ARCHIV » 2010 » Ausgabe 10+11/2010 »

Medien

Berufswunsch Velina

Von Interview: Astrid Kuffner

Mathilde Schwabeneder, Leiterin der ORF-Außenstelle in Rom, sprach auf dem Journalistinnenkongress über das Frauenbild im italienischen Fernsehen. Medienzampano Silvio Berlusconi hat nackte Haut zur TV-Norm gemacht. „Velina“ – wie das weibliche schmückende Beiwerk genannt wird – ist ein vielfach geäußerter Berufswunsch junger Frauen. Kann ein Mann das Frauenbild eines ganzen Landes verändern?

Sie haben die Anfänge von Medienzar Silvio Berlusconi von 1983 bis 1995 in Rom miterlebt. Was beobachten Sie seither in Bezug auf das vermittelte Frauenbild?

Mathilde Schwabeneder: Betrachtet man es rein quantitativ, kommen erfreulich viele Frauen im Fernsehen vor. Sie sind physisch sehr präsent. Zudem sind rund 60 Prozent des italienischen TV-Publikums weiblich. Die qualitative Präsenz lässt hingegen zu wünschen übrig. Frauen sollen – ausgenommen der TV-Informationsbereich – am besten sehr jung sein und möglichst stumm oder nichtssagend bleiben. Sie lächeln immer, tanzen, ziehen Lose und sind leicht bekleidet. Kameras nähern sich ihnen gerne auch aus der Gynäkologenperspektive. Begonnen hat dieses Phänomen Anfang der 1980er-Jahre. Damals haben die privaten TV-Stationen Silvio Berlusconis angefangen, Frauen wie dekorative Möbelstücke in Stellung zu bringen. Das kam beim Publikum durchaus an. Berlusconi war ja immer ein gerissener Geschäftsmann; einer mit Instinkt dafür, was vielen Menschen gefällt. Das hat er zuerst in bare Münze umgesetzt und dann auch in politisches Kleingeld. Beispiellos ist, wie er sein Medienimperium aufgezogen hat. Es war Privatsendern damals ja verboten, landesweit zu senden. Berlusconi hat deshalb Regional- und Lokalsender aufgebaut, seine Programme auf Videokassette vervielfältigt und auf diese Weise flächendeckend ausgestrahlt.

Prägend für das italienische Fernsehen wurden Programme wie „Drive in“ oder die satirische Nachrichtensendung „Striscia la notizia“. Immer dabei: Eine Blonde und eine Brünette, tief dekolletiert und in knappen Höschen, die sogenannten „Ragazze fast food“. Noch bevor Berlusconi also in die Politik ging, hat er mit seiner Mediaset das Frauenbild bereits stark verändert. Frauen sollen – wie in der Werbung – jung, sexy und physisch perfekt sein.

Was bedeutet das gesellschaftspolitisch?

Viele Italiener und Italienerinnen informieren sich nur über das Fernsehen. Oder schauen lieber gleich Unterhaltungsprogramme oder eine der unzähligen Talkshows. TV hat immer noch einen enormen Stellenwert. Es läuft sich trotz zahlloser Kanäle nicht tot. Im Gegenteil: Es hat eine ungeheure Attraktion. Mit anderen Worten: Es ist eine Generation herangewachsen, die nur dieses via TV vermittelte Frauenbild kennt. Viele Mädchen eifern dem nach. Ein häufig geäußerter Berufswunsch ist die Velina, das typische TV-Starlet. Diese jungen Frauen sind deswegen nicht alle dumm. Aber sie vermitteln und leben ein unglaublich konservatives Welt- und Frauenbild. Ich fürchte, dass die jetzige Wirtschaftskrise das Übrige dazutut.

Silvio Berlusconi selbst hat einmal einer jungen Frau ohne fixen Job in einer TV-Sendung feixend geraten: Heiraten Sie doch einen meiner Söhne, einen Millionär. Bei einer Politveranstaltung hat er vor Kurzem dem jungen Publikum erzählt, warum „er so gut bei den Frauen ankommt“. Und dann hat er grinsend aufgezählt: Erstens weil ich sympathisch bin, zweitens weil ich nicht blöd bin. Dann weiß man, dass ich es immer noch ganz gut mache, dann habe ich Kohle und dann glauben die Frauen, dass ich bald sterbe und sie erben. Mit diesen Witzen transportiert er etwas, das offensichtlich gut ankommt. Sonst würde er es nicht so erzählen.

Warum ist es Ihnen ein Bedürfnis, davon in Österreich zu erzählen?

