ARCHIV » 2010 » Ausgabe 06+07/2010 »

Medien

„Ich will in jedes Eck des Bundeslandes“

Von Interview: Engelbert Washietl

"OÖN"-Chefredakteur Gerald Mandlbauer versucht den Spagat zwischen lokaler Nähe und überregionalem Anspruch.

Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ („OÖN“) haben bisher im sogenannten „Zentralraum“ von Linz und Wels mit dessen hoher Bevölkerungsdichte sehr gut gelebt. Jetzt merken auch die „OÖN“, dass das nicht genügt, sondern die ganze geografische und somit regionale Weite des Bundeslandes erfasst werden sollte. Scheinbar ist Oberösterreich aber für den Zeitungsvertrieb ein schwieriges Land. Was tun Sie?

Gerald Mandlbauer: Das stimmt. Es gibt viel-leicht in Tirol „den Tiroler“, aber „den Oberösterreicher“ gibt es nicht. Der Innviertler fühlt sich als Innviertler, der Mühlviertler als Mühlviertler. Das geschlossene Landesbewusstsein hingegen fehlt. Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ sind eher eine Zentralraum-Zeitung gewesen, die stark von Linz aus geprägt gewesen ist. Das haben wir korrigiert und das wird sich künftig noch deutlicher ändern.

Im „Zentralraum“ färbt natürlich auch die Regierungslinie auf die Blattlinie ab?

Das kann man überhaupt nicht sagen. Das ist ein Vorurteil, mit dem alle führenden Zeitungen in den Ländern zu tun haben. Wir haben politisch eine starke Breite. Ich habe eine Untersuchung vorliegen, in der neun von zehn Befragten – sowohl Leser als auch Nichtleser – sagen, die „OÖN“ seien politisch total unabhängig. Wahr ist aber auch, da geht es uns ähnlich wie den „Salzburger Nachrichten“ oder der „Kleinen Zeitung“, dass ein Landeshauptmann mit der Vielzahl seiner Auftrittsmöglichkeiten eine größere Fläche in der Zeitung belegt als andere Politiker. Den kann man nicht aussparen. Aber zugleich müssen sich die führenden Parteien jede Menge Kritik von uns gefallen lassen.

Sie wollen mehr Auflage außerhalb der wenigen großen Städte. Wo sind Sie schon und was kommt noch?

Wir brauchen Auflage und wir gewinnen welche hinzu. In den letzten zwei Jahren sind wir neben der „Kleinen Zeitung“ der Auflagengewinner unter den heimischen Tageszeitungen gewesen. Das ist auf eine Vielfalt von Maßnahmen zurückzuführen. Wir sind eine sehr ordentliche, gut gemachte Zeitung. Das Produkt muss passen. Wir gehen viel unmittelbarer auf die Leser zu. Wir vergessen den Zentralraum nicht, bieten aber den Leuten draußen eine Alternative. In früheren Jahren ist unsere Verbreitung schwächer geworden, je weiter wir in den ländlichen Raum hinausgegangen sind. Jetzt ist das anders, wir sind voll dabei, das Bundesland komplett abzudecken. Wir haben elf Büros verteilt über ganz Oberösterreich. Unsere Redakteure sitzen draußen. Sie müssen am Stammtisch und beim Wirt sitzen, mit den Vereinsfunktionären reden, das lokale Geschehen inhalieren.

Stimmt schon, das ist das Geheimnis jeder Lokalberichterstattung. Aber ganz neu auch nicht?

Nein. Aber man muss dieses Wissen auch umsetzen. Wir haben uns von Erwin Zankel (Anm.: ehemals Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“) viel abgeschaut. Es geht um die Mischung: eine gut gemachte, qualitätsvolle überregionale Berichterstattung verbunden mit einer tiefen Lokalberichterstattung. Das wollen wir verwirklichen, und im Innviertel ist wirklich etwas gelungen. Der Oberösterreicher ist kein Tageszeitungsleser. Oberösterreich hat um 10 Prozent weniger Tageszeitungsleser als der Rest der Republik. Die Innviertler haben geglaubt, sie finden mit einer Wochenzeitung das Auslangen. Aber die Wochenzeitung ist verschwunden („OÖ Rundschau“, Anm.). Wir haben den Innviertlern Nachfolgeprodukte angeboten, die es aber nur in Kombination mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“ gibt. Und dieser Erfolg ist an unseren Auflagen abzulesen.

Warum merkt man davon in der Media-Analyse nichts?

Weil die Befragungsmethoden der MA so sind, dass der Leser im Zentralraum mehr zählt als im Rest des Landes, weil die Media-Analyse Entwicklungen verspätet abbildet, weil sie ungenaue Ergebnisse liefert. Im Innviertel haben wir je nach Kriterium bis zu 15 Prozent Auflagensteigerung, aber die MA merkt nichts davon. Nur ein Vergleich: Die SPÖ hat 3.000 Oberösterreicher danach befragt, welche Zeitung sie lesen. 3.000 ist ein riesiges Sample – und dabei liegen die „Oberösterreichischen Nachrichten“ vor der „Kronen Zeitung“ und in Oberösterreich bei gut 50 Prozent. Sie müssten die MA-Zuständigen fragen, wieso sie konträre Ergebnisse liefern.

