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Special

Run auf den Traumberuf

Die Journalistenausbildung ist überfüllt, die Universitäten dämmen den Zustrom künstlich ein.

Die finanzielle Attraktivität des Journalistenberufs mag so schlecht sein wie selten zuvor – der Zustrom der nachwachsenden Generation hält ungebrochen an. Die drei Publizistik-Institute der Universitäten in Wien, Klagenfurt und Salzburg sind zwar nicht berufsausbildende Institutionen, sondern dienen laut Definition der „wissenschaftlichen Berufsvorbildung“. Das schließt aber nicht aus, dass die meisten Studentinnen und Studenten doch den „Traumberuf“ Journalismus oder zumindest ein Berufsfeld im weiteren Kommunikationsbereich unmittelbar im Auge haben, wenn sie sich an einer Uni inskribieren.

Ergebnis:

Allein in Wien studieren derzeit rund 6.000 junge Menschen am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, um auf einer von drei Ebenen zum Ziel zu gelangen: Bakkalaureat, Magisterium, Doktorat. Überfüllung ist allein durch die Zahl der Neuinskribenten nachweisbar: 2008 gab es im Wintersemester rund 1.000 Neue, im Wintersemester 2009/10 waren es bereits 1.500. Folge: Die Publizistikinstitute der genannten Landeshauptstädte ziehen zum zweiten Mal die Notbremse und beantragen für das im Herbst beginnende Wintersemester 2010/11 ein „Aufnahmeverfahren“ nach Paragraf 124b wegen übermäßiger Steigerung der Studentenzahlen. Mit anderen Worten heißt das, dass die Institute alle 1.500 oder noch mehr, die inskribieren wollen, einem Aufnahmetest unterziehen werden. Dessen Ergebnis wird die Zahl auf unter 1.000 drücken. Damit wäre der Pegelstand auf die Marke des Jahres 2008 zurückgeführt.

Damals blieben dank Aufnahmetest 962 Glückliche übrig. Bald darauf fand freilich die berüchtigte Nachtsitzung des Nationalrates kurz vor der Nationalratswahl statt, in der sich die Parteien alles wünschten und auch gleich in Gesetzesform gossen, was sie wollten. Mit der Folge, dass nicht nur die Studiengebühren gekippt wurden, sondern auch die Zugangsbeschränkungen bei Publizisten fielen. Diese politische Narretei bewirkte den neuerlichen Zustrom an die Universitäten, der jetzt bekämpft werden muss. Dass das künftige Publizistikinstitut der Universität Wien noch lange nicht gebaut ist, darum kümmerten sich die Parlamentarier der „Regenbogenkoalition“ nicht.

Strenge Auswahl in Fachhochschulen.

Diese Vorgänge tragen dazu bei, dass ein universitäres Publizistikstudium in der Branche keine ungeteilte Anerkennung findet, sondern mitunter gegenüber den zwei Journalismus-Fachhochschulen abfällt – sagen Kritiker. Während die Unis den freien Studienzugang bewältigen müssen, ohne dass ihnen der Staat die auf die Zahl der Studienplätze bezogene Finanzierung sichert, können sich die Fachhochschulen im Schlaraffenland fühlen – relativ, wie Reinhard Christl, Studiengangleiter für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien, sofort einschränkt. Die Fachhochschulen wählen durch strenge Aufnahmeverfahren aus der Flut der Bewerber die Geeignetsten aus und haben für jeden die entsprechende personelle Ausstattung im Lehrkörper. Das gilt für die Fachhochschule Wien und das Joanneum in Graz.

Pro Jahr werden an der FH-Wien im Studiengang Journalismus und Medienmanagement je 37 Studierende für den Bachelor- und Master-Degree aufgenommen. Jeder dieser Studienplätze wird vom Bund mit 5.500 Euro pro Jahr voll finanziert. Die Studierenden zahlen die Semestergebühr von 363,63 Euro. „Damit sind wir besser ausgestattet als die Universität mit ihrem Massenbetrieb“, versichert Christl. Das Gesamtbudget von rund 1,2 Millionen im Jahr reicht, wenn man einige Sponsorenbeiträge und ein paar Aktivitäten der Gemeinde Wien hinzuzählt. Die Wirtschaftskammer Wien, die die FH betreibt, hat somit keine finanziellen Belastungen. Der Andrang ist groß – jeweils zu Beginn eines neuen Lehrgangs melden sich rund 500 Anwärter.

Im Schnitt verlassen 30 Bachelors pro Jahr die FH, um im Beruf einzusteigen oder weiterzumachen. Den ersten zwei Jahrgängen von Absolventen (nach sechs Semestern Ausbildung) sei das bestens gelungen, der aktuelle dritte Absolventen-Jahrgang spüre die Wirtschaftskrise. Es sei nicht mehr so leicht unterzukommen.

