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Editorial

Das System Hans Dichand

Der Zeitungszar und seine "Kronen Zeitung" waren Medienweltwunder. Was bleibt uns nach seinem Tod davon erhalten?

Nun ist er also tot. Gestorben im 90sten. Überraschend. In einem Alter, in dem andere Alte auf ihr Ende warten, in Altenparkplätzen, fuhr er in die Redaktion. Zuletzt gestützt von seinem Fahrer. Nicht mehr als zwei Stunden verbrachte er dort. Erzählte Geschichten, die er wohl schon hundertmal erzählt hatte. Begeisterte sich selbst daran und andere, als wären sie neu, erstmals aufgetischt. Dann waren seine Kräfte verbraucht, auch seine Konzentration. Diese zwei Stunden haben allerdings genügt, um bis zuletzt seine Mitbewerber in Schach zu halten. Und entscheidende Teile der Politik dieser Republik.

Hans Dichand wollte Österreich verändern. Dazu hat er Politiker gestützt und gestürzt, hat Ideen und Ideale gefördert und verhindert. Er hat zuerst für und später gegen die EU gekämpft. Weil sie uns unsere Selbstbestimmung nimmt, uns entmündigt, wie er uns immer wieder sagte. Kein noch so lächerliches Lüftchen war ihm zu gering, um nicht aus seiner Abneigung einen gefährlichen EU-Sturm zu machen. Kein Platz, kein Ressort in seiner Zeitung waren ihm zu wertvoll, um nicht gegen das Bonzensystem in Brüssel anzukämpfen. Dabei hat er die EU-Gegner in diesem Land bestens bedient und es gleichzeitig EU-Befürwortern schwer gemacht, seine Zeitung zu lesen. Wie oft war ich selbst davor, die „Kronen Zeitung“ zu kündigen! Angewidert von so viel plumpem EU-Hass.

Die Persönlichkeit Hans Dichand gibt es nicht mehr. Auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass wir uns alle bereits mit dem Gedanken arrangiert haben, dass Dichand ewig leben würde. Er selbst vermutlich auch. Doch wie fast alle Leben wurde auch seines zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt beendet. Am Höhepunkt seiner Macht. Als er die Politik wieder einmal fest im Griff hatte. Als sie sogar in einem Brief um seine Zuneigung gebettelt hatte. Selbst Missgeschicke, wie die Unterstützung von Barbara Rosenkranz, schadeten ihm nicht. Könnte er heute auf sein Leben noch einmal zurückblicken, würde er trotzdem tief verbittert sein. Hans Dichand wurde von einem unvollendeten Werk abberufen. Ihm ist nicht gelungen, wofür er Jahre gekämpft hatte: Die „Kronen Zeitung“ in den kompletten Einfluss seiner Familie zu bekommen. Sie „gegen fremde Einflüsse zu schützen“ und er meinte damit die WAZ. Er und seine Essener Partner haben seit Jahren hoch gepokert, die Gegenseite beschädigt, wann immer es möglich war. Erich Schumann, der längst verstorbene WAZ-Miteigentümer, hat sich vor Jahren in der „ZIB 2“ sogar zu dem unfassbaren Sager verstiegen, dass sich das Problem Hans Dichand „biologisch lösen“ wird. Und Michael Dichand, der älteste Sohn, unterstellte in einem Interview im „Journalist“, dass die WAZ am Balkan mit der Mafia zusammenarbeiten würde. Bodo Hombach, umtriebiger Geschäftsführer des deutschen Zeitungskonzerns, brachte daraufhin ein Dossier in Umlauf, das bestätigen sollte, dass ich als „Journalist“-Herausgeber mit dem KGB unter einer Decke stecken würde. Lustig, oder? Nur auf den ersten Blick! Denn wenn das Geringste von diesem Vorwurf hängen geblieben wäre, hätte ich meinen Job aufgeben können. Noch immer läuft dazu ein Prozess, den ich gegen Hombach angestrengt habe, und er windet sich wie ein Wurm. Die Prozesskosten dürften inzwischen wohl mehr als 70.000 Euro betragen. Im jüngsten Urteil wurde meinem Begehren Recht gegeben. Wieder einmal. Ein Ende ist nicht in Sicht, auch weil Hombach das Normalste nicht zustande bringt, sich für seinen unfassbaren Untergriff zu entschuldigen.

Hans Dichand wird für uns alle lange über seinen Tod hinaus wirken. Und mit Recht fragen sich Partner, Mitbewerber, Mitarbeiter, Politiker, die Familie – fragt sich Österreich, wie lebt das „System Dichand“ weiter. Eines ist sicher. So wie bisher, dass alles an einer einzigen Figur hängt, kann und wird es nicht bleiben. Erst jetzt erhält Dichands Jahrhundertsager seine volle Tragweite: „Kein Stein bleibt auf dem anderen.“ Für die WAZ wird es nach seinem Tod auf keinen Fall leichter. Statt einem, zugegeben hoch komplizierten Partner, hat sie nun gleich mehrere – und manche durchaus noch komplizierter. Erleichterung ist auch bei den Mitbewerbern unangebracht. Tanker wie die „Kronen Zeitung“ haben ewig lange Reaktionszeiten. Sie kurzfristig vom Kurs abzubringen, gar zu stoppen, ist unmöglich. Für die Mitarbeiter wird viel davon abhängen, wer die operative Führung übernimmt. Engelbert Washietl, einer der besten Medienjournalisten, meint in diesem „Journalist“, Georg Wailand könnte das sein (siehe Seite 44). Egal könnte Dichands Tod den Politikern sein. Sie wurden in Wahrheit nie wirklich von ihm zu Handlungen getrieben. Einzig sie selbst haben sich dazu bereit erklärt, freiwillig. Die Alternative hat uns Wolfgang Schüssel als Kanzler gezeigt. Und Dichands Familie? Auch sie war im Bann des Familienoberhaupts. Wie sich Eva und Christoph künftig freispielen, wird die spannende Frage. Am Ende wird vieles letztlich an ihnen beiden hängen.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2010 in der Rubrik „Editorial“ auf Seite 3 bis 7. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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