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ARCHIV » 2010 » Ausgabe 06+07/2010 »

Medien

Facebook – wie Journalisten und Medien profitieren können

Von David Röthler

Freie Journalisten sollten Facebook unbedingt nutzen, um sich zu verlinken. Auch für Medien wird die Präsenz immer unverzichtbarer.

Bald 500 Millionen Facebook-Nutzer gibt es weltweit. Davon 9,5 Millionen in Deutschland (12 Prozent der Gesamtbevölkerung), zwei Millionen in Österreich (24 Prozent) und 2,25 Millionen in der Schweiz (29 Prozent). Zahlen, die insbesondere auch aufgrund des hohen Wachstums nicht zu ignorieren sind. So haben sich die Nutzerzahlen beispielsweise in Deutschland von Sommer 2009 bis heute fast verdreifacht. Auch ist die durchschnittliche Besuchshäufigkeit und -dauer von Facebook höher als bei anderen Social Networks. Ebenso wird der mobile Zugriff auf Facebook attraktiver, der über eine Mobilversion unter m.facebook.com, der iPhone-App sowie neuerdings mit der „Facebook Zero“ genannten Option mit zahlreichen Mobilfunk-Providern – in Österreich Telering – sogar kostenlos möglich ist.

Facebook und Journalismus.

Facebook für sich allein genommen eignet sich nicht für Online-Journalismus. Es bietet zu wenige Möglichkeiten der Struktur und die Verlinkung ist schwierig. Allerdings wird Facebook immer mehr zu einer zentralen, fast schon monopolartigen Informationsdrehscheibe im Internet. Es dient als News-Aggregator im Sinne der neuen mit dem Satz „If the news is important, it will find me“ umschriebenen Online-Vertriebsrealität. Die Effektivität der gegenseitigen Linkempfehlungen („Word of Mouse“) insbesondere über den „Gefällt-mir-Button“ der User darf nicht unterschätzt werden. Spannend ist die erst seit wenigen Wochen implementierte Funktion, diesen Button auch auf Websites außerhalb von Facebook einzubinden, wie das zum Beispiel bei der „Bild-Zeitung“ auf bild.de geschieht. Mit einem einzigen Klick auf diesen Button können Nutzer nun Inhalte auf Facebook empfehlen und die Community wird außerhalb von Facebook sichtbar. Die starke Position von Facebook im Online-Bereich zeigt auch die Befürchtung des deutschen Verlegerverbands VDZ, dass 10 Prozent der Werbeerlöse im Printgeschäft bis 2012 zu Facebook abwandern könnten. Der VDZ will nun von Facebook eine Umsatzbeteiligung an den Werbeeinnahmen bei den Facebook-Angeboten von Verlagen einfordern.

Facebook-Praxis.

Für den österreichischen Journalisten („taz“, „Falter“, „Profil“, „Standard“) und Sachbuchautoren Robert Misik ist das persönliche Facebook-Profil die Hauptpräsenz seiner vielfältigen Social-Media-Aktivitäten. Neben seinem Video-Podcast für den „Standard“ betreibt er auch ein Weblog und einen Twitterkanal. Mittlerweile hat er rund 4.700 „Freunde“ auf Facebook. „Das stellt mich vor gewisse Probleme, denn die Vernetzung mit mehr als 5.000 Personen lässt Facebook nicht zu.“ Daher versucht Misik, die weiteren Kontakte nun auf einer Facebook-Seite – mit unbegrenzter Anzahl – zu sammeln. Circa eine halbe Stunde am Tag verbringt er auf Facebook, um zumindest bei direkt an ihn gerichteten Kommentaren mitzudiskutieren. „Als freier Autor führt für mich kein Weg an Facebook vorbei“, erläutert er die Notwendigkeit zum Aufbau einer Community. „Von dieser bekomme ich substanzielle Antworten und Unterstützung bei der Themenfindung und Recherche. Dem Zeitaufwand steht somit auch eine Zeitersparnis gegenüber.“

Bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ findet sich zwar eine Facebook-Präsenz, diese wurde aber nicht von der „NZZ“ angelegt. Auf den ersten Blick ist das aber nicht offensichtlich. Redaktionsleiter Fredy Greuter dazu: „Wir entfalten keine Aktivitäten in Social Media. Das ist gegenwärtig unsere Policy.“ Nun ersucht der ab August für den Bereich der digitalen Medien bei der „NZZ“ zuständige Peter Hogenkamp den Administrator um Übergabe der immerhin rund 1.700 Kontakte zählenden Facebook-Seite und verspricht als Lohn: „Eine Flasche Champagner und ein Händedruck vom ,NZZ‘-CEO.“ Der ebenso von dritter Seite eingerichtete Twitter-Account unter www.twitter.com/nzz, in den der RSS-Feed der „NZZ“ eingespeist wird, ist mit fast 4.500 Followern kürzlich an die „NZZ“ übergeben worden. Hogenkamp zieht daraus folgendes Resümee: „Auch wenn man die Policy verfolgt, sich nicht aktiv in Social Networks zu engagieren, sollte man zumindest die entsprechenden Accounts reservieren.“

Der österreichische Privatsender ATV setzt Facebook unter anderem erfolgreich für zwei Sendeformate ein. Bei der Diskussionssendung „Am Punkt“ können sich die Seher per E-Mail, Video, Facebook oder Twitter live und direkt beteiligen. Zahlreiche der 1.210 Personen, die sich mit der Sendung auf Facebook vernetzt haben, können auch live über einen in Facebook integrierten Chat mitdiskutieren.

