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Medien

Wie viel Journalismus steckt im Privat-TV?

Elektronische Medien zwischen Anspruch auf Relevanz und Boulevard: Der Journalismus im Privatfernsehen hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert.

Von welcher Seite aus man das Verhältnis von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern auch betrachten mag – sowohl in Österreich als auch in Deutschland -, eins hat sich in den vergangenen 25 Jahren kaum verändert: Den Privaten hängt noch immer irgendwie der Stallgeruch von „Tutti Frutti“ an, während die Öffentlich-Rechtlichen Seriosität, Glaubwürdigkeit und journalistische Qualität quasi per se ausstrahlen, selbst wenn diese manchmal wie in Ärmelschonern daherkommen. Und so geschieht es allabendlich, dass sich in Österreich um 19.30 Uhr und in Deutschland um 20.00 Uhr eine Vielzahl von Zuschauern vor den TV-Geräten versammeln, um „ZiB 1“ bzw. „Tagesschau“ zu konsumieren, während die Privatsender ihre Nachrichtenformate in der Mehrzahl hübsch rund um diese täglichen Fixpunkte gruppieren oder zu diesen Zeiten sogar ganz darauf verzichten, um nicht sinnlos mit Wasserpistolen auf Elefanten zu schießen.

Dabei hat sich seit den Zeiten Hans Mahrs und seinen lockeren Sprüchen wie „Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler“ vieles beträchtlich verändert, und gerade auch RTL hat seit „9/11“ in News-Formate und journalistische Qualität investiert, ebenso wie viele andere Privatsender, wenn auch der Zugang zu Storys oft noch immer eher auf der Infotainment-Schiene daherkommt und weniger auf der puren, nüchternen, versachlichten Information. Andererseits: Wenn über den Einfluss der Politik auf öffentlich-rechtliche Sender geredet wird – und das betrifft, wie nicht nur Intendanten-Wahlen in Deutschland auch immer wieder zeigen, nicht allein den ORF -, so können sich die Privaten ganz gut mit breiter Brust hinstellen und sagen: Sie wünschen was? Bitte wenden Sie sich an unsere Kummer-Nummer.

Die Geschichte des privaten Rundfunks in Österreich ist eine vergleichsweise junge, aber unter den gegebenen Voraussetzungen eigentlich ganz erfolgreiche. Und was die Investitionen in journalistische Formate angeht, so hat man hier seit den tastenden Anfangsschritten von Sendern wie W 1, Steiermark 1 oder auch Salzburg-TV viele Fehler vermieden, wie sie deutschen Privatsendern anfangs unterliefen. Eine vergleichende Studie der Rundfunk- und Telekomregulierungs GmbH (RTR), die die Programmstrukturen österreichischer Sender jeweils im Frühjahr 2007 und 2009 untersuchte, kam sogar zu dem Schluss, dass der Anteil von Nachrichtensendungen bei ORF 1 2009 bei 2,1 Prozent lag (ORF 2: 6,4 Prozent), während etwa Puls 4 schon auf 3,3 Prozent verweisen konnte und (im Vergleichszeitraum) einen Anteil von 3,8 Prozent bei Interview- und Talkformaten aufwies, während hier allein ORF 2 beteiligt war (8,5 Prozent). Ebenfalls im gleichen Zeitraum lagen die ORF-1-Werte für fiktionale Unterhaltung bei 62,6 Prozent (gegenüber 2007 um 1,5 Prozent gestiegen), während dieser Anteil bei Puls 4 nur bei 46,0 Prozent lag.

Zunehmend wichtig.

