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Medien

Die Neuvermessung der „Krone“-Welt

Von Engelbert Washietl

"Es wird anders werden", sagt Georg Wailand von der "Krone" - und ist zugleich Garant für Kontinuität. Ist er der Mann der Stunde und des Übergangs?

Weder die Familie Dichand, in deren Händen 50 Prozent der Anteile liegen, noch der 50-Prozent-Partner WAZ-Verlagsgruppe sind laut ihren Bekundungen bereit, nach dem Tod des „Krone“-Gründers Hans Dichand Anteile zu verkaufen. Also kann keiner kaufen, selbst wenn er wollte.

Das ist nicht für ewig festgeschrieben, aber im Moment und noch ehe der im 89. Lebensjahr Verstorbene unter der Erde ist, scheinen die zwei antagonistischen Eigentümer der größten Tageszeitung Österreichs zu dem Schluss gekommen zu sein, dass eine überhastete Veränderung bestehender Verhältnisse nur Nachteile bringen kann. Um das öffentlich zu machen, fehlte ihnen freilich jede Geduld. Kaum hatte Dichand die Augen für immer geschlossen, posaunten die Chefs des deutschen WAZ-Konzerns nicht nur hinaus, dass sie ihren „Krone“-Anteil nicht aufgeben würden, sondern auch, dass ab sofort neue Sitten einzutreten hätten: Die „Krone“ brauche einen geschäftsführenden Chefredakteur neben dem eigentlichen Chefredakteur Christoph Dichand, dem Sohn des Verstorbenen.

So geht es in Managementetagen zu. Pietät am offenen Grab ist kein Kriterium, wenn es gilt, den Zugriff auf den Besitz zu sichern. Und den hatte der alte Dichand den WAZ-Leuten jahrelang beschnitten, indem er für sich das Recht des „Hauptgeschäftsführers“ durchboxte und seinen Sohn Christoph gegen den Willen der Deutschen als Chefredakteur eingesetzt hatte. Allein darüber entbrannte ein jahrelanger Konflikt. Die WAZ erzwang die Einsetzung Michael Kuhns als geschäftsführenden Chefredakteur; ein Schiedsgericht in der Schweiz gab Dichand in der Frage des „Hauptgeschäftsführers“ recht und bescherte der „Krone“ am 16. Februar 2005 den von Dichand gewünschten Aufmacher „Klares Urteil im ,Krone‘-Konflikt“. Ein Jahr später warf Dichand den geschäftsführenden Chefredakteur Kuhn hinaus.

Das sind die Wunden, die den Tod Dichands offenbar überdauern. Am Donnerstag, 17. Juni 2010 starb er, bis zum nachfolgenden Montag wurden in den Medien alle Varianten abgehandelt, die eintreten könnten. Auch von außen meldeten sich Interessenten wie Styria-Chef Horst Pirker, die sich ein Arrangement mit dem „Kurier“ und somit der Mediaprint, in der „Krone“ und „Kurier“ mehr gefesselt als gebunden sind, vorstellen könnten. Das wird es so schnell nicht geben, und auch die Raiffeisengruppe Niederösterreich-Wien, die als Mehrheitseigentümer des „Kuriers“ bereits in den Startlöchern scharrt und Teile der „Kronen Zeitung“ dazuerwerben möchte, kann sich entspannen – wenn überhaupt, bleibt das ein Fernziel. Außerdem ließen andere Medienhäuser durchblicken, dass eine Raiffeisenbeteiligung an der „Krone“ bei 24,9 Prozent die Obergrenze haben müsste: aus kartellrechtlichen Gründen, aber auch, weil vielleicht weitere Interessenten einsteigen wollten, sobald der 50:50-Pfropfen der Gesellschafteranteile erst einmal mit Knall aus der Flasche gezogen würde. Ähnlich werden auch Banken denken, die nicht zu Raiffeisen gehören.

Dass dies alles neben einem noch nicht einmal geöffneten, geschweige denn schon wieder geschlossenen Gruftdeckel abgehandelt wurde, ist die unfeine Nebenerscheinung eines historischen Moments: Jedermann spürt, dass nach mehr als fünf Jahrzehnten Hans Dichand doch nicht einfach alles so weitergehen werde wie bisher. Hinter dem Gefühl stecken sowohl Angst als auch Kalkül.

Für die WAZ ist die Priorität klar. Sie will ihren Hälfteanteil an der „Kronen Zeitung“ nach zehnjährigen lähmenden Konflikten mit Hans Dichand endlich voll in Unternehmenspolitik umsetzen und die Rentabilität des Kolosses Mediaprint steigern.

