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Medien

Die Pelinkas

Von Elisabeth Horvath

Der Vater Journalist, der Onkel Politologe, beide prominent, der Junge legt eine SP-Blitzkarriere hin: Die Optik veranlasst zu Häme, doch die Wahrheit ist eine differenzierte. Wie (fast) alle Wahrheiten.

Eines hat Nikolaus (Niko) Pelinka, 24, seinen Altersgenossen gegenüber voraus: So viel Aufmerksamkeit in Politik und Medien wird einem normalerweise nicht zuteil. Und Aufmerksamkeit verschafft Gewicht in der Öffentlichkeit. Man wird bedeutsam und dadurch prominent. Oder wie es Georg Franck 1998 in seinem Buch „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ formulierte: „Prominente sind die Einkommensmillionäre in Sachen Aufmerksamkeit.“

Im Fall Niko P. ist zwar er (noch?) nicht der Einkommensmillionär, wohl aber sind es seine Nahverwandten Peter und Anton Pelinka, die ihm Kraft ihrer Bekanntheit und Reputation auf dem Polit- und Medienparkett Aufmerksamkeit verschafft haben. Vater Peter Pelinka, 59, hat sich nach dem Studium von Geschichte und Politikwissenschaften im Laufe von Jahrzehnten einen Namen erarbeitet. Ist PP doch nicht nur Chefredakteur der „News“, sondern ebenso Moderator des ORF-Talks „Im Zentrum“, Lehrbeauftragter an der Publizistik Wien sowie Autor von 16 politischen Büchern. Darin steckt schon ein hartes Stück Arbeit. Nebstbei ist er seit 2008 auch Träger des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien.

Desgleichen ist Peters um zehn Jahre älterer Bruder und damit Nikos Onkel, der Politikwissenschaftler und vormalige Dekan der Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Innsbruck, Anton Pelinka, 69, nicht minder eine bekannte Größe und viel zitierte Persönlichkeit in jener Szene, in die sich nun sein Neffe hineinkatapultiert hat. Indem er ohne Scheu und Bedenken das Angebot von Bundeskanzler Faymann und SP-Geschäftsführerin Laura Rudas angenommen hat, die Nachfolge des erfahrenen Franz-Vranitzky-Ex-Pressebetreuers Karl Krammer als Sprecher des SP-Freundeskreises im ORF-Stiftungsrat anzutreten.

Wer solch eine liebe Familie hat, dessen Start ins harte Berufsleben voll Unsicherheiten und Unwägbarkeiten verfügt schon mal über eine gehörige Portion Glück. Der Bekanntheitsgrad der Älteren allein aber ist es nicht, der dem Jungen zum Vorteil gerät. Es ist vielmehr der Lebens- und Diskussionsstil in seiner Familie sowie der familiäre Zusammenhalt, der den SP-Jungpolitiker geprägt hat. „Ich habe ein großes Vertrauensverhältnis zu meinem Vater, ich war in der Pubertät kein Widerstandskämpfer, bin aber eher ein Linker“, sagt Niko P. denn auch. Und wer den drei Männern gegenübersitzt und sie beim Diskutieren beobachtet, der kann sich gut vorstellen, wie sie zu Hause debattieren. Mit dabei ist stets auch Nikos Mutter, eine Psychotherapeutin, eigenständig und empathiefähig, sowie Nikos Schwester (18), die die Mutter nach Henrik Ibsens „Nora oder ein Puppenhaus“ benannt hat. Die Familie ist die Diskussion gewöhnt. Das Diskutieren gehört zu ihrem Leben. „Meine Mutter“, so der Sohn, „ist ein ganz wichtiger Mensch für mich. Und da kommt es oft zu spannenden Debatten, hier die kühle politische Analyse, da die menschliche Analyse.“

Laute Familiendispute

Dabei sind die Themen so vielschichtig, wie es die Aktualität oder der Zufall vorgeben, woran sich eben die Debatte entzündet. Inhaltlich steht zumeist das Politische und Historische im Vordergrund, natürlich auch Parteipolitisches, egal welchen Couleurs. „Da kann es schon auch sehr laut werden“, lacht NP.