Italien unterscheidet sich in diesem Punkt von Österreich und anderen Ländern. Aber das heißt nicht, dass man anderswo immun ist. Am Beispiel Italien hat man gesehen, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen durch den Druck des privaten TV sehr stark verändert, sprich: sich angepasst hat. Es ist mir wichtig zu zeigen, dass dieses Frauenbild nicht nur in den Medien Silvio Berlusconis omnipräsent, sondern auch im öffentlich-rechtlichen Bereich zu finden ist. Als Ministerpräsident bestimmt Berlusconi natürlich auch indirekt bei RAI mit.

Ein gewisser Anpassungsdruck ans deutsche Privatfernsehen und die politische Besetzung wichtiger Posten sind ja auch in Österreich nicht unbekannt. Gibt es denn Erfolgsbeispiele, was Frauen in Italien durch einen TV-Auftritt werden können?

Wenn eine Frau dem Ministerpräsidenten gefällt – meist sind es sehr junge Frauen –, kann das durchaus die Eintrittskarte in die Politik sein. Ein besonders bekanntes Beispiel ist die heute 35-jährige Mara Carfagna. Sie hat als TV-Showgirl angefangen und ist seit 2008 dank ihres Naheverhältnisses zu Berlusconi Ministerin für Gleichbehandlungsfragen. Das kann man sich außerhalb Italiens nur schwer vorstellen.

Was ist mit jenen Frauen, die schon lange im TV arbeiten oder als Expertinnen zu Wort kommen?

Der soziale Druck ist hoch. Kaum eine langjährige TV-Frau hat nicht mindestens eine Schönheits-OP oder Botox-Behandlung hinter sich. Und wenn man ihre Karrieren lange genug verfolgt, kann man die etappenweise Veränderung beobachten. Auch wenn Frauen fachlich versiert sind, etwas zu sagen haben, müssen sie physisch entsprechen.

In der Dokumentation „Il corpo delle donne“ von Lorella Zanardo und Marco Malfi Chindemi sind viele peinliche und erniedrigende TV-Szenen zu sehen. Zanardo meint, dass die Bildkultur Italiens auf die Ästhetik eines Stripclubs umgemodelt wurde. Sind die gewählten Bilder die Spitze oder das Mittel des schlechten Geschmacks?

Sie zeigen, was einen im Schnitt erwartet, wenn man den Fernseher einschaltet. In einem Interview hat mir Lorella Zanardo gesagt, dass sie jahrelang nicht glauben konnte, dass es diese Entwicklung gibt. Sie hat nämlich gar nicht ferngesehen. Für ihren Film hat sie das nachgeholt. Das kennt man auch hierzulande, dass Fernsehen gerne ein bisschen von oben herab betrachtet wird. Man kann aber nicht über Italien schreiben und sprechen, wenn man nicht fernsieht. In den 60er- und 70er-Jahren hatte Italien eines der besten TV-Programme der Welt mit einem starken Bildungsauftrag. Das Fernsehen war wichtig für die Einheit des jungen Staats. Man hat Mama RAI gesagt, im Sinne der präsenten und dominanten italienischen Mama, die sagt, was Sache ist.

Haben Sie eine Antwort auf die Frage, warum Italiens Frauen diese Programme widerspruchsfrei konsumieren, statt zu protestieren?

Es gibt derzeit in Italien keine Frauenbewegung, die wirklich gut strukturiert oder landesweit tätig wäre. Aktiv sind eher Frauen im Alter 50 plus, vielen jungen Menschen ist das gar nicht so bewusst. Sie verstehen nicht, was an diesem Frauenbild schlecht sein soll. Viele Italiener und Italienerinnen, mit denen ich darüber gesprochen habe, sind andererseits resigniert. Sie meinen, dass es für eine gesellschaftspolitische Änderung eine neue Generation braucht.

Wie sieht denn Ihr eigener TV-Konsum aus?

Wenn ein Reiz immer wieder gesetzt wird, nimmt man ihn nicht mehr wahr. Man blendet ihn aus, bis einen Gäste oder Kollegen aus anderen Ländern wieder einmal fragen: Wieso laufen denn da so viele Halbnackte schon im Nachmittagsprogramm herum? Es ist gefährlich, wenn so ein Frauenbild subkutan transportiert wird. Es war eine schleichende Entwicklung, die zur Normalität geworden ist. Ich möchte betonen, dass es in Italien auch sehr viele hochwertige Sendungen gibt. Ich sehe natürlich fern, um zu wissen, was los ist. Allerdings vor allem Nachrichten und die täglichen hochqualitativen Polit-Talks.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 64 bis 65 Autor/en: Interview: Astrid Kuffner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;