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Medien

„Die Justiz taumelt ins kollektive Burn-out“

Vorhofer-Preisträgerin Renate Graber in ihrer Dankesrede: "'Schreiben Sie nicht so viel‘, sagte der Banker. Echt gut, oder?"

Die Wirtschaftsredakteurin des „Standards“ Renate Graber wurde mit dem Kurt-Vorhofer-Preis ausgezeichnet, der ihr am 27. Mai von Bundespräsident Heinz Fischer überreicht wurde. In ihrer hier auszugsweise wiedergegebenen Dankrede befasste sie sich mit grundsätzlichen Fragen des Journalismus und der Justiz:

„Ich kam also zum ,Standard‘, und kann hier seither schreiben, was zu schreiben ist, was geschrieben werden muss, und, ja, was, rechtlich wasserdicht, geschrieben werden kann. Dafür vor allem möchte ich danken, denn das ist, worum es im Journalismus geht, und das ist, was in der Medienlandschaft so selten und so wertvoll geworden ist, in Österreich, wo Verlage das Land schon mit ihrem Namen vereinnahmen. Wo Zeitungen neben scheinbar einfühlsamen Interviews mit einer Mutter, die gerade ihren kleinen Sohn verloren hat, Fotos stellen, die ebendieses Kind an der Unfallstelle in den letzten Minuten seines Lebens zeigen. Unappetitlicher kann Journalismus kaum sein.

Ich hätte mich, so schwebte mir vor, bei der Jury bedankt und beim Sponsor, dem Verbund. Ihm würde ich, so schwebte mir vor, im Gegenzug versprechen, künftig am Abend das Licht um fünf Minuten länger brennen zu lassen.

Dann sind da noch die großen Preis-Vorgänger, die mit ihren Reden beinah ganze Anstalten in die Luft gesprengt haben. Da könnte man doch auch für heute einen kleinen Skandal, einen Rücktritt erwarten, irgendwo.

Nun, damit werde ich nicht dienen können. Die Leute, um deren Beobachtung und mediale Begleitung es mir oft geht, die Leute treten nicht zurück.

Die Leute, deren Geschäften ich auf den Grund gehen will, die Leute treten nicht zurück.

Die Leute, die all das ermöglichen und die politischen Netze und Auffangnetze dafür knüpfen, die Leute treten nicht zurück.

Ab und zu treten die mich, aber das gehört dazu, so musste ich widerwillig lernen. Aber auch ich trete nicht zurück.

Die Skandale finden trotzdem statt. Direkt vor unseren Augen, vor den Augen der Politik und unter den Augen der Justiz. Eyes wide shut, könnte man sagen. Einer Justiz, die bewusst allein gelassen in kollektive Überforderung, ins kollektive Burn-out taumelt.

Einer Justiz, die Staatsanwälten Causen zumutet, deren Akten ganze Lagerräume füllen, deren Umfang allein zu Lähmungserscheinungen führen kann. Einer Justiz, die vergessen hat, dass es das Offizialdelikt gibt, bei dem die Behörde von Amts wegen tätig werden muss.

Einer Justiz, die auf der einen Seite überraschend milde, auf der anderen überraschend streng agiert – ohne aber, und allein darum würde es doch gehen, die Gründe dafür verständlich machen zu können.

Wie Sie sich vorstellen können, rede ich nicht von konkreten Fällen.

Ich spreche auch nicht von der Politik gefälligen Unternehmenschefs, die himmelhoch fliegende Projekte oder riskante Spekulationsdeals in den Sand setzen und trotzdem unbehelligt bleiben.

Ich spreche auch nicht von Bankern, denen unter den Augen der Politik, die ihnen zudem die offenen Hände entgegenstreckt, Jahre Zeit gegeben wird, ihre Institute zuerst aufzublasen und dann auszuräumen oder ausräumen zu lassen.

Ich spreche nicht von Politikern, die ohne Konsequenzen Staats- oder Landesvermögen vermindern, und schon gar nicht von Landeshauptleuten, die ungestraft Minderheiten ihrer Rechte berauben dürfen.

Ich spreche von denen, die zuschauen. Dafür, dass die nicht gleich wieder wegschauen können, dafür, dass deren Blick immer und immer wieder auf Ungereimtheiten, Unvereinbarkeiten, Unverantwortliches und Unverantwortbares gelenkt wird, dafür gibt es Journalisten.

Lassen Sie mich dazu noch eine kurze Geschichte erzählen. Es war im Frühling 2006, der Bawag-Skandal, über den ich damals viel berichtet habe, war gerade erst am Auftauchen. Nach einer der vielen abendlichen Not-Pressekonferenzen kam ein Bawag-Banker auf mich zu, zeigte auf mich und sagte: ,Auf Wiedersehn, Frau Graber. Und: Schreiben Sie nicht so viel.‘

Der war echt gut, oder?

Vielen Dank fürs Zuhören.“

Erschienen in Ausgabe 06+07/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 50 bis 51. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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