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Medien

Jetzt wird kuriert

Von Christian Krebs

Helmut Brandstätter ist seit Jahrzehnten eine fixe Größe in Österreichs Medienlandschaft: Nun übernimmt er die Chefredaktion des "Kuriers".

Eitel ist er nicht, der Herr Brandstätter, wirklich: Konfrontiert mit der Tatsache, dass beim unvermeidlichen Google-Abruf über 80.000 Einträge aufscheinen und er in Wikipedia inzwischen einen eigenen Artikel hat („aber der ist nicht von mir, ich hab ihn mal gelesen, im Großen und Ganzen stimmt er, aber es fehlt doch einiges“), wirkt er ehrlich erstaunt: „Alle über mich?“ Nein, natürlich nicht, aber doch die deutliche Mehrheit.

Das ist keineswegs verwunderlich, denn der mittlerweile 53-Jährige kann auf eine bewegte, abwechslungsreiche Karriere zurückblicken, die ihn nicht nur von Wien nach Deutschland, sondern auch nach Belgien, Italien, Portugal und in die USA führte. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Wien geht er von 1979 bis 1980 nach Bologna an die dortige Zweigstelle der John Hopkins University und beschäftigt sich mit europäischem Recht: „Das waren die ersten Studiengänge in diesem Fach, die angeboten wurden, es war sehr interessant“, sagt er heute. Um gleich da-rauf fortzufahren: „Aber ich war erst 23 und tat alles, um einem geregelten Arbeitsleben zu entgehen.“ Dies tat er in den nächsten beiden Jahren denn auch sehr erfolgreich – als Reiseleiter in den USA und in Lissabon.

Mit dem Duft der großen weiten Welt in der Nase kehrt er nach Wien zurück, und ab da wird es wirklich ernst: Er beginnt 1982 in der Auslandsredaktion des ORF, wird Korrespondent in Bonn und ist 1986 verantwortlich für den Aufbau des ORF-Büros in Brüssel. Die Jahre in Deutschland zählen für ihn noch heute zu den spannendsten, vor allem jene der Wendezeit in der DDR: „Wir waren oft dort, es war ungeheuer aufregend zu sehen, wie sich das alles entwickelte. Die Leute heute, besonders die Jungen, haben ja schon keine Ahnung mehr, wie das alles damals wirklich war.“

Vor allem ein Ereignis haftet ihm noch fest im Gedächtnis: „Im November 1989 gehörte ich zu einer Delegation von Journalisten, die Helmut Kohl auf einer Reise unter anderem nach Warschau und Au-schwitz begleiteten. Am Abend des 9. November saßen wir gerade bei einem Hintergrundgespräch mit Kohl zusammen, als plötzlich jemand von seiner Entourage mit einem Zettel zu Kohl stürmte und rief: ‚In Berlin ist die Mauer gefallen!‘ Kohl klappte geradezu der Unterkiefer herunter, er war zunächst sprachlos und genauso überrascht wie wir anderen auch, und das Erste, was er dann sagte, war nicht, wie es später immer wieder kolportiert wurde, ‚jetzt fahrn wir nach Berlin‘, sondern er sagte völlig fassungslos: ‚Was mach ma jetzt?‘“

Hauptabteilungsleiter unter dem „Tiger“.

Was Kohl in der Folgezeit macht, steht heute in den Schulbüchern (wenn sie auch mal wieder dringend überarbeitet gehören), Helmut Brandstätter jedenfalls geht zurück nach Wien und wird 1991 – noch unter dem „Tiger“, dem damaligen Generalintendanten Gerd Bacher – Hauptabteilungsleiter der Abteilung Politik und Zeitgeschehen. Auf Bacher folgt Gerhard Weis, auf Weis der nächste Gerhard, diesmal mit Namen Zeiler, und unter diesem verantwortet und moderiert Brandstätter den ORF-„Report“.