Sie nennen die „Kleine Zeitung“ als eines der Vorbilder. Das ist ein Kleinformat. Ist das auch ein Vorbild?

Wir bleiben bewusst bei unserem Großformat, auch zur Unterscheidung von unserem Hauptkonkurrenten. Das Großformat ist auch ein Signal in Richtung Qualität.

Das Großformat bleibt auch beim regionalen Teil am Donnerstag?

Erst recht. Würden wir diesen klein machen, müssten wir als nächsten logischen Schritt eigentlich sagen: Warum bleibt das Hauptblatt groß?

Das wäre ein Kardinalfehler in der jetzigen Phase, daran zu rühren. Mit Größe lassen sich Qualität, Verlässlichkeit, Vertrauen, Stabilität verbinden. Eine sehr gute Zeitung zeigt Beständigkeit. Es gibt ja andere Beispiele, dass jemand heute so und morgen anders sagt, erst Mehrmarkenstrategie und dann Dachmarkenstrategie, erst Kleinformat, dann Großformat. Wir hingegen feiern heuer unser 65. Jahr des Bestehens, wir haben die historisch gesehen höchste Auflage, in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise. Und es geht uns auch wirtschaftlich gut.

Oberösterreich war das erste Bundesland, das Ende der 1960er-Jahre von der „Kronen Zeitung“ geradezu überrollt wurde. Die „Krone“ ist noch immer stärker als die „Oberösterreichischen Nachrichten“. Irgendwann könnten Sie ja versuchen, das verlorene Terrain zurückzuholen?

Das geschieht ja schon. Die „OÖN“ legen in der ÖAK zu, die „Krone“ nicht. Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ sind der klare Meinungsführer in Oberösterreich, die „Krone“ ist Boulevard und damit auf einem anderen Spielfeld tätig. Dorthin wollen wir nicht, da müssten wir ein paar Eckpfeiler unseres Charakters herausbrechen. Für uns gelten Glaubwürdigkeit, Seriosität, objektive Berichterstattung als wesentliche Werte. Was helfen der „Krone“ ihre Leser, wenn sich ihre Methoden, Leser zu gewinnen, so nachteilig auf ihre Glaubwürdigkeit auswirken. Da bleiben wir lieber die seriösen, ehrlichen Makler und wir haben dafür die Deutungshoheit in Oberösterreich. Das wird so bleiben, egal, was die „Krone“ unternimmt. Derzeit ist sie ja besonders hektisch unterwegs, unsere Aktivitäten machen sie nervös.

Es gibt Fachleute, die sagen, heute lässt sich überhaupt nur noch mit Lokalberichterstattung Geld verdienen.

Da ist was Wahres dran, aber wir wollen die Lokalberichterstattung mit der überregionalen Information, mit einem ausgebauten Kulturteil, nationaler und internatio-naler Politik und so fort kombinieren. Es gibt kein Entweder-oder. Wir sehen uns in einer Liga mit „Presse“, „Salzburger Nachrichten“, „Standard“, aber eben ergänzt um einen starken Oberösterreich-Teil. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

Dann müsste die Zeitung eigentlich auch im Rest Österreichs entsprechend auffallen.

Ich hoffe schon, dass sie das tut. Aber wir haben dabei noch Potenzial, da haben Sie völlig recht. Die Frage ist, nehmen wir in Wien die Position ein, die unserem Stellenwert auf dem oberösterreichischen Markt entspricht?

Wir haben ein Wiener Büro, drei innenpolitische Korrespondenten in Wien, eine starke Anzeigenvertretung, alle Ressorts sind regelmäßig in Wien präsent, aber bestimmte Türen sind dort – aus welchen Gründen auch immer – schwieriger für uns zu öffnen, das gilt nicht nur für uns, auch für Tiroler, Salzburger, Steirer. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sich auch im Journalismus Entscheider, die in Wien sitzen, halt permanent treffen, Gruppen bilden, da wird Medienpolitik auf hohem Niveau gemacht, da gibt es den ORF, einen mächtigen Staatssekretär, daneben den Boulevard. Und je öfter die sich treffen, umso eher glauben sie tatsächlich, dass die Republik an der Wiener Stadtgrenze endet. Sie blenden aus, dass die
Bundesländerzeitungen zusammen von rund 2,8 Millionen Österreichern gelesen werden. 650.000 lesen während einer Woche regelmäßig die „OÖN“. Auf die sollte ja kein Politiker, der in Wien sitzt, verzichten. Aber einige tun es scheinbar doch. Denen müssen wir die Tatsache, dass wir die Nummer fünf in Österreich sind, noch besser vermitteln.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 58 bis 59 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;