Im typisch österreichischen Links-Rechts-Spektrum zählen die Pelinkas zur linken Staatshälfte. Selbst positioniert sich der parteiunabhängige Politologe Anton P. eher Mitte links bis liberal; der Journalist Peter P. ist seit der Jugend SP-Mitglied, war von 1980 bis 1990 Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“, danach bis 1991 deren Chefredakteur. Heute pflegt er u. a. gute Kontakte zur Kirche und seinerzeit auch zur LIF-Gründerin Heide Schmidt, über die er ein Buch geschrieben hat. PP: „Da gab es in der SPÖ kurze Zeit eine Verstimmung.“ Und ORF-Stiftungsrat Nikolaus P. ist ebenfalls seit dem Gymnasium SP-Mitglied, selbst bezeichnet er sich als „eher links“. Früher habe er manchmal „extrem linke, maoistische Sprüche“ von sich gegeben, erinnert sich ein gleichaltriger Kollege des Vaters, der bei den Pelinkas manchmal zu Gast ist.

Wohl dürften sich Nikos Extrempositionen mittlerweile gegeben haben, doch allein seine Jugend bringt es mit sich, dass die erfahrenen Älteren differenziertere Ansichten vertreten. Ein Thema, bei dem es erst jüngst solche Auffassungsunterschiede gegeben hat, war die israelkritische Resolution des Wiener Gemeinderates. Das war am 14. Oktober, denn da feiern beide, Onkel und Neffe, jedes Jahr ihren Geburtstag. Anlass genug für ein größeres Familienbeisammensein.

Die Diskussion über Nikos Entscheidung pro ORF-Stiftungsrat hatte freilich schon zuvor stattgefunden. Beide, Vater wie Onkel, haben ihm abgeraten. Er sei zu jung und noch zu wenig erfahren für solch eine tückenreiche Funktion. Peter P.: „Ich hätte es lieber gehabt, wenn er politikferner geblieben wäre.“ Doch der Sohn ließ sich nichts sagen, wiewohl er sehr gerne Pressesprecher von SP-Bildungs- und Kulturministerin Claudia Schmied gewesen sei: „Sie hat mich politisch geprägt. Ich habe von ihr viel gelernt. Sie hat Haltung. Natürlich gehören Kompromisse zum Leben, aber sie verliert ihr Ziel dennoch nicht aus den Augen. Das ist Haltung. Mir imponieren solche Menschen.“ Dazu zähle auch Christian Kern, CEO der ÖBB Holding AG, der ihn in die neue Abteilung Public Affairs holte. Die „Salzburger Nachrichten“ nannten NP deshalb „Polit-Lobbyist der ÖBB“.

Vater und Onkel stammen aus einem fest katholischen ÖVP-Haus. Der Vater war der „höchstrangige Alibi-Schwarze“ (Anton P.) in der „roten“ Städtischen Versicherung, die Mutter noch katholischer als ihr Gatte. Sonntags sieben Uhr früh Messgang der ganzen Familie in die Wiener Stephanskirche, erst danach gab es zu Hause im Achten warmes Frühstück. Und dann ging’s auf den Fußballplatz in Ottakring. Beide Söhne waren Ministranten und bei der Katholischen Jungschar; Peter war sogar eine Zeit lang bei der Marianischen Kongregation. Anton P. begann seine Gymnasiumszeit bei den Schotten, bis er rausflog, wegen unbotmäßigem Verhalten. Seine Mittelschulzeit zu Ende brachte er im Piaristengymnasium. Bruder Peter ist dann zehn Jahre später gleich ins Piaristengymnasium gegangen.