Für alle ziemlich überraschend kommt dann 1997 die Meldung, Brandstätter wechsle als Geschäftsführer zum deutschen Nachrichtensender n-tv nach Berlin: Es hatte gerade die Hoch-Zeit des ORF begonnen, jedenfalls wirtschaftlich und marktanteilstechnisch gesehen, mit „Taxi Orange“ & Co. – was trieb den inzwischen fest gesettelten ORF-Reporter plötzlich vom Küniglberg? Brandstätter: „Zunächst war ich sehr dafür, dass Zeiler kommt, aber es stellte sich schnell heraus, dass sich der ORF unter seiner Regie immer mehr zu einem kommerziellen Sender entwickeln würde, und ich war der Meinung, dafür werde der ORF, langfristig gesehen, teuer bezahlen müssen. Und ich habe recht behalten: Der ORF hat seine Seele verloren, ist austauschbar geworden, und Zeiler markiert den Anfang vom Ende. Dazu kam, dass ich damals einen Konflikt mit Wolfgang Fellner hatte und um Unterstützung bei Zeiler nachsuchte. Nun war Bacher ein Patriarch, der sich, wenn es darauf ankam, wirklich wie ein Tiger vor seine Leute stellte, Zeiler hingegen sagte damals zu mir, ‚na ja, schaun wir mal‘ – und in diesem Moment habe ich innerlich gekündigt.“

Bleibt die in diesem Zusammenhang unvermeidliche Gretchen-Frage „Wie hältst du’s heute mit dem ORF?“, denn Brandstätters Name taucht immer wieder in jener Liste illustrer Medienmacher auf, die Alexander Wrabetz beerben könnten/sollten/möchten. Brandstätter: „Das war ja früher eine Ehre, heute ist das nicht mehr so, inzwischen ist das Thema ausschließlich politisch besetzt – das habe ich mir früher nicht angetan und werde es auch jetzt nicht tun. Die Politik wird irgendwann einmal vielleicht begreifen, dass sie es übertrieben hat, und hoffentlich ist es dann nicht schon zu spät: Die Voest hat das nicht ausgehalten, andere Unternehmen auch nicht, doch solange der ORF Gebühren ausheben lässt, wird er es wohl aushalten müssen.“

Okay, Sack zu und Schwamm drüber, nur noch ein Zusatz: „Außerdem habe ich mich längerfristig beim ‚Kurier’ verpflichtet.“ Das „Wie lange“ wird dann allerdings nicht näher definiert.

Es folgen sechs Jahre bei n-tv, Brandstätter wirkt mit bei der Programmreform, und auch sprachliche Barrieren – er checkt ständig News-Kanäle wie CNN, und seine hartnäckige Frage „Hamma des?“ wird am Anfang von den deutschen Kollegen nicht wirklich verstanden – erweisen sich als überwindbar. 2004 läuft der Vertrag aus, außerdem naht mit RTL auch Kollege Zeiler, der sich an n-tv beteiligen möchte: „Das war der Knackpunkt, der Einstieg von RTL war gut für n-tv, ich habe ihn befürwortet, aber danach kam es zu unterschiedlichen Auffassungen über den weiteren Weg.“

„Unterschiedliche Auffassungen“ beenden auch sein nächstes Engagement: 2003 wird Brandstätter Geschäftsführer (und Moderator) beim damals gerade startenden Wiener Privat-Sender Puls, um zwei Jahre später dort wieder auszusteigen – „die Tochter des Hauptinvestors hatte sonderbare Vorstellungen über die Arbeit eines TV-Senders“.

Seine eigene BBC.

Nach seinem 50er, einem neuen Baby aus zweiter Ehe und freiberuflicher Tätigkeit als Medientrainer, Moderator und Coach launcht Brandstätter 2006 seine eigene BBC, die Brandstätter Business Consulting, an der österreichischer PR-Adel wie Wolfgang Rosam (25 Prozent) und Dietmar Ecker (14 Prozent) sowie die Düsseldorfer Agentur Deekeling Arndt Advisors (10 Prozent) beteiligt sind. Die Gründung der Leading Advisors Group GmbH durch Rosam, Ecker, Deekeling Arndt Advisors und BBC – zusammen mit sechs weiteren Agenturen aus den Bereichen PR, Lobbying, Marktforschung, Coaching, Strategieberatung und Public Affairs – führt 2009 in der Branche zu wilden Spekulationen über das kommende „Kartell der Meinungsmacher“, welche Brandstätter heute eher leger mit dem Begriff „Verschwörungstheorien“ vom Tisch wischt: „Das ist alles Unsinn, wir haben lediglich für gemeinsames Marketing gesorgt und uns gegenseitig bei den Kunden geholfen.“

Klar ist jedenfalls: Er gibt seinen 51-Prozent-Anteil an der BBC noch vor seinem Antritt in der Lindengasse ab, im Moment laufen gerade die Gespräche mit bereits bestehenden Shareholdern, und danach gibt es für ihn nur noch eins: „Verkaufen – und dann weg.“

Grüß Gott beim „Kurier“, Herr Brandstätter …

Erschienen in Ausgabe 06+07/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 42 bis 43 Autor/en: Christian Krebs. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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