Auf österreichischer Seite liegen die Dinge weit komplizierter. Die Familie Dichand hat ebenfalls rasch und nicht ganz so plump wie die WAZ-Oberen reagiert, um ihre Claims abzustecken. Am ersten Tag ein Foto Hans Dichands mit Kardinal Christoph Schönborn vor dem Stephansdom in der „Krone“: Selbst der Himmel blickt wohlgefällig auf die Zeitung aller Österreicher, fehlte nur noch, dass beim Aufblättern der Seite 5 die Pummerin ertönt. Tags darauf der Leitartikel von Christoph Dichand mit dem Titel „Unabhängig“: „Keine Zeitung hat jene Kraft zur Unabhängigkeit, wie sie die ,Krone‘ hat“, schreibt er. Sein Vater, gegen den er sich nach außen hin nie auflehnte, hat für alle „Krone“-Zugehörigen offensichtlich Sprachmodule hinterlassen, deren sich auch Christoph bedient. Das „Krone“-Gefühl gehört dazu, das „Herzblut“ der Herausgeber und Redakteure kommt in dem Artikel gleich zweimal vor. Und selbstverständlich: „Die wahren Chefredakteure sind die Leser.“

Christoph ist als einziges der drei Kinder von Hans und Helga Dichand in der Medienbranche aktiv. Schwester Johanna landete im Kunstsektor, Bruder Michael verschlug es als Biobauer in die USA.

Christoph und seine Ehefrau Eva haben auch schon drei Kinder, der älteste Constantin wurde 2004 geboren. Kein Zweifel, es handelt sich um eine Dynastie, die sich in Geschäftsfelder verzweigt. Eva Dichand ist erfolgreiche Geschäftsführerin und Herausgeberin der Gratiszeitung „Heute“. Vor nicht langer Zeit rühmte sie sich, dass „Heute“ schon mehr junge Leser hat als die „Krone“.

Sofern nicht ein Testament Überraschungen bringt, wird das Hälfte-Eigentum der Ehefrau und den Kindern Dichands zugesprochen. Wie wird der Dichand-Clan die „Krone“-Zukunft ordnen? „Wir denken nicht daran, etwas zu verkaufen“, lautet der gemeinsame Nenner der Familienplanung und: „Die Nachfolge von Hans Dichand bei der Zeitung ist familienintern schon längst geregelt.“ Das gilt für Chefredakteur Christoph.

Seiner taffen Ehefrau Eva wäre durchaus auch eine Führungsrolle in der „Krone“ zuzutrauen, aber wollen das alle anderen, wäre eine derartige Lösung dem deutschen Partner genehm? An beidem kann man auch zweifeln.

Womit aber schon eines absehbar ist. Es wird längere Zeit dauern, bis der Dichand-Clan mit sich und mit der WAZ ins Reine kommt. Man wird Übergänge suchen und auch – so heißt es wörtlich in der Trauerbotschaft – „Menschen um uns, die uns helfen werden“.

In so einer schwierigen Zeit wird immer auch ein Techniker des Übergangs benötigt, ein Abwickler. Er könnte Georg Wailand heißen. Über ihn sagen Insider: „Auf Wailand können sich alle einigen.“ Er stieß vor 40 Jahren zur „Krone“, baute für sie das Wirtschaftsressort auf, ist stellvertretender Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift „Gewinn“. Er war bereits 2003 als geschäftsführender Chefredakteur im Gespräch, doch die WAZ zog damals Michael Kuhn vor.

Wer an die Variante Wailand glaubt, konnte sich am 20. Juni beim Konsum der ORF-Sonderpressestunde mit Chefredakteuren bestätigt fühlen: Unter sieben Herren saß nur einer, der wirklich wusste, was in der „Krone“ vorgeht. Über das meiste sagte Wailand gar nichts, den Rest stellte er so authentisch dar, als spräche aus ihm der alte Dichand. Wailand vergaß nicht, eine jüngste Episode der inneren Vielfalt der „Krone“ zu bestätigen: Er sei es gewesen, der Dichand davon abgebracht habe, auf die Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz zu schwören. „Ich bin zu ihm gegangen“ – Christoph Dichand nicht? In 40 Jahren habe Dichand von ihm nie etwas verlangt, was er nicht erfüllen konnte. „Wir sind alle gefordert, neue Konzepte zu finden“, wobei die „Krone“ der „Fels in der Brandung“ sei. Sogar das „Herzblut für die Leser“ kam in Wailands Ausführungen vor, und in Richtung WAZ gesprochen: „Als Redaktion respektieren wir Eigentümerrechte und haben das immer getan.“

Da die WAZ vermutlich einen Österreicher nominieren wird, kommen auch die beiden Chefredakteure Christoph Biró (Steiermark) und Klaus Herrmann (Oberösterreich) infrage, die beide schon 2003 zur Auswahl standen. Die Aufgabenstellung wäre klar: Die Zeitung muss mit dem internen Patt zwischen Wien und Essen leben und dennoch Anschluss an die moderne Zeit finden, ohne dass sie das Wesen dessen verrät, was die 1959 von Hans Dichand wiedergegründete „Kronen Zeitung“ ausmacht. Darin liegen ihre Größe und leider zu oft
auch ihr Schrecken.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 44 bis 45 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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