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Medien

Die Kraft der Qualität

Von Und Interviews: Theresa Steininger

Der IPI-Weltkongress 2010 brachte in Wien und Pressburg Helden der Pressefreiheit zusammen, diskutiert wurde vornehmlich über Gefahren und Chancen von Internet, Twitter und Co.

„Are we losing the news?“ Um über diese Frage zu debattieren, lud das International Press Institute (IPI) zu einem viertägigen Kongress nach Wien und Pressburg. Auch wenn dieser mit dem Bericht der interimistischen IPI-Direktorin Alison Bethel McKenzie über die für Journalisten gefährlichsten Länder – Mexiko, Honduras, Pakistan … – und die Todesfälle von Kollegen eingeleitet wurde und der Free Media Pioneer Award an eine kongolesische Radiostation vergeben wurde (siehe Kasten rechts), drehten sich die Gespräche auf dem Podium doch viel mehr um die Veränderung der journalistischen Arbeit durch Internetmedien und soziale Netzwerke und um die Frage, wohin sich der Qualitätsjournalismus bewegt. „Es gibt viele Fragen, aber wenige Antworten“, meinte da IPI-Chairman Janne Virkkunen. „Wir müssen an die Kraft von Qualitätsjournalismus glauben – er ist und bleibt die beste Möglichkeit, Vorurteile und Toleranz zu bekämpfen.“

Dass dies von zu wenigen Menschen geschätzt wird, bezeichnete Elmar Theveßen vom ZDF als die größte Bedrohung des Qualitätsjournalismus: „Wir müssen unser Profil schärfen: Die Menschen sollen wissen: Wir bringen die Story dahinter, nicht, wie viele andere, noch mehr Unterhaltung.“ Die Menschen mit den ausgewählten Nachrichten nicht genügend anzusprechen, sieht Ferial Haffajee, Herausgeber von „City Press“ aus Johannesburg, als Grund dafür, dass Leser sich lieber im Internet und über soziale Netzwerke als bei traditionellen Medien informieren. Errol Barnett, Anchorman von CNN, brachte hier die positiven Seiten von Twitter, Facebook und Co für den Journalismus ein: „Wir können über die sozialen Netzwerke recherchieren, welcher Aspekt einer Story die Leute wirklich interessiert“ – was auch Phil Fearnley von BBC betonte: „Das Internet kann helfen, einen sozialen Blickwinkel auf eine Story zu bekommen und sie repräsentativ zu machen.“ Durch Youtube und Facebook wird jeder Einzelne zum Korrespondenten, was wiederum Jeff Howe vom „Wired“-Magazin aus San Francisco als Chance sieht, Leser einzubinden. Denn dass man die Leser nicht verliert, wenn man Wege findet, sie ins Boot zu holen, war Konsens in zahlreichen Diskussionen dieses Kongresses.

Verlinkung – mit dem Leser, aber auch untereinander – lautete das wichtige Schlagwort der Tagung. Wer in Zeiten der Wirtschaftskrise keine eigenen Korrespondenten mehr ausschicken kann, solle bestenfalls mit Kollegen vor Ort Kontakt aufnehmen, so Theveßen. Und mit Bloggern kooperieren, wie Alex Jones vom Joan Shorenstein Center on the Press der Harvard University anregte: „Die jungen Leute, die Blogs oder Ähnliches machen, müssen wir mit uns und unserer Kompetenz zusammenbringen“, so Jones.

Als eine vieler Lösungen im Informationsüberschwang, den das Internet den Lesern bietet, wurde auch der Nischen-Journalismus präsentiert: „Politico“, das US-amerikanische Spezialmagazin, sei hier „dem Trend voraus“, sagt dessen Herausgeber Bill Nichols. „Die Leute gehen ja nicht nur auf eine Site, um sich zu informieren, daher ist bei den einzelnen Medien der Fokus auf ein Thema und dessen Vertiefung wichtig. Ich denke, es gibt noch Platz für traditionellen Journalismus. Die meisten Leute wollen immer noch jemanden, der ihnen erzählt, was die realen Umstände und Hintergründe einer Geschichte sind.“

Darauf, dass mit sozialen Netzwerken aber in verschiedenen Ländern unterschiedlich umgegangen werden muss, machte Ghada Oueiss, Moderatorin von Al Jazeera, aufmerksam: „In unserer Region sind Twitter und Co nicht vertrauenswürdig. Und Info, die man hier veröffentlicht, könnte Menschenleben kosten.“ Als einzige Panel-Teilnehmerin brachte sie demnach die Zuhörer wieder auf die Gefahren und heiklen Punkte des Journalismus zurück, auf die der IPI-Kongress auf dem Podium so wenig eingegangen war. Dies hatte man sich für die Rahmenveranstaltungen aufgehoben, in der 60 Helden der Pressefreiheit ausgezeichnet wurden.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 62 bis 62 Autor/en: Und Interviews: Theresa Steininger. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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