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Über die Aufrichtigkeit

Ist es legitim, der einem selbst nützlicheren Wahrheit aktiv zum Durchbruch zu helfen?

Bin ich aufrichtig, wenn ich, gefragt nach meiner eigenen Aufrichtigkeit, mich aufrichte, mein stetiges Streben nach derselben betone und gleichzeitig auf das Inhomogene, Inkonstante, Wechselhafte meiner Person verweise? Persönlich sieht man eine Sache meist weit differenzierter, als man sie veröffentlicht. Oder mitunter auch einfacher, lapidarer? Aber nicht selten kennt man seine eigene Meinung längst, bevor man sich mit einem Thema überhaupt erst auseinandersetzt, weil sie sich quasi von selbst ergibt aus den schon früher gefassten Meinungen? Weil man zu faul ist, alles neu und von Grund auf zu bedenken? Weil man selbst abfärbt? Der Beobachtende bestimmt ja das Beobachtete. Heisenberg’sche Unschärferelation. Um die Wassertemperatur zu messen, hält man einen Finger rein, was sich unmittelbar durch den Wärmeaustausch auf die Temperatur des Wassers auswirkt. Das gilt umgelegt auch für Kritiker, Journalisten, ja, alle Schreiber: Man legt den Finger rein und das verändert.

Ist es aber legitim, der einem selbst nützlicheren Wahrheit aktiv zum Durchbruch zu helfen, wie es beispielsweise im Frühjahr 2010 ORF-Journalisten des Fernsehmagazins „Am Schauplatz“ vorgeworfen wird, wenn es heißt, sie hätten im rechtsextremen Tümpel verloren gegangene Jugendliche dazu animiert, bei einer Kundgebung der FPÖ „Sieg Heil“ oder Ähnliches zu rufen? Ein Fernsehjournalist muss, um einen sehenswerten Beitrag zusammenzubringen, Wirklichkeiten konzentrieren, aus den Menschen vor der Kamera etwas he-rauskitzeln, zusammenschneiden, komprimieren. Er will schließlich etwas zeigen. Meist weiß er, was er zeigen will, weil er es schon einmal gesehen hat – also muss es so nachgestellt werden, wie er es sich vorstellt. Oder er sieht zufällig etwas und lässt es filmen, das es sonst noch nie gegeben hat und auch nie wieder geben wird. Ganz egal wie, in den meisten Fällen wird er es als typisch ausgeben, als etwas ständig zu Beobachtendes.

Dabei ist das Leben nie so wie im Fernsehen. Obwohl gerade das Fernsehen vorgibt, ständig Leben abzubilden. Niemand würde sich so benehmen, wie er sich benimmt, solche Sätze sagen, wie er sie sagt, wenn er nicht gerade im Fokus einer Kamera wäre. Das gilt für ziemlich alle Programme, außer für „Versteckte Kamera“, wo auch die Wirklichkeit manipuliert wird. Es gilt sogar für das sogenannte Reality-TV. Überall wird scheinbar Wirklichkeit vermittelt, wie es sie so wirklich nicht gibt. Und nicht sehr viel anders, behaupte ich jetzt einmal, ist es in den Print-Medien, die Wahrheiten verkaufen, ihre Wahrheiten, die das nachstellen, was sich ein Autor darunter vorstellt. Was ist Wahrheit? Ein Segment einer widergespiegelten Wirklichkeit, teilweise mit dieser übereinstimmend. Diese Definition stammt von mir und beinhaltet folgende Parameter: Keine Wahrheit kann alle Wirklichkeit betreffen. Keine Wahrheit stimmt restlos mit der Wirklichkeit überein. Darüber kann man diskutieren. Ich aber glaube, und das ist auch die Essenz dieser Definition, die ganze Wahrheit gibt es nicht und die einzelne ist nicht immer gültig.