Niko Pelinka hingegen ist ohne Bekenntnis, besucht ab dem Volksschulalter die erste Integrationsschule Wiens, damals ein Pilotprojekt, bei dem geistig behinderte Kinder mit unbehinderten in eine gemeinsame Schule gehen. Das ist eine Gesamtschule bis zum 14. Lebensjahr. Schon dort lernt er, mit „gesellschaftlicher Vielfalt umzugehen“. Ab der fünften Klasse Mittelschule geht er ins Erich-Fried-Gymnasium, in der Albertgasse. Danach folgen Zivildienst und der Universitätslehrgang für „Politische Kommunikation“ an der Donau-Universität Krems. Leiter des Lehrganges ist Peter Filzmaier, Politikwissenschaftler und ORF-Stammgast. Damals wollte er Journalist werden. So betätigt er sich zwischendurch als Vize-Chefredakteur des 1999 gegründeten Online-Jugendmagazins „chilli.cc – Europas unabhängige Jugendseite“ (Blattlinie: gesellschaftsliberal) sowie als innenpolitischer Volontär im „Standard“. „Bald schon aber“, erzählt NP selbstbewusst, „wollte ich lieber gestalten.“

„Auf der Straße gelernt“

Es ist die Wende im Jahr 2000, die schwarz-blaue Koalition, die den jungen Pelinka politisiert. Da ist er gerade mal 13 Jahre alt. Und da habe er „auf der Straße erlebt, dass es alleine um Macht und nicht um Regierungsfähigkeit geht“. 2005 beteiligt er sich am Jugend-Wahlkampf für die SPÖ Wien, vor der Nationalratswahl 2006 ist er Mitorganisator der überparteilichen Aktion Change 06. Geholt wird er von Ferdinand Lacina und Georg Lansky. Nach der Wahl wird
er parlamentarischer Mitarbeiter bei Andreas Schieder, bis ihn Anfang 2007 SP-Bildungs- und Kulturministerin Claudia Schmied zu ihrem Pressesprecher macht.

In dieser Funktion lernt ihn auch der von Schmied berufene Leiter der Expertengruppe zur Schulreform, Bernd Schilcher, kennen. Und schätzen. Der ehemalige Klubobmann der ÖVP-Steiermark, im Privatleben Universitätsprofessor für Zivilrecht: „Er hat sein Geschäft gut verstanden und ist unheimlich geschickt mit einzelnen Journalisten umgegangen. Er hat feine Manieren, Sinn für Eleganz, äußerlich und innerlich, und er hat Handschlagsqualität. Er weiß sich durch die Stütze seines Vaters und Onkels gut eingebettet, das macht ihn sicher. Er schaut jung aus, ist aber sehr reif.“ Nachsatz: „Manchmal erinnerte er mich an den jungen Joschi Krainer. Im Gegensatz zu diesem jedoch ist Niko Pelinka kein Suchender. Er weiß, was er will. Er ist eine Mischung aus jugendlicher Unvoreingenommenheit und Selbstbewusstsein.“

Das lässt NP denn auch die zahllosen Schmäh-Blocks und medialen Seitenhiebe anlässlich seiner Blitzkarriere – „Wie soll so jemand unabhängig agieren?“ etwa – gelassen wegstecken: „Vorurteile gibt es immer, besonders gegen Junge. Das bin ich gewohnt.“ Weniger leicht indes tut er sich mit der Kritik anlässlich seines ÖBB-Postens, den er erst nach der Verankerung im ORF-Stiftungsrat antrat. Zwar hat der Schnelldenker auch da eine Erklärung parat, ob sie geglaubt wird, ist eine andere Frage. Jung-Pelinka: „Rückblickend war es ein Fehler, zuerst ORF und dann erst ÖBB. Zumal die Tätigkeit beim ÖBB ja schon länger ausgemacht war, aber eben nicht bekannt. Und beim ORF konnte man nicht zuwarten. Mein Vater hat mich vor dieser Optik gewarnt.“

Erschienen in Ausgabe 10+11/2010 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 56 bis 59 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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