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Medien

„Wiener Zeitung“ ist eine „öffentliche Zeitung“

Von Interview: Engelbert Washietl

Geschäftsführer Karl Schiessl will die Zeitung der Republik zu einem digitalen Zentrum für Unternehmensinformation aufrüsten.

Die „Wiener Zeitung“ leitet ihr Geburtsdatum 1703 vom „Wienner Diarium“ ab und bezeichnet sich als älteste Zeitung der Welt. Damit würde die „Wiener Zeitung“ im Jahr 2013, zufällig auch zum Ende der Legislaturperiode, den 310. Geburtstag feiern können. Wird es sie dann in der heutigen Form noch geben?

Karl Schiessl: Bis zum Jahr 2013 wird die Zeitung sicher in der Form bestehen, wie sie sich derzeit auf dem Markt und in der Wirtschaft präsentiert. Sie wird sich natürlich wie alle anderen Tageszeitungen an neue Gegebenheiten, Informationstechniken, Informationsgewohnheiten der Konsumenten anpassen. Diese Veränderungen sind laufend im Gang. Aber bis 2013 sehe ich die Umbrüche nicht so dramatisch.

Die Zeitung ist zu 100 Prozent im Besitz der Republik Österreich und somit ein politisches Instrument. Bis 2013 ist auch vonseiten der Regierung nichts geplant, was Ihre Aussage relativieren würde?

Die „Wiener Zeitung“ ist dadurch, dass sie nicht direkt von öffentlichen Budgets abhängt, nicht so gefährdet, zumal es geradezu notwendig ist, eine Zeitung zu haben, die von wirtschaftlichen Interessen grundsätzlich unabhängig ist. Man hängt das Kürzel „unabhängig“ meist nur im Sinn von „unabhängig von der Politik“ an. Viel wesentlicher sind die Abhängigkeiten von Wirtschaftslobbys, von wirtschaftlichen Eigentümern. Manche Zeitungseigentümer regieren direkt in die Redaktion hinein oder steuern die Berichterstattung so, dass direkt in die Politik eines Landes eingegriffen wird. Da entsteht Bedarf, dass es ein Medium gibt, das unabhängig von wirtschaftlichen Interessen bleibt. Die Beweggründe des Kaisers, 1703 eine derartige Zeitung einzuführen, waren die gleichen: Er wollte eine Zeitung, die schreibt, was ist, und nicht, was die Leute gerne hätten.

Schon der Kaiser wollte gewiss auch, dass das, was ist, so ist, wie er es sehen will. Ich könnte mir vorstellen, dass auch Politiker der heutigen Republik manchmal Lust hätten mitzumischen.

Ich bin 13 Jahre da, habe den vierten Chefredakteur. Ich habe von keinem der Chefredakteure jemals Klage gehört, dass sich ein Politiker gewünscht hätte, dieses oder jenes zu berichten oder wegzulassen. Die Diskussionen, die man rund um den ORF hört, gibt es bei der „Wiener Zeitung“ bisher nicht.

Das Amtsblatt ist ein Unikum. Ist es ein Teil der „Wiener Zeitung“ oder bloß angehängt?

Die Zeitung lässt sich nicht in zwei Teile trennen. Der Übergang ist fließend. Ist der Börsenkurs etwas, was in die Redaktion gehört oder ins Amtsblatt? Ebenso Ausschreibungen im Bundesdienst. Wir verstehen die „Wiener Zeitung“ als Einheit und lassen sie ungern auseinandernehmen.

Der Übergang ist auch wirtschaftlich fließend, weil die Tageszeitung zu einem erheblichen Teil mit den Gewinnen des Amtsblatts finanziert wird.

So ist es. Wirtschaftliche Unabhängigkeit ist eine Grundvoraussetzung. Die „Wiener Zeitung“ wäre unnötig, würde sie einem privaten Eigentümer gehören, denn es gibt genügend private Tageszeitungen. Die „Wiener Zeitung“ kann es sich leisten, nicht mit dem Mainstream mitzugehen, nicht auf Boulevard zu schielen, auch nicht auf die Elemente, die Traffic und Zugriffe bringen.

Sie leistet sich auch eine relativ bescheidene Auflage. Wie hoch ist sie?

Die verkaufte Auflage liegt, wenn man alle Erscheinungstage übereinanderlegt, bei rund 14.000 Stück. Wir drucken im Schnitt 25.000 bis 26.000 Exemplare.

Das Statistische Zentralamt zählt, brutto und alles zusammengerechnet, 400.000 Unternehmen in Österreich. Gemessen daran ist die Zugriffsfreude der Unternehmer an der „Wiener Zeitung“ und ihrem Amtsblatt bei 25.000 Druckauflage eher bescheiden.

Die „Wiener Zeitung“ ist immer eine Zeitung für Leute gewesen, die sich etwas mehr anschauen. Es ist leider nicht alles in ihr enthalten, sondern hauptsächlich das, was Gesellschaften mit beschränkter Haftung betrifft, Kapitalgesellschaften und GesmbH. Es sind also nicht alle 400.000 Unternehmen betroffen, also schauen nicht alle hinein. Das reduziert sich auf 130.000 bis 150.000 Gesellschaften. Die Daten und Fakten der „Wiener Zeitung“ werden aber vielfach verwendet. Wir haben im Monat 400.000 und mehr Zugriffe auf unserer Homepage.