Lassen wir das mal so stehen. Und dennoch sterben für die Wahrheit jährlich Tausende Journalisten, weil sie für ihre Wahrheit eingestanden sind, weil ihre Wahrheit für andere eine Gefahr bedeutete, weil ihre Wahrheit drohte, die Wirklichkeit zu ändern. Die Pressefreiheit ist eines der höchsten Güter einer Gesellschaft. Wir erachten sie als selbstverständlich. Nach meiner obigen Definition ist es aber gar nicht sicher, ob wir sie überhaupt haben. Manche, nein, eigentlich alle Redaktionen haben nämlich so eine Art Fraktionszwang, die den einzelnen zwingt, sich in die Linie der Anstalt oder des Blattes einzufügen. Unmerklich, unausgesprochen und doch vorhanden. Der einzelne Journalist, ob es ihm passt oder nicht, muss also die Wirklichkeit so darstellen, dass sie dem Medium passt. Wie sehr er sich selbst dabei verbiegen muss, wie sehr er das mit seiner privaten Aufrichtigkeit verbinden kann, spielt keine Rolle. Stets sind es höhere Weltanschauungen, die die dargestellte Wahrheit in ihrem Sinn beeinflussen.

Das mag jetzt alles sehr ernüchternd klingen und es legitimiert auch keine reporterlichen Anstiftungen zu Sieg-Heil-Rufen. Nur ist es so, dass sich in Wirklichkeit solche Anstiftungen der Wirklichkeit keineswegs vermeiden lassen. In kleinerer oder größerer Form finden sie dauernd statt, müssen sie stattfinden und sind sie vielleicht sogar in Ordnung, so der momentane gesellschaftliche Konsens, wenn eine richtig gerichtete Aufrichtigkeit dahintersteckt. Wenn ein Journalist gegen ein tyrannisches System, gegen Umweltsünder oder sonst etwas Böses arbeitet, sind sie erlaubt. Sonst nicht.

Da wären wir wieder bei der Frage nach der Aufrichtigkeit. Was ist gut und was ist böse? Tierschützer sind gut und Massentierhaltungsbetriebe sind böse. Sozial eingestellte Politiker sind gut, korrupte böse, usw. Aber auch diese Einschätzung wird, hier beißt sich die Sache in den Schwanz, durch Medien vermittelt. So wie es auch humane KZ-Aufseher und brutale Häftlinge gegeben hat, gibt es vielleicht auch liebenswerte Massentierhalter, gutherzige Menschenhändler und vertrottelte Tierschützer. Nichts ist ausgeschlossen. Sie, liebe Journalisten, können also schreiben und berichten, was und wie Sie wollen, es manipuliert so oder so die Wirklichkeit und kommt der Wahrheit bestenfalls nahe. Sie dürfen auch Leute zu Falschaussagen oder spektakulären Handlungen animieren, weil sich das im Kleinen ohnehin nicht vermeiden lässt. Sie können also gleich ihrer Fantasie freien Lauf lassen und so etwas machen wie die Zeitung, es gab sie wirklich, die nur aus erfundenen Meldungen bestand.

Nein, das ist zu fatalistisch? Sie fühlen sich einem Glauben an die Wahrheit verpflichtet? Einer Ethik? Anstand und Moral? Aber warum? Weil Sie das gelernt haben? Oder weil es gut ankommt? Weil es notwendig für Ihre Karrie-re ist? Seien Sie einmal aufrichtig, wie vielen von diesen Werten fühlen Sie sich auch privat verpflichtet? Wie oft denken Sie ganz anders, als Sie schreiben, weil Sie glauben, dass es so geschrieben werden muss, weil es politisch korrekt und somit auch bequemer ist? Öffentlich würden Sie nichts davon zugeben, aber wenn Sie mit sich allein sind? Wie oft formulieren Sie nur das, was Sie schon zu wissen glauben? Und wie oft wollen Sie etwas nur so verstehen, wie Sie es verstehen wollen.

Seien wir also aufrichtig: Wir können gar nicht aufrichtig und ehrlich sein. Bestenfalls können wir uns ein Aufrichtigkeits- und Ehrlichkeitsmäntelchen zulegen, das wir dann bei Bedarf überwerfen. Wir können uns eine Gutmenschmaske aufsetzen, an der Humanitätsleier drehen – und dabei in Gedankenlosigkeit erstarren. Trotzdem, und das ist Ihre Aufgabe, meine lieben Journalisten, müssen Sie sich bemühen, offen zu bleiben, ehrlich, aufrichtig, unvoreingenommen, auch wenn das heißt, die eigene Trägheit zu überwinden. Sie müssen sich, was vielleicht zum Schwierigsten überhaupt gehört, immer wieder selbst hinterfragen und neu definieren. Niemand schafft das ständig. Aber wenn Sie es zumindest manchmal schaffen, haben Sie Grund, wirklich und wahrhaftig stolz auf sich zu sein – und das meine ich ganz aufrichtig.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 34 bis 35. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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