Christls neuestes Projekt, das schon in der Realisierungsphase mit Start im Herbst ist, ist das fortführende zweijährige „Master“-Studium, das auch Absolventen von Universitäten und anderen Fachhochschulen offensteht. Versprochen wird eine „absolut praxisnahe, solide Berufsausbildung zu hoch spezialisierten Qualitätsjournalisten für Print, Radio, TV und Online-Medien“. Christl hält das Angebot vor allem für jüngere, bereits im Beruf stehenden Journalisten geeignet, denn das Studienprogramm wird an drei Abenden der Woche und an einigen Samstagen abgewickelt.

Journalismus und PR.

Die zweite Journalisten-Fachhochschule im Joanneum in Graz bietet den Studiengang Journalismus und Public Relations (PR) an. In dieser Kombination seien die Berufsaussichten breiter, ist Studiengangleiter Heinz M. Fischer überzeugt. Journalismus und PR würden gleichwertig behandelt. Pro Jahrgang gibt es nur 25 Studienplätze, freilich auch dafür jeweils rund 200 Bewerber. Im Unterschied zu Wien zahlen die Studierenden für die Ausbildung zum Bachelor nichts. Das Joanneum ist steirische Landessache.

Die Medien – vom ORF und den privaten elektronischen Medien bis zu den Tageszeitungen und Magazinen – sind in ihrer Personalpolitik völlig frei und setzen eigene Akzente, was Berufsausbildung betrifft. Das sozialpartnerschaftlich konstruierte Kuratorium für Journalistenausbildung bietet das bekannteste Angebot flankierender Ausbildungsgänge. Nicht nur, dass Kurzlehrgänge für Spezialthemen wie Recherchieren, Interview, Kommentar, Kunst des Moderierens und Schreiben für das Internet in insgesamt 66 Seminaren (2009) angeboten werden, steht es den Medien frei, junge Journalisten in das Journalisten-Kolleg zu schicken, das eine breite Grundausbildung innerhalb von vier Dreiwochen-Paketen vorsieht. Nicht alle Zeitungen nehmen das Angebot in Anspruch, manche ziehen Ausbildungen im eigenen Haus vor, beispielsweise der ORF mit „human ressources“ und einige Zeitungen mit Lehrredaktionen.

Überfüllt sind sowieso alle.

Der vor Kurzem verstorbene Leiter des Kuratoriums, Meinrad Rahofer, hat die Problematik mangelnder Arbeitsplätze kurz vor seinem Tod deutlich ausgesprochen: „Insgesamt kann man davon ausgehen, dass die Chancen, im tagesaktuellen Journalismus unterzukommen, derzeit gering sind. Echte Berufseinsteiger sehen sich einer großen Zahl an Praktikanten gegenüber, die billig oder gratis ihre Dienste anbieten.“

Die designierte Nachfolgerin in der Leitung des Kuratoriums für Journalistenausbildung, Elisabeth Wasserbauer, kennt das Problem der Kostenfrage aus ihrer langjährigen Tätigkeit zur Genüge. Der Hauptteil des Budgets kommt aus dem Ausbildungstopf der staatlichen Presseförderung und wird hauptsächlich für das Journalisten-Kolleg aufgebraucht. Die Einzelseminare finanzieren sich durch die Beiträge der Teilnehmer. Wasserbauer sieht voraus, dass an einigen Positionen gespart werden muss. Eine Erleichterung könnte durch verstärkte Nutzung des Internets im Studienbetrieb geschaffen werden, indem Lehrende einen Teil ihrer Funktion via Internet und ohne Anwesenheit erledigen könnten. „Wir sind mit den Geldmitteln extrem knapp und haben nie prassen können“, sagt Wasserbauer.

Abseits vom Kuratorium haben sich mit öffentlicher oder privater Förderung andere Ausbildungsstätten entwickelt. In Oberösterreich gibt es die Oberösterreichische Journalistenakademie. Einen qualitativ hochwertigen, mit strenger Auslese verbundenen Lehr- und Praxisgang hat die Katholische Medienakademie zu bieten, in der die weltanschauliche Ausrichtung der Teilnehmer eine Rolle spielt. Ihre Vernetzung mit Medien, die während oder nach der Ausbildung junge KMA-Seminaristen wenigstens kurzzeitig aufnehmen, ist dicht.

Die bisherige Aufzählung der Ausbildungsmöglichkeiten kann nicht vollständig sein, weil die Grenzen fließend sind. Einzelne Hochschulen bilden „Medienschwerpunkte“, ohne formale Ausbildungswege. Egal, welche
n Weg die einzelnen Berufsanwärter wählen, eine Grundregel dürfte auf jeden Fall stimmen: Wesentlich ist, dass die künftigen Journalisten und Journalistinnen in einem Studienzweig eine gründliche Ausbildung genossen haben und sich die mediale Theorie samt nötigem Handwerkszeug notfalls in flankierenden Angeboten beschaffen.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Special“ auf Seite 66 bis 67. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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