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ARCHIV » 2010 » Ausgabe 06+07/2010 »

Medien

was braucht der „Kurier“?

Von Engelbert Washietl

Der Chefredakteurswechsel löst maximal 10 Prozent der "Kurier"-Probleme. Zehn Punkte, was sonst noch fehlt.

Was wird nach dem Tod des „Krone“-Chefs Hans Dichand und dem für 1. August fixierten Chefredakteurswechsel aus dem „Kurier“? Mit einem Schuss Skeptizismus gesagt: auch nicht mehr, als er bisher war, wobei hinzuzufügen ist, dass der „Kurier“ unabhängig von seiner chronischen Auflagenschrumpfung noch immer eine einflussreiche Zeitung ist.

Die Skepsis richtet sich nicht etwa gegen den künftigen Chefredakteur Helmut Brandstätter, sondern hat mit dem Grundproblem des „Kuriers“ zu tun. Dieses ist keines des Chefredakteurs. Die vom Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad als Eigentümervertreter veranlasste Ablösung Christoph Kotankos wird Bewegung hineinbringen und vielleicht den einen oder anderen kreativen Zugang in der Unternehmenspolitik öffnen. Das ist auch schon was. Aber die Ursachen der „ständig rückläufigen Marktdaten“, die Konrad beklagt, lassen sich damit nicht beseitigen. Zur Sanierung einer Fluglinie genügt es ja auch nicht, den Chefpiloten auszutauschen.Was braucht der „Kurier“ wirklich?

01. Der Geburtsfehler der 1988 gegründeten Mediaprint wird für ihn unerträglich. Die Mediaprint ist eine Dach- und Servicefirma für „Kurier“ und „Kronen Zeitung“, in der die beiden Tageszeitungen in wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeit gezwungen werden. Solange die Wirtschaft florierte, fiel das nicht auf. Nach mehr als 20 Jahren bekommt der „Kurier“ aber die Rechnung serviert: Die Vernunftehe mit der „Kronen Zeitung“ brachte ihm mehr Schaden als Nutzen. Es ist ungefähr so, wie wenn man einen Elefanten mit einem Zebra zusammenspannt. Die fressen einander nicht, aber der Weg führt auf jeden Fall dorthin, wohin der Elefant will – und keinesfalls rascher. Der „Kurier“ hängt an einem überdimensionierten Vertriebsnetz, weil die „Krone“ ins letzte Bergdorf gebracht wird. Er braucht nur eine Druckerei, druckt aber wegen der „Krone“ an drei Orten.

Was also tun? Entweder die Mediaprint auflösen, was rechtlich und auch unternehmenspolitisch zu einer Sisyphus-Aufgabe werden würde. Oder innerhalb einer reformierten Mediaprint eine weit größere Autonomie für deren Mitglieder gewähren. Der „Kurier“ muss sich gesellschaftsrechtlich emanzipieren dürfen. Vielleicht öffnet die nach Dichands Tod nötige Neubewertung des „Mediaprint“-Systems für den „Kurier“ eine Art Mondfenster.

02. Eigenständigkeit ist vor allem in der Sparte Werbung und Marketing dringend nötig. Wenn der „Kurier“ eine große Kampagne mit Gratisverteilungen in einem Bundesland machen möchte, dann trifft er dort auf die „Kronen Zeitung“ als möglicherweise sogar stärksten Mitbewerber – die beiden Blätter sollen einander auflagenmäßig jedoch schonen, weil sie Geschwister sind und die Erträge in einen gemeinsamen Topf fließen.

Ein Beispiel: In Oberösterreich verkaufte die „Krone“ im Schnitt des vorigen Jahres 143.000 Exemplare, die „Oberösterreichischen Nachrichten“ 104.000, während die oberösterreichische „Kurier“-Auflage in der ÖAK nicht einmal gesondert ermittelt wird. Möchte es der „Kurier“ auch dort auf einige Tausend Verkaufsexemplare bringen, müsste er gegen die „Krone“ in offenen Wettbewerb treten. Das Geld dafür liegt aber in der Mediaprint gebunkert, in der die „Krone“ Hälfteeigentümer ist.

Vollends frustrierend ist die Lage in Wien, wo der „Kurier“ mit einer Verkaufsauflage von 75.000 annähernd ebenbürtig zur „Krone“ mit ihren 122.000 dasteht. Startet der „Kurier“ einen aggressiven Werbefeldzug, kann er schwer glaubhaft machen, dass er seine Position nur gegen „Österreich“ oder auch die Gratiszeitung „Heute“ stärken will, aber der „Krone“ nichts wegnimmt. Also gab es schon lang keine „Kurier“-Offensive.

Dass der „Kurier“ auf dem freien Markt kein Gegner der „Krone“ sein darf, ist eine Lebenslüge, für die der „Kurier“ bezahlt.

