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Praxis

Die Multitasker

Von Marta Botero

TV, Radio, Online, Tabloid-PC und Print – alles in einem Newsroom. Ein kolumbianischer Medienkonzern zeigt, wie es funktioniert.

Das Verlagshaus Casa Editorial El Tiempo (CEET) ist das größte Multimediaunternehmen in Kolumbien. Es hat einen der am besten integrierten Newsrooms überhaupt und liefert Inhalte für einen Fernsehsender, 16 Magazine, 18 Webseiten, einer landesweiten Zeitung („El Tiempo“) sowie für verschiedene spezialisierte, regionale, lokale und kostenlose Zeitungen und für Mobiltelefonservices. CEETs Marsch in Richtung Integration begann 2004 unter der Leitung von Geschäftsführer Luis Fernando Santos, der schon früh folgende Schlussfolgerung zog: „Wenn wir nicht bald eine Multimediastruktur mit einem neuen Geschäftsmodell einführen, werden wir keine Zukunft haben.“ Zu dieser Zeit waren alle Nachrichtenredaktionen von „El Tiempo“ und anderen Medienformaten der Gruppe noch komplett voneinander getrennt. Zwischen der Online-Nachrichtenredaktion und der Nachrichtenredaktion für Printmedien verlief eine Glaswand, welche die beiden Redaktionen voneinander trennte. Die der anderen Zeitungen und Magazine waren überall zerstreut, jede mit ihrem eigenen Bereich. Der Newsroom von „Portafolio“, einem Wirtschaftsmagazin, befand sich in einem anderen Gebäude und das Nachrichtenteam von City TV war 20 Kilometer vom Hauptsitz entfernt. Als erst einmal die strategische Entscheidung für einen Wandel fiel, war das erste Ziel, alle Nachrichtenressorts, nach Themengebieten sortiert und nicht nach Formaten, unter ein Dach zu bringen.

Bis 2008 wurden die Unternehmenskultur, das Layout und alle Arbeitsprozesse komplett überholt. Der Newsroom wurde komplett umgestaltet, um das ganze Multimediapersonal auf zwei Stockwerken im Hauptsitz des Unternehmens unterzubringen. Der Ansatz für die Inhaltsproduktion wechselte dahingehend, dass sie nun nicht mehr „papierzentriert“ oder „plattformzentriert“ war, sondern „inhaltszentriert“. Die vergrößerten Newsrooms wurden nun in kleinere Redaktionsgruppen unterteilt, die sich mit speziellen Themenbereichen beschäftigten und Inhalte für alle Medien erstellten. Die Redakteure eines jeden Mediums beziehen Informationen aus der gemeinsamen Datenbank und schneiden sie dann auf das jeweilige Medium zu.

Jeder Redaktionsgruppe wurde ein „Superuser“ zugewiesen, ein Journalist, der für diese Medien geschult wurde, um weniger technologiebegeisterten Kollegen dabei zu helfen, den Nutzen dieser Systeme so gut wie möglich ausschöpfen zu können, wenn sie die Inhalte für die gemeinsame Datenbank erstellen. Die Schulung der Mitarbeiter spielte während des Übergangsprozesses eine wichtige Rolle. Es wurden Kurse entwickelt, in denen den Mitarbeitern beigebracht werden sollte, wie sie Inhalte für die Multimediadatenbank erstellen können, wie man den Begriff „Inhalt“ in einem Multimediaumfeld definiert, wie man Nachrichten visuell besser erzählen kann, wie man Inhalte für das Fernsehen konzipiert, wie man interaktive Inhalte für das Internet plant und entwickelt und wie man den Inhalt von Printmedien verbessern kann.

Dieser neue Ansatz für Arbeits- und Produktionsprozesse erforderte die Einführung eines neuen Content Management Systems (CMS), das die Verwendung und Wiederverwendung von Inhalten ermöglichen sollte, die nicht auf ein bestimmtes Medienformat zugeschnitten worden sind.

Die neuen Arbeitsabläufe

Jeden Morgen stellen die Ressortredakteure ihre Themen für den Tag vor und werden dann von den Produktmanagern dabei beraten, wie das Material am besten auf die bestimmten Multimediaformate zugeschnitten werden kann.

Reporter und Multimediaproduzenten erhalten detaillierte Aufgabenstellungen, wie z. B. Anweisungen zum Fokus der Story, und es wird ihnen das Ausgabemedium vorgegeben. Außerdem wird ihnen mitgeteilt, ob Video-, Audiodateien oder Infografiken benötigt werden.

Sobald der Inhalt erstellt wurde, wird er in der gemeinsamen Datenbank gespeichert, zu der alle Produktmanager Zugang haben und dann entscheiden, ob und wofür der Inhalt verwendet werden kann. Die Erstellung der Tagesinhalte wird kontinuierlich nachverfolgt, um die zahlreichen Deadlines eines 24-Stunden-Betriebes einhalten zu können.

Bei exklusivem Material hat der Chefredakteur, ein leitender Nachrichtenredakteur, der für alle Medien verantwortlich ist, das letzte Wort, wenn es darum geht zu entscheiden, welche Plattform eine Story zuerst bringen sollte.

Umsetzung

Der Strukturwandel begann zunächst mit ein paar Freiwilligen, die Storys auf verschiedenen Plattformen veröffentlichten und Newsroomskeptiker schließlich davon überzeugten, dass dieser Wandel machbar war. Dadurch kamen viele Journalisten zu der Einsicht, dass dieser neue Ansatz dabei helfen könnte, ihre Arbeit zu verbessern – und deren Reichweite zu erhöhen.

Dieser Wandel basierte auf den folgenden drei Schlüsselfaktoren:

* Eine klare Fokussierung auf die strategischen Ziele, die erreicht werden sollen.

* Ständige Schulungen in allen Bereichen des Newsrooms, bis allmählich das „Multimedia-Virus“ durch alle Ebenen dringt. Dafür ist die Hilfe vieler enthusiastischer Mitarbeiter notwendig, die sich bereits frühzeitig an das Multimediakonzept anpassen, aber ohne dass man jemandem dieses Konzept aufzwingen müsste.

* Durch Versuch und Irrtum: CEET und sein Personal erkannten schnell Best-Practice-Beispiele und konnten diese auch gezielt umsetzen. Dabei wurden viele Skeptiker von der Notwendigkeit der Multimedia-Integration überzeugt.

Auf Unternehmensebene sieht CEET alle Veränderungen als einen Ausgangspunkt für neue Entwicklungen an. Der Erfolg der Newsroom-Integration hat das Management davon überzeugt, dass eine schnelle Reaktion auf neue Herausforderungen dem Unternehmen seine andauernde Marktführungsposition sichern wird.

Marta Botero

Beraterin, Innovation International Media Consulting Group

botero@innovation-mediaconsulting.com

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Praxis“ auf Seite 94 bis 94 Autor/en: Marta Botero. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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