Kann man alles abrufen, was im Amtsblatt steht?

Alles. Das ist 1998 die Garantie für die „Wiener Zeitung“ gewesen, dass SPÖ und ÖVP gesagt haben: Okay, die Zeitung soll weiter bestehen, aber sie muss das Amtsblatt und eigentlich die ganze Zeitung im Internet kostenlos zur Verfügung stellen.

Haben Sie einen Masterplan, wie die Zukunft des Unternehmens ausschauen soll?

Wir wollen erstens den Weg der Qualitätsverbesserung konsequent weitergehen, weil es nur so eine Überlebenschance gibt. Dort, wo unsere Brötchen herkommen, sind wir Informationsdienstleister. Teile des Amtsblattes werden seit Jahren in Mehrwertdienste umgebaut und elektronisch angeboten. Wir haben zum Beispiel für die Republik das gesamte Ausschreibungswesen technisch und organisatorisch neu gefasst und ihr damit sehr viel Geld erspart. Wir haben einen Firmenmonitor eingerichtet. Dort kann man sich jede erfasste Firma anschauen und jede Veränderung überprüfen, die es gegeben hat.

Auf wie viele Jahre reicht das zurück?

Bis 1998, davor haben wir die Daten nicht. Wenn es der Wille der Politik wäre, könnten wir den Umfang mit einem Schlag auf das gesamte Handelsregister ausdehnen. Die Daten vor 1998 müssten uns vom Bundesrechnungszentrum beziehungsweise vom Justizministerium zur Verfügung gestellt werden. Man muss natürlich wissen, dass das Justizministerium ein schönes Geld damit verdient und strikt gegen eine Änderung ist.

Derzeit besteht ja die Situation, dass die Ediktdatei nach sieben Tagen geschlossen wird. Ich halte das für problematisch. Wenn eine Firma für die Eintragung ins Handelsregister zahlt, dann gehört das veröffentlicht und nicht verheimlicht. In Amerika wäre es undenkbar, dass man Daten, die mit Gebühren zustande gekommen sind, versteckt und die Bürger extra bezahlen lässt, falls sie Einblick nehmen wollen. Das könnten wir mit dem Firmenmonitor aufbrechen.

Eine Kontroverse beschäftigt Sie seit Jahren. Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, für die Verlautbarungen im Amtsblatt zu zahlen. Dieser Ertrag wandert in den rein journalistischen Teil der „Wiener Zeitung“. Das kann als glatte Querfinanzierung gedeutet werden, und Mitbewerber wehren sich dagegen. Wie ist der Stand der Dinge?

In Österreich sind wir durch alle Instanzen gegangen, der Oberste Gerichtshof schloss sich unserer Meinung an, dass die Zeitung nicht in einen journalistischen und einen amtlichen Teil zerfällt. Jetzt versucht ein Konkurrent, die Entscheidung zu kippen, weil sie gegen europäische Wettbewerbsregeln verstoße.

Der Konkurrent ist „Die Presse“?

Genau. Wir sind weiterhin der Meinung, dass davon nicht die Rede sein kann.

Dennoch – der Staat verschafft der „Wiener Zeitung“ mit gesetzlichem Nachdruck ein Grundeinkommen. Mitbewerber sagen: Wir bekommen ein solches nicht. Was sagt der EU-Wettbewerbskommissar dazu?

So weit sind wir noch nicht. Die EU-Kommission hat aufgrund der Anfrage der „Presse“ bei uns Fragen deponiert, wir haben sie beantwortet. Die EU-Kommission wird entscheiden – demnächst, nehme ich an -, ob es überhaupt zu einem Vorverfahren kommt.

Letztlich könnte es um die Frage gehen, ob es sich um eine Beihilfe handelt. Aber selbst dann ist es keine verbotene Beihilfe, denn diese Art der Finanzierung gibt es schon seit 1812. Sie hat also schon vor dem österreichischen EU-Beitritt 1995 existiert und sich seither nicht verändert. Eine Altbeihilfe ist erlaubt.

Wie ist die Ertragssituation der Zeitung?

Wir machen in jedem Jahr einen leichten Gewinn, auf jeden Fall unter einer Million Euro.

Bei wie viel Umsatz?

Alles in allem 23 Millionen. Das Budget muss jeweils vo
m Aufsichtsrat genehmigt werden, insofern entscheidet der Eigentümer mit.

Und wenn es um die Existenz der „Wiener Zeitung“ ginge, das wäre dann eine Koalitionsfrage?

Ich hoffe, dass es noch viel mehr als eine Koalitionsfrage wäre, also mindestens eine öffentliche Frage. Ob man eine Zeitung wie die „Wiener Zeitung“ braucht, ist meiner Meinung nach eine öffentliche Frage.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 60 bis 61 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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