache in diesem Zusammenhang sind aber die sogenannten E-Magazines. Da sehe ich faszinierende neue Möglichkeiten.

Sie arbeiten international in vielen Ländern. Gibt es so etwas wie ein universelles Gefühl für ästhetisches Mediendesign?

Ein inspirierendes Design, würde ich sagen! Elegant und klar, das ist mehr oder weniger verallgemeinerbar. Wir tauschen diese Werte überall in der Welt mehr als jemals zuvor aus. Der Grund ist einfach: Führungskräfte und Unternehmer treffen sich heute bei Kongressen, reisen gemeinsam in der Businessclass, tauschen Bücher und Referenzen. Wir kopieren heute die ganze Zeit. Anstatt selbst nachzudenken, imitieren wir lieber die erfolgreichen Modelle anderer. Ich kann heute extrem ähnliche Zeitungen in Brasilien, Russland, Italien und den Emiraten finden. Ist das fair? Ist das verantwortlich? Überhaupt nicht! Wir sollten als Profis der Versuchung widerstehen, uns ständig selbst zu kopieren oder die Kundenwünsche zu erfüllen und einfach kopieren, was wir an einem anderen Ort gut fanden. In dieser Welt der Globalisierung sollten wir auf eigenen kulturellen Akzenten bestehen.

Sie haben als Europäer für eine arabische Zeitung in Dubai gearbeitet. Wie haben Sie das gemacht, ohne die Sprache zu verstehen?

Gute Frage. Die Antwort ist schwierig. Vermutlich war ich naiv und ein bisschen verrückt. Obwohl es solche großen Unterschiede gibt, kann man aber zusammen arbeiten. Und das war es schließlich, was ich gemacht habe. Aber ich kann sagen, dass ich mehr gelernt habe, als ich vermitteln konnte. Ich lernte viel über die arabische Welt und die arabischen Werte. Und am Ende hat es funktioniert, weil beide sich ungemein angestrengt haben, den anderen zu verstehen. Ich sagte mir: Javier, hör zu, nimm nichts als selbstverständlich, respektiere, dass das Leben langsamer ist. Dutzende von kleinen Details sind in der arabischen Welt extrem wichtig. Wir nahmen diesen Weg und es funktionierte.

Wie sehen Sie den Einfluss des Internets. Wer passt sich an wen an?

Magazine und Zeitungen können sich vom Internet nicht abkoppeln. Schließlich werden diese Produkte in der heutigen Zeit gemacht und vertrieben. Und das Internet spielt dabei die Hauptrolle und keine Nebenrolle. Das muss man wissen oder man wird scheitern. Aber gedruckter Journalismus ist anders als das Internet. Diejenigen Zeitungen oder Magazine, die versuchen, wie digitale Seiten im Internet auszusehen, liegen falsch. Das ist meine bescheidene Meinung. Das funktioniert überhaupt nicht. Da können Sie viele lächerliche Beispiele in vielen Ländern finden. Ich
sage lieber nicht wo.

Wie wird die kommende Generation mobiler Endgeräte oder Lösungen wie das iPad die Print-Medien beeinflussen?

Das wird einen tief greifenden Einfluss haben. Aber nicht, weil Printmedien sich den mobilen und digitalen Anwendungen annähern. Print-Medien müssen ihren eigenen Weg gehen. Einen ganz eigenen und unabhängigen Weg. Ich habe auch keine Zauberlösung. Was ich aber sagen kann: Es ist nicht richtig, dass Print-Medien sich auf Analyse konzen-trieren sollten und Online-Medien auf die Nachrichten. Das ist nur eine Entschuldigung von vielen Verantwortlichen, um das bisherige Modell überleben zu lassen.

Was ist die Idee hinter dem neuen „Journalist“-Design?

Der „Journalist“ ist ein sehr professionelles Magazin für eine kleine Zielgruppe. Diese spezielle Leserschaft verlangt ein elegantes, klares, nüchternes und sauberes klassisches Produkt. Wir haben daher ein anspruchsvolles und aussagekräftiges grafisches Modell verfolgt, um die Leser noch besser anzusprechen: Ruhig mit kleinen Überschriften, wenig Farbe, intelligente Illustrationen, moderner Look.

Auf dem Weg dahin gibt es ja immer Diskussionen und unterschiedliche Meinungen. War es einfacher, mit uns vom Medienfachverlag Oberauer zu arbeiten oder in der arabischen Welt?

Ja, ja, ja … Ehrlich gesagt war es in der arabischen Welt dann doch noch schwieriger.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 92 bis 93. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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