Und die RTR kommt in ihrer Studie zu dem Schluss: „ORF 1 und ORF 2 sind die ‚Leitsender‘ des Fernsehens in Österreich, aber ATV und Puls 4 haben mit gesteigerten Marktanteilen und aufgrund ihrer Zuseherstrukturen weiter zunehmende Relevanz für die öffentliche Kommunikation (insbesondere bei den Zwölf- bis 49-Jährigen).“

Patrick Schubert (Leitung Eigenproduktionen & Events bei Puls 4), in dessen Verantwortungsbereich auch die News-Formate fallen, geht noch einen Schritt weiter: „Grundsätzlich gibt es keine Unterschiede zwischen privaten und dem öffentlich-rechtlichen Sender, weder was die journalistische Arbeit noch die Themenvielfalt betrifft, denn wir decken alle Themenbereiche ab, sowohl was Politik, Wirtschaft oder Chronik betrifft, eingeschlossen natürlich auch Themen wie Kultur oder Sport. Unsere Aufmacher sind dabei nicht unbedingt staatstragend, Auswahlkriterien sind für uns eher das Top-Thema des Tages aus Politik oder Chronik. Für uns sind Nachrichten enorm wichtig, denn diese erzeugen Relevanz für das Programm.“ Und er nennt eine Zahl: „Als Puls 4 2004 als Wiener Community-Sender startete, gab es eine News-Sendung am Tag. Seit 2010 kommen wir auf zwölf tägliche Nachrichtensendungen.“

„Austria’s next president“.

Für die Sendung „Wahl-Arena“, die erste „Elefanten-Runde“ in Österreichs Privat-TV bei der Nationalratswahl 2008, wurde Patrick Schubert vom „Journalisten“ mit dem Titel Journalist des Jahres 2008 in der Sparte Innovation ausgezeichnet, dieses Jahr plante er einen ähnlichen Coup: „Austria’s next president“ ist ein Reportage-Format, bei dem die drei Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten beim Wahlkampf begleitet und anschließend von einer professionellen Jury beurteilt werden. Außerdem gibt es „30 Minuten, um zu überzeugen“, das aus zwei Studios gesendet wird: Im ersten sitzt einer der Kandidaten und beantwortet Fragen (auch von Zuschauern), im zweiten sitzen Experten, Politologen, Journalisten und analysieren den Auftritt des Kandidaten.

Patrick Schubert: „Die ‚Wahl-Arena‘ war mit 160.000 Zuschauern unsere erfolgreichste Sendung 2008, und bei Analysen kam heraus, dass wir viele Zuschauer hatten, die überhaupt erstmals eine Politik-Wahl-Sendung verfolgten. Wir haben also neue Zuschauer generiert, einerseits durch andere Sendezeiten, andererseits auch durch eine andere Herangehensweise an dieses Thema. Für uns ist Quote zwar eine Messlatte, genauso wichtig aber ist, dass wir durch solche Formate auch eine andere Wahrnehmung in Öffentlichkeit und Politik für unseren Sender erreichen.“

1,7 Millionen Zuschauer pro Woche.

Dass „Wahl-Arena“ und „next president“ keine Eintagsfliegen sind, zeigen nicht nur die RTR-Studie, sondern auch nüchterne Zahlen: Für das „Austria News Network“ (produziert News-Sendungen für die Programm-Fenster von Sat.1 Österreich, ProSieben Austria, Puls 4, Café Puls und – in Planung – vielleicht demnächst auch für Kabel 1) werden täglich zwölf News-Sendungen produziert, die 1,7 Millionen Zuschauer pro Woche erreichen. Zwölf Kameras sind täglich im Einsatz, die News-Redaktion umfasst 18 Mitarbeiter, dazu kommen Freie, denn es wurden in allen Bundesländer-Hauptstädten „Landesstudios“ aufgebaut. Kooperationen gibt es mit N24 und den Sendern der ProSiebenSat.1-Gruppe, und natürlich werden klassische Quellen wie APA, AP, Reuters usw. genutzt. Und für „Talk of Town“, dem einzigen täglichen Talk-Format Österreichs (sieben Mitarbeiter), wurde kürzlich ein Voting-Tool eingerichtet, das laut Schubert von Tausenden Leuten täglich genutzt wird.

Vollprogramm.

In vielen Dingen sind sich Alexander Millecker (Leiter Redaktion „ATV Aktuell“) und Patrick Schubert von Puls 4 sicher nicht einig, in zweien aber doch: „Es gibt eigentlich keine Unterschiede in der journalistischen Arbeit von Privatsendern wie ATV und dem ORF“, meint Millecker, und „staatstragend ist ganz sicher nicht unser Anspruch.“ Damit hört es sich dann aber auch schon so ziemlich auf. Zwar betont auch Millecker, dass auf ORF 1 mehr Werbung als News zu sehen ist und wenig Eigenproduktionen, fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass der ORF sein (wie auch immer gewachsenes) Potenzial halt nutzt und seine beiden Kanäle unterschiedlich programmiert und ausrichtet.