03. Vom Prinzip her besorgt die Mediaprint das Anzeigenmarketing „in gleicher Liebe“ für beide Zeitungen. In der Praxis fühlt sich der „Kurier“ stark benachteiligt, weil die „Krone“ ihren dominierenden Leseranteil vom Neusiedlersee bis zum Brenner voll ausspielt. Sie bekommt überregionale Anzeigen gewissermaßen von selbst. Die Inserenten können national schalten, ohne den „Kurier“ einzubeziehen – die „Krone“ wird sich in den Verkaufsgesprächen kaum wehren, wenn sich die Kunden durch Umgehung des „Kuriers“ etwas ersparen wollen.

Diese Problematik spitzt sich zu, weil sich abseits der „Krone“ mit der RMA ein zweiter Ring mit nationalen Werbemöglichkeiten bildet. In Liebe mit der „Krone“ verbunden zu sein und allein in Wien auch noch vier, fünf Gratisblätter als rivalisierende Werbeträger verkraften zu müssen, ist ein ziemliches Elend.

Wie die Entwicklung der vergangenen Monate zeigte, unternimmt der „Kurier“ bereits manches, um sich aus der Umarmung durch die Mediaprint freizustrampeln.

04. Der „Kurier“ muss sein Image polieren, die Marke. Hier kommt erstmals der Chefredakteur ins Spiel, und zweifellos hat der Netzwerker Helmut Brandstätter etwas zu bieten.

Von der großen Vergangenheit kann auf Dauer auch eine Zeitung nicht leben. Der „Kurier“ war einst die Nummer eins in Österreich, hatte mit Hugo Portisch ein Zugpferd, das sich weit über dessen journalistisches Talent entfaltete. Für Portisch, der aus Anlass des Chefredakteurswechsels auch in Interviews wieder gern genannt wird, ergab sich kein Problem daraus, wo der „Kurier“ steht und wo sein Platz im Ranking der Zeitungen ist.

Aber leider – das war einmal, und zwar schon vor sehr langer Zeit. Bloß darf sich der „Kurier“ nicht mit der defätistischen Antwort zufriedengeben, dass alles nichts nützt, weil er qualitätsmäßig von oben („Presse“, „Standard“) und unten („Krone“, „Heute“, „Österreich“) in die Zange genommen wird.

Wenn Brandstätter also schon im Bund mit den Spitzen der PR- und Consulter-Branche steht (siehe Porträt, Seite 42) – warum sollte davon nicht manches abfallen, um die Stellung des „Kuriers“ im Stammland Wien-Niederösterreich-Burgenland zu festigen? Wie Brandstätter das macht, ist seine Aufgabe, wobei er vermutlich nicht der Illusion verfällt, dass alte, auf Rendite bezogene Freundschaften eine nachhaltige und geradezu karitative Sorgepflicht für jemanden bedeuten, der aus dem Sorgeverein soeben austritt.

Da der „Kurier“ im Vergleich mit „Presse“ und „Standard“ die größte Breitenwirkung hat, im Vergleich mit „Krone“, „Österreich“ und „Heute“ aber die wenigsten Zugeständnisse im qualitativen Anspruch macht, hätte er ja eine klare Position. Nur muss man sie den Leuten und auch der Wirtschaft begreiflich machen. Eine Herausforderung.

05. Die Redaktionslinie ist damit schon berührt. Qualität war schon in der siebenjährigen Ära Kotanko ein Anspruch, allerdings kein akademischer oder gar esoterischer, sondern eher erdig. Man kann sich beim „Kurier“ darauf verlassen, dass er um der Quote willen keine journalistische Sauerei macht, dass er sich immer wieder punktuell für ideelle Anliegen stark macht, beispielsweise Minderheitenschutz, dass er bezüglich Auswahl, Bearbeitung und Präsentation der Nachrichten die erforderliche Sorgfalt an den Tag legt und obendrein immer wieder exklusive Neuigkeiten bietet. Brandstätter wird von diesem Kurs nicht abweichen – wollte Konrad das, hätte er jemand anderen finden müssen.

Brandstätter sagt, dass „Sicherheit“ zum fast einzigen Ziel der Kommunikation geworden ist, weil niemand mehr wisse, wohin die Reise geht. Da will er ansetzen, unter anderem auch mit vertrauenswürdigen Ratgebern aus Wirtschaft, Politik, Kultur usw., die für die Zeitung zur Feder greifen. „Täglich ein Gesicht.“

Dass die redaktionelle Unabhängigkeit unentwegt verteidigt werden muss, scheint ihm ebenfalls klar zu sein.

06. Die Redaktion hat 2005 Peter Rabl als Herausgeber verloren, jetzt verliert sie Kotanko, zu dessen Leistungen es auch gehörte, ein Hort der Beständigkeit zu sein. Wenn Brandstätter, was anzunehmen ist, als Chefredakteur eine Art akzentuierte Botschaftert

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