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Praxis

Religion ist „nicht so sexy“

Kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisse für Journalisten.

Wenn nicht gerade die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann mit 1,54 Promille in eine Alkoholkontrolle gerät und damit die Pädophilie gestrauchelter katholischer Priester temporär aus den Schlagzeilen verdrängt, tun sich die Protestanten offenbar schwer, sich in der Medienberichterstattung den ihnen „gebührenden“ Anteil zu sichern. Selbst im Land von Zwingli und Calvin stehlen der Islam und der Katholizismus ihnen mühelos die Show. Carmen Koch von der Zürcher Hochschule Winterthur hat über ein Jahr hinweg Schweizer Tageszeitungen und Nachrichtensendungen inhaltsanalytisch auf ihren Umgang mit Religion hin untersucht. Ihr Ergebnis: „Der Anteil der Beiträge, die sich mit dem Protestantismus beschäftigen, ist verschwindend klein.“ Möglicherweise fehle „dem Protestantismus eine interessante Führungsperson, wie die Katholiken sie mit dem Papst haben“.

Ergänzend haben Vinzenz Wyss und Guido Keel (beide ebenfalls Zürcher Hochschule Winterthur) 35 Schweizer Journalisten über ihren Umgang mit Religionsberichterstattung interviewt. Ihre qualitative Studie bestätigt, dass Religion selten ins Zentrum der Berichterstattung rückt. Das Thema werde in den Redaktionen als „nicht so sexy“ wahrgenommen. Man müsse Religion zusammen mit Sex, Gewalt, Erziehung, Schule oder Staat thematisieren – am besten in skandalösem Zusammenhang.

Nur einige der befragten Journalisten sehen in der Religion ein vernachlässigtes Thema. Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch die Religionszugehörigkeit der Journalisten selbst: 32 Prozent von ihnen sind in der Schweiz evangelisch, 31 Prozent katholisch. 34 Prozent sind konfessionslos – und bilden damit die größte Gruppe. Es scheint, als müssten vor allem die Protestanten, aber auch andere Religionsgemeinschaften vermehrt für den „lieben Gott“ PR machen, wenn sie öffentlich wahrgenommen werden möchten. Der Dalai Lama lässt grüßen. Bei der Berichterstattung über Buddhismus nimmt er nämlich, so Carmen Koch, eine „außerordentliche, dominierende Position ein“, was sich einzig „mit der Prominenz dieses Akteurs“ erklären lässt.

Quellen: Carmen Koch: Das Politische dominiert, und Vinzenz Wyss/Guido Keel: Religion surft mit, in: „Communicatio socialis“, 42. Jg./Heft 4, 2009

Karriere: Burn-out kurz nach dem Start

Gewiss, bei Rankings ist Misstrauen angesagt. Dennoch ist es ein Alarmsignal, wenn es der Zeitungsreporter in der jüngsten Bewertung begehrenswerter Berufe seitens der amerikanischen Karrierehelfer-Website careercast.com gerade mal noch auf den 184sten Rang bringt – noch knapp vor dem Müllmann und dem Metzger. Die Spitzenplätze errangen Versicherungsmathematiker, Informatiker und Biologen. Getestet wurden Arbeitsumfeld, körperliche Anstrengung, Stress-Faktor sowie Einkommen und zukünftige Jobchancen. Selbst der Chefredakteur, einst wahrlich ein Traumberuf, landete nur auf Rang 65 – in guter Gesellschaft mit dem PR-Experten, der auf Platz 79 folgt. Bereits 2005 hatte es der Journalismus in einem anderen Ranking geschafft, in die Gruppe der Top 10 der stressigsten Jobs „aufzusteigen“. Die Berufszufriedenheit, das haben Umfragen immer wieder gezeigt, hat in den letzten Jahren dramatisch abgenommen.

Besonders deprimierend ist allerdings, wie der Berufsalltag auf junge Frauen wirkt: Mehr als 30 Prozent der amerikanischen Journalistinnen unter 27 gaben zu Protokoll, dass sie ihren Job an den Nagel hängen wollen – so eine Studie, in der Scott Reinardy (University of Kansas) 715 US-Journalisten beiderlei Geschlechts befragt hat. Bereits unter dem Nachwuchs gebe es, so berichtet der Forscher, sehr häufig die typischen Zeichen für Burn-out: Erschöpfungssymptome und Zynismus würden um sich greifen – und dann lasse auch die Effektivität in der beruflichen Arbeit schnell nach.

Quellen: http://www.careercast.com/jobs/content/top-200-jobs-2010-jobs-rated / Scott Reinardy: Female Journalists More Likely to Leave Newspapers, in: „Newspaper Research Journal“, Vol. 30, Nr. 3, Summer 2009, 42-57

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 108 bis 109. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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