ATV hat laut Millecker seit zwei Jahren sein Informationsangebot stetig ausgebaut und produziert nicht nur News-Sendungen, sondern auch Sondersendungen zu Wahlen, wöchentliche Diskussionssendungen mit breitem Themenspektrum, viel Sportberichterstattung und wöchentliche Kultursendungen – jüngster Zuwachs ist der „Termin bei Holender“. Millecker: „Wir setzen seit geraumer Zeit auf einen breiten Themen-Mix, und das zahlt sich langsam aus, denn wir werden mehr und mehr als österreichisches Vollprogramm wahrgenommen.“ Er sieht das ATV-Angebot weder als Konkurrenz zu anderen Privatsendern noch zum ORF: „Unsere Zuschauer haben ein Informations-Bedürfnis zusätzlich zum ORF-Angebot, wir haben eine andere Herangehensweise an Themen als der ORF und sehen uns als Ergänzung. Unser Vorteil: Wir sind politisch frei von jedwelchem Einfluss, wir haben einen Privateigentümer und auch k
eine Banken im Hintergrund, die vielleicht politische Ambitionen hätten.“

Österreich-Bezug.

Insgesamt beschäftigt ATV circa 50 Mitarbeiter im journalistischen Bereich quer über alle Themenstrecken hinweg, auch wurden bisher in fünf Bundesländern fixe Redaktionen aufgebaut. Bei Themen setze man eher auf Österreich-Bezug und habe einen geringeren Auslandsanteil, so Millecker, denn: „Wir sind ein österreichischer Sender – was hier passiert, interessiert die Leute eher, bei uns steht der Zuschauer im Mittelpunkt.“ Passend dazu: der „Österreich-Trend“, der 2009 zusammen mit dem Marktforscher Peter Hajek als Quartals-Umfrage mit einem großen Sample (1.000 Leute) entwickelt wurde und Standards wie die „Kanzler-Frage“ oder die „Sonntags-Frage“ (Parteien) enthält – „damit werden wir auch regelmäßig zitiert“, so Millecker.

Interessant ist für ihn, wie sich die Diskussion um die Medienförderung weiter entwickelt, weniger des Geldes halber („da ist ATV nicht davon abhängig“ – Millecker), sondern eher aus demokratiepolitischen Gründen: „Nach zehn Jahren hat die Politik erkannt, dass es auch österreichisches Privatfernsehen gibt, das ist schön und wichtig für Demokratie und Pluralität im Land. Und es wäre ein wichtiges Zeichen seitens der Politik, wenn sie faire Wettbewerbsbedingungen schaffen würde und erkennt, dass ein quasi privates ORF 1 nicht auch noch gleichzeitig alle Gebühren einheben kann. Spannend wird nur sein, ob mit der Medienförderung nicht auch gleichzeitig politische Begehrlichkeiten kommen.“

„Meine Wahl“.

Und auch ATV hat sich für die kommende Bundespräsidenten-Wahl etwas Neues einfallen lassen: Amtsinhaber Heinz Fischer wird sich in der Live-Sendung „ATV Meine Wahl – Der Präsident“ einer Fokusgruppe aus deklarierten Nichtwählern stellen, die er im Laufe der Sendung überzeugen soll, an die Urnen zu treten. Die 30-köpfige Fokusgruppe, die Meinungsforscher Hajek zusammengestellt hat, soll die Nichtwähler unterschiedlicher politischer Lager abbilden und besteht je zur Hälfte aus Männern und Frauen. Die beiden anderen Kandidaten, Barbara Rosenkranz und Rudolf Gehring, sind zu „Am Punkt Spezial“ eingeladen – laut ATV hat Rosenkranz ihr Kommen bereits bestätigt, eine Zusage von Gehring hingegen stehe noch aus.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 58 bis 58. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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