Geradezu verselbstständigt hat sich die Facebook-Präsenz der Doku-Soap „Saturday Night Fever – So feiert Österreichs Jugend“. Neben der offiziellen Facebook-Seite mit fast 36.000 „Fans“ – einige Einträge bekommen mehr als 200 Kommentare – gibt es weitere Facebook-Seiten von begeisterten Zuschauern. Alexandra Damms, Pressesprecherin von ATV, zeigt sich vom Einsatz von Facebook begeistert: „Damit erreichen wir genau unsere jugendliche Zielgruppe, die sich dann über die Sendungen austauscht.“ Die Facebook-Seite trägt dazu bei, dass die Sendung im Gespräch bleibt und sehr hohe Einschaltquoten erreicht.

Einen Spitzenplatz im TV-Bereich dürfte die Krimiserie „Tatort“ in Facebook mit mehr als 72.500 Fans und regen Diskussionen belegen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Kommentarqualität aufgrund der in der Regel nicht vorhandenen Anonymität zumeist höher ist als bei anderen Beteiligungsforen.

Die „Kleine Zeitung“ setzt ebenso auf Facebook als zusätzlichen Vertriebskanal. Gemeinsam mit der Digitalredaktion befasst sich Georg Lux von der Abteilung Business Development der Styria Media AG mit den Möglichkeiten „die Leser dort zu finden, wo sie sind. Wir haben zum Beispiel eine Facebook-Seite zum Thema Eishockey, die mit Blogeinträgen gefüllt wird.“ Zu Spitzenzeiten kommen mehr als 20 Prozent der Besucher von Facebook auf das entsprechende Weblog. Das neueste Produkt der Styria „G7 – die Stadtzeitung für Graz“ hat auch eine eigene Facebook-Präsenz. Den Aufbau unterschiedlicher Communitys für ein Medium mithilfe von Facebook sieht Heinz Wittenbrink, Lehrender für Online-Journalismus an der FH Joanneum, als interessante Chance, die Bindung an das Medium zielgruppenspezifisch zu erhöhen.

Internationale Vorbilder.

International gehören CNN und die „New York Times“ bei der Nutzung von Facebook zu den führenden Medien. CNN, dessen Facebook-Seite mittlerweile mehr als 900.000 Kontakte hat, begann damit, Live-Events wie die Amtseinführung von Präsident Obama in einem Facebook-Chat zu begleiten. Interessant auch, dass einige CNN-Mitarbeiter wie die Journalistin Soledad O’Brien eigene Facebook-Seiten haben, wobei direkt beim Namen die Zugehörigkeit zu CNN kenntlich gemacht wird. Larry King baut eine Community um seine Sendung mit exklusiven Fotos und Videos auf. Seine Facebook-Seite hat ein eigenes Layout und beinhaltet auch den Twitterfeed.

Judith Denkmayr, Geschäftsführerin der vor wenigen Monaten gegründeten Social Media Agentur „Digital Affairs“, empfiehlt allen Medien und Journalisten die Nutzung von Facebook. Dabei sind insbesondere die sogenannten „Weak Ties“, Kontakte zu einem erweiterten Personenkreis, von Bedeutung. Über diese können Journalisten auf neue Themen aufmerksam gemacht werden. Die Reichweitenerhöhung ist für Medien ein weiteres wichtiges Argument: „Da der Trafficeinbruch bei traditionellen Websites beachtlich ist, sollten sich alle Informationsanbieter im personalisierten und interaktiven Newsstream wiederfinden.“ Auch für die Monetarisierung der Facebook-Präsenzen von Medienunternehmen gibt es Vorschläge. Hans-Joachim Fuhrmann vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger wünscht sich eine Kooperation mit Facebook, um Werbekunden auch Präsenz im Umfeld der eigenen Facebook-Seite zu bieten.

Mit Facebook verschärft sich der Wettbewerb um Aufmerksamkeit, dem sich niemand entziehen kann. Angesichts der schnellen Entwicklung ist ständiges Probieren und Lernen notwendig, um den besten Nutzen aus den neuen Möglichkeiten zu ziehen
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Erschienen in Ausgabe 06+07/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 74 bis 75 Autor/en: